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Lange Bücher

Was weg kann

Ein paar Vorschläge gegen Geschwätzigkeit in der Weltliteratur

Von Robert Cohen
Foto: Pond5 Images/imago
Kann weg

Bei der Lektüre von Victor Hugos »Die Elenden« (in der Übersetzung von Edmund Th. Kauer, Aufbau 2006), nach etwa 300 Seiten des 600seitigen Taschenbuchs ein Blick aufs Impressum: Ich las eine gekürzte Ausgabe. Ich brach die Lektüre ab. Zwei Wochen später die mehr als 1.300 Seiten lange Übersetzung von G. A. Volchert (Anaconda-Verlag 2013). Ich begann nochmals von vorn. Nach mehr als 400 Seiten, eine Passage mit dem, im Internet frei zugänglichen, französischen Original vergleichend, stellte ich fest: Eine mehrere Seiten lange Passage fehlte. Anders als bei Aufbau findet sich in der Anaconda-Ausgabe kein Hinweis auf Kürzungen. Zum zweiten Mal gelackmeiert. Welche banausischen ***löcher haben sich diese Kürzungen angemaßt? Und welche herausgeberischen ***sköpfe waren zu faul oder zu ignorant, um die Übersetzung mit dem Original zu vergleichen? Und kein Verlegerverband, der solchen Hinterslichtführereien den Riegel schiebt? Längen eines Werks kritisieren ist legitim, Kürzungen vornehmen ist eine ***erei. Den geistig zu kurz gekommenen ***eln, die in Hugos Werk herumfuhrwerkten, gehört der ***gehörig ***sohlt. Oder, besser noch: *** *** *** ***, und das ein für alle Mal!

Aber vielleicht habe ich unrecht? Manche Leserinnen und Leser haben natürlich Wichtigeres zu tun, als ihre Zeit mit der Lektüre überlanger Schwarten zu vergeuden. Da ist es nur billig, wenn Verlage der Aufmerksamkeitsspanne der Leserschaft und deren beschränkten Möglichkeiten, ihre Zeit zu verplempern, dadurch Rechnung tragen, dass sie überflüssigen Firlefanz weglassen, etwa auch Passagen, die dem guten Geschmack nicht zumutbar sind. Im Sinne eines Brückenschlags hier ein paar Vorschläge, wo bei besonders dicken Werken des Kanons Kürzungen angemessen wären:

Rabelais’ »Gargantua«: Bei allem Verständnis fürs Plebejische, die vielen Abschnitte über Scheißen, Furzen und Kotzen können wegfallen, natürlich auch die Passage, wo Gargantua von der Notre-Dame-Kathedrale auf das Volk von Paris hinabbrunzt. Nebenbei: Wie kommt ein so ungehobeltes Werk in den Kanon?

– »Don Quijote«: Die vielen Abschweifungen und eingeschobenen Novellen und die Passagen über Cide Hamete Benengeli, den angeblichen Herausgeber des Romans, sind unnötig. Dito die vielen slapstickartigen Prügeleien, die besser zu den Keystone Kops passen. Alles in allem ähnliche Vorbehalte wie bei »Gargantua«.

– »Krieg und Frieden«: Die lange Passage über die Schlacht bei Borodino kann wegfallen, der Hugo-Bewunderer Tolstoi hat sie ohnehin bei »Die Elenden« (Passage über die Schlacht bei Waterloo) abgekupfert. Durch diesen Wegfall konzentriert sich das Geschehen auf den Frieden, so dass Tolstois Roman schlicht »Frieden« heißen könnte. Die Lektürezeit würde wesentlich verkürzt, gestaltete sich außerdem angenehmer.

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– »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«: Im Ernst, wer hat Zeit, die 4.500 Seiten zu lesen? Die ersten sechzig Seiten, bis man endlich zur Szene mit der Madeleine gelangt, sind überflüssig. Jedoch ist mit deren Wegfall wenig gewonnen. Streichen wir also, um Prousts Exzesse einzudämmen, Bd. 5 (»Die Gefangene«) und Bd. 6 (»Die Entflohene«), da fallen mehr als 1.000 Seiten weg. Prousts Frauen sind sowieso weniger interessant als seine Männer.

– In Joyces »Ulysses« können die Passagen über Blooms Onanieren beim Anblick von Gerty sowie der Schluss, Mollys Bewusstseinsstrom mit den vulgären Sexszenen, wegfallen. Dies auch im Hinblick auf eine jugendliche Leserschaft. Allerdings dürfte gerade eine jugendliche Leserschaft sich für diese Passagen interessieren. (Frage an den Verlag: Ist mit einer jugendlichen Leserschaft überhaupt zu rechnen?)

– »Der Zauberberg«: Als Entgegenkommen gegenüber einem breiten Teil der Leserschaft kann der obskure Disput zwischen Naphta und Settembrini wegfallen.

– Uwe Johnsons »Jahrestage«: Mit der Streichung der täglichen Auszüge aus der New York Times (deren literarischer Wert ohnehin fragwürdig ist) können die 2.000 Seiten wesentlich gekürzt werden.

– »Die Ästhetik des Widerstands«: Weiss’ Roman kann um die Passagen über die Geschichte der Linken gekürzt werden. Er wird dadurch nicht nur sehr viel kürzer, sondern auch ausgewogener.

(Auf Kürzungen in der »Ilias«, in der »Göttlichen Komödie«, im »Wilhelm Meister«, in Gogols »Die toten Seelen«, Flauberts »Bouvard und Pécuchet« und Musils »Der Mann ohne Eigenschaften« komme ich bei anderer Gelegenheit zurück.)

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Erschienen in der Ausgabe vom 05.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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→ Leserbriefe
  • Mirjam Glaser aus Konstanz 7. Sept. 2026 um 08:15 Uhr
    Versuche immer alte DDR-Ausgaben zu finden, hier »Die Elenden« im Verlag Volk und Welt. Sie hatten die besten Übersetzer*innen und ein Ethos als Verlag, das auch im Reihentitel »Bibliothek der Weltliteratur« zum Ausdruck kommt. Anaconda hat nichts davon, die drucken einfach gemeinfreie Texte nach, ohne Sinn und Verstand, so kommt’s mir vor. Verlage mit solchem Profil wie es sie in der DDR gab, sind leider selten, die Lust auf Entdeckungen haben und für die Qualität und nicht erwartete Verkaufszahlen ein Kriterium sind. Guggolz und Matthes&Seitz sind zum Beispiel solche. Deine Kürzungsvorschläge: Die Schinken, die Du aufzählst, kenn ich nicht alle, aber wo ich sie kenne, bin ich einverstanden und musste oft grinsen. Nur »Krieg und Frieden« würd ich lassen, wie’s ist. Göttliche Komödie (hier unbedingt die Übersetzung von Kurt Flasch) – mein Vorschlag: das ganze Paradiso streichen, voll langweilig im Gegensatz zu Hölle und Fegefeuer. Auf Deine Kürzungsvorschläge der »Toten Seelen« bin ich gespannt und wie bei Tolstoi schonmal dagegen. Beste Grüße Mirjam Glaser, Konstanz
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