Der deutsche Imperialismus und die Juden
Dokumentiert. Reinhard Opitz über Kriegsziele des deutschen Großkapitals 1914 und die Haltung zur zionistischen Bewegung
Aber der organisierte Massenmord an den Juden in den Vernichtungslagern, diese ja nicht nur in ihrer Unmenschlichkeit, sondern auch ihrer Sinnlosigkeit oder Wahnhaftigkeit so unfassliche Tat der deutschen Faschisten, kann doch nichts mit Kapitalinteressen zu tun gehabt haben, die bekanntlich handfeste und nüchterne sind; zumindest hier liegt ja wohl eine »Verselbständigung« der politischen Machthaber des NS-Regimes von den Interessen des deutschen Monopolkapitals vor, eine Umsetzung ihrer diesen Interessen doch gar nicht dienlichen eigenen »ideologischen« Ziele in die Praxis – ein Paradefall also des Triumphes der »Politik« über die »Ökonomie«. So die in der Bundesrepublik nahezu allenthalben zu hörende Meinung, die der marxistischen Bestimmung des Faschismus als terroristische Diktatur der Interessen des Monopolkapitals entgegengehalten wird als der sich gleichsam seiner selbst gewisseste, vermeintlich nur von der Empirie selbst gelieferte Einwand.
Auch diese, anlässlich der »Holocaust«-Debatte noch einmal allseits bekräftigte Meinung und dieser Einwand aber lassen sich nur solange äußern, wie man an den Dokumenten vorbeisieht, die uns hierzu das Großkapital selbst – und zwar beginnend zu einer Zeit, in der noch kein einziger späterer NS-Führer ahnen konnte, dass er einmal einer werden würde – hinterlassen hat und aus denen sich überhaupt erst der Zugang zum Verständnis des engeren politischen Kontextes erschließt, in dem die Judenpolitik des deutschen Faschismus stand, – Dokumente, aus denen ersichtlich wird, dass es ein bis in die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg zurückreichendes allgemeineres – und zwar genuin großkapitalistisches – Drängen auf Menschenvertreibungen gab, zu dem die Judenvertreibung als nur ein Programmteil gehörte.
Denn das imperialistisch gewordene deutsche Großkapital – und ihnen voran wieder das Sprachrohr seiner annexionistischen Fraktionen, der »Alldeutsche Verband« – verlangte nicht nur die politische Vorherrschaft über das gesamte Territorium Europas und die Ausdehnung des Deutschen Reiches in ihm zum »Großdeutschen Reich«, es verlangte auch, dass dieses europäische Gesamtterritorium ein der deutschen Herrschaft dann nicht etwa fortwährend von innen her Schwierigkeiten machendes und gegen sie aufbegehrendes, sondern ein im Innern »feindfreies« Territorium zu sein habe, dass es in ganz besonders hohem Maße als ein dem Deutschen Reich selbst durch Annexion einzuverleibendes Gebiet in seiner Gefolgschaftsbereitschaft gegenüber der deutschen Reichsführung absolut zuverlässig und, wo dies die jeweils ansässige Bevölkerung nicht zu gewährleisten scheint, lieber »menschenleeres« Land zu sein habe.
Bereits 1912 hatte Heinrich Claß in seinem schon mehrfach erwähnten »Kaiserbuch« geschrieben: »Haben wir nun gesiegt und erzwingen wir Landabtretungen, so erhalten wir Gebiete, in denen Menschen wohnen, Franzosen oder Russen, also Menschen, die uns feind sind, und man wird sich fragen, ob solch ein Landzuwachs unsere Lage verbessert ... wenn man gerade der besonderen Lage des deutschen Volkes ganz auf den Grund geht, das in Europa eingeschnürt ist und unter Umständen bei weiterem starken Wachstum ersticken würde, wenn es sich nicht Luft macht, so wird man anerkennen müssen, dass der Fall eintreten kann, wo es vom besiegten Gegner im Westen oder Osten menschenleeres Land verlangen muss –.« Und für Russland erhob das Buch (also der »Alldeutsche Verband«) diese Forderung schon definitiv: » … wir werden die Gebietsabtretungen verlangen, die uns eine bessere Grenze und gleichzeitig Siedlungsland gewähren, wobei die Evakuierung sich nicht umgehen lassen wird.«
Solche Erklärungen nehmen mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges dann handfestere Konturen und in Erwartung des erhofften Sieges erweiterte Dimensionen an. Jetzt schreibt Heinrich Claß in seiner großen Kriegszieldenkschrift vom September 1914: (…) Russland solle bis zum Dnjepr zurückgedrängt werden, um »den Landhunger des deutschen Volkes zu stillen«. (…) Bei seiner Kategorisierung der Völkerschaften im zu erobernden »Osten« nennt Claß als »eine eigene Gruppe« die Juden: Sie bereiteten »ganz besondere Schwierigkeiten«, denn »es sitzt dort eine ganz gewaltige Zahl von ihnen«. Sie im Lande zu belassen oder sie gar »sich über Deutschland ergießen zu lassen«, sei völlig ausgeschlossen und keinesfalls dürften sie im vorgesehenen »östlichen deutschen Neuland bleiben, da sie dessen Entwicklung aufs äußerste gefährden würden«.
Der bisher einzige praktikable Vorschlag sei der, Russland im Friedensvertrag aufzuerlegen, sie in sein Gebiet aufzunehmen. Der Krieg brächte jetzt jedoch noch eine zweite Lösungsmöglichkeit in Sicht, für die sich die alldeutsche Denkschrift als eine noch günstigere einsetzt: die völkische Bewegung im Judentum selbst, die »zionistische Bewegung«, bei einem siegreichen Kriegsausgang zum Erfolg zu bringen, indem Deutschland und Österreich in den Friedensverhandlungen der Türkei abverlangen, Palästina den Juden zu überlassen, wohin man dann alle Juden Europas aussiedeln könne.
→ Reinhard Opitz (1934–1986): Wie hingen im deutschen Faschismus der Antisemitismus, die Judenverfolgungspolitik und die Judenvernichtung mit den Interessen des Monopolkapitals zusammen? In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 192–195
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
