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Freier Fall

BSW-Krach wegen Thüringer Koalition

Foto: dts Nachrichtenagentur/IMAGO
Das BSW rutscht in den Umfragen unter fünf Prozent – der Krawall ist also leicht zu erklären (Magdeburg, 7.12.2026)

Der Anfang vom Ende der PDS-Wahlerfolge begann mit der Unterstützung der SPD-Landesregierung in Sachsen-Anhalt 1994. Opposition? Auf Wahlplakaten. Bereits nach acht Jahren erhielt die Partei bei den Bundestagswahlen weniger als fünf Prozent, nur Gesine Lötzsch und Petra Pau saßen mit Direktmandaten im Bundestag. Die zugewiesene Aufgabe, den Protest gegen den Absturz Ostdeutschlands zu kanalisieren, schien erfüllt. Der Parteiapparat packte nicht nur symbolisch die Koffer. Außerdem hatten etwa fünf Millionen Menschen die Ex-DDR verlassen. Da war niemand mehr, der zu Aufstand neigte. Dann erfand Gerhard Schröder die »Agenda 2010« und Oskar Lafontaine sammelte in SPD und DGB Leute, die von Armut per Gesetz nichts hielten. 2005 landete die Partei bei 8,7 Prozent. Freunde wurden die Regierungssozialisten und die Lafontaine-Truppe nie, erstere behielten die Oberhand.

Auch das BSW bewegt sich wie jede sozialdemokratische Partei zwischen Protest und Postenjagd. Im Herbst 2024 spülten zweistellige Ergebnisse die Partei in die Landtage von Sachsen, Thüringen und Brandenburg, und so begann mit den Regierungsbeteiligungen in Thüringen und Brandenburg der Abstieg. Wer Minister stellt, muss mit NATO und Aufrüstung einverstanden sein, vor allem aber mit den Eigentumsverhältnissen, dem schnelleren Reichwerden der Reichen und der schnelleren Verarmung der Armen. Etwas anderes kann sich dieser Staat nicht leisten. Die Regierungsbeteiligung in Brandenburg erledigte sich rasch durch groben Unfug und groteske Figuren. In Thüringen will der BSW-Bundesvorstand auf einmal die Koalition kippen, obwohl es zur Personalie Mario Voigt nichts Neues gibt: Die Vorwürfe gegen ihn waren bekannt.

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Warum also der Krach? Die Partei stürzt in den Umfragen ab. Sie besagen, dass das BSW in allen drei anstehenden ostdeutschen Landtagswahlen nicht über fünf Prozent kommt. Das verlangt im Politzirkus, irgendeinen Krawall zu veranstalten, um in die Medien zu kommen. Hat allerdings den Nachteil, dass nun Björn Höcke an Sahra Wagenknecht klebt. Schwer vorstellbar, dass das für größere Teile der alten Anhänger auszuhalten ist. Und die AfD-Wähler beißen trotz diverser BSW-Köder offenbar nicht mehr an. Es sieht nach freiem politischen Fall aus.

Die politische Gravitation ähnelt da der physikalischen: Das ist kaum zu stoppen, unabhängig davon, womit das Gezeter um die Koalition in Thüringen endet. Die BSW-Landesvorsitzende sah am Dienstag im MDR eine »stabile Landesregierung« in Erfurt und ihre angebliche Opponentin Anke Wirsing ließ verlauten, sie werde sich »nicht gänzlich gegen die Koalition stellen«. Diäten und Ministersessel sind einfach politische Kronjuwelen, die man nicht wegwirft. Im übrigen soll nach dem Willen der Landesregierung auch Thüringen ein Musterland der Rüstungsproduktion werden. Mario Voigt muss bleiben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 3, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Fridolin aus Berlin 19. Aug. 2026 um 05:49 Uhr
    Das ist eine stark verkürzte und irrige Sicht: 1. Die Abwerbung von AfD-Wählern mag die Strategie von Sahra und größeren Teilen des Bundesvorstands sein. Sie irren sich und sind erfolglos. Vielmehr liegt die tatsächliche Basis des BSW in den Stadtteilen der Arbeiter, darunter auch viele migrantische. Auch im Westen kommt diese Basis auf bis zu 10 Prozent; die meisten wählten vorher SPD, Linkspartei oder gar nicht; das zeigten die vorhergehenden Wahlen (Bundestags- und Europawahl) sowie alle Umfragen bis zum aktuellen Krawall. 2. Die Verbindung von Friedenspolitik mit dem Kampf gegen den Sozialabbau ist beste sozialdemokratische Tradition, z. B. im Sinne Willy Brandts. Und damit könnten auch Wahlen gewonnen werden! Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Arnold Schölzel hätte zu denken geben können, dass der Oskar Lafontaine, der seinerzeit versuchte, den Aufstand der Armen gegen Hartz 4 in die PDS einzubringen, auch die Gründungsversammlung des BSW mit einer programmatischen Rede beeinflusste. Aber diese Richtung ist im BSW durch die Parteileitungen marginalisiert worden. Viele BSW-Mitglieder verstehen Sahra nicht mehr. 3. Die Zerlegungen ganzer Landesvorstände und Fraktionen durch die Bundesebene, die ständigen Austrittswellen, jüngst wieder mehrere Kreisvorstände in Sachsen-Anhalt, sind nicht zu beschönigen. 4. Das ist maßlos: Klein-Sahra versucht heldenhaft, eine ganze Landesregierung in Thüringen zu sprengen, um Wahlkampf in Sachsen-Anhalt zu führen? 5. Die Meinungsumfragen zeigen, wem der aktuelle Krawall nützt: Nicht (!) dem BSW, sondern der AfD, den Medien und speziell auch der Kreidefresserei des völkischen Nazis Höcke.
  • Roland Weinert aus 65366 Geisenheim 18. Aug. 2026 um 20:32 Uhr
    Georg Kreisler, Der Euro, Text/Musik: Georg Kreisler 1997: »Man kann nicht umhin zu sagen, dass Wien eine herrliche Stadt voller Charme ist. Auch London ist schön und Paris an der Seine, sogar Oslo macht Spaß, wenn’s dort warm ist. Aber nix bleibt stabil, weil: die Zeit ändert viel. Die Zeit ändert überhaupt alles. Im nächsten Jahrhundert bleibt nix, wie’s halt ist. Ich bin kein Prophet, aber eins weiß ich g’wiß: Einmal wird der Eiffelturm nicht mehr sein, und wo jetzt der Louvre steht, wachst der Wein. Nur der Euro, der bleibt, weil den nix mehr vertreibt. Der wird all’s überleb’n, der allein. Unser Wiener Stephansturm, der fallt um, und wo jetzt die Oper ist, dort san’s stumm. Nur der Euro bleibt stehn; von Berlin bis Athen tanzt der Euro um alle herum. […] Auf die Champs-Élysées wird ka Wert g’legt, und das Tivoli wird unter d’ Erd g’legt. Aus Warschau wird Schutt. Die Schweiz ist kaputt. Die Grachten erfriern. Die Schweden emigriern. Dann werd’n militant alle Häuser verbrannt und als Waren- und Bürohäuser neu eingespannt, [ ... ] Mozart verraucht, weil man’n net braucht. Gleich hinter Mozart raucht Goethe. Bach wird verjazzt, Rembrandt zerkratzt. Shakespeare hat auch seine Nöte. Goldoni und Moliere krieg’n ein neu’n Regisseur. Nur findet auch der kein Theater. Denn Theater san g’schlossen, die Museen stehen leer. Und Buchläden gibt es schon lang keine mehr. Was braucht ein moderner Mensch Lit’ratur? Auch von Philharmonikern keine Spur! Nur der Euro bleibt stark! Den legt niemand in’n Sarg! Hast du Euro, dann hast du Kultur. Der kann Kunst imitiern, der kann die Politiker schmiern, der baut Banken zu den Sternen, baut McDonalds, baut Kasernen, der schmückt’s Fernsehn mit ein’m Glorienschein: Man ist stolz, Europäer zu sein! Für den Euro sterb’n die Poeten, und zum Euro lernt man beten: Euro unser, der du bist … Und dann merkt auch der letzte Tourist, was Europa ist.«
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