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Eine Frage von Klasse

Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Wer nicht ausbildet, braucht sich über Mangel an Fachkräften nicht zu beschweren (Berlin, 21.1.2026)

Eine Volkswirtschaft hat ein herausragendes Interesse daran, dass ihre Jugend sich in den Arbeitsmarkt einpasst, um den Reichtum der Nation zu schaffen. In Zeiten, in denen allseits über eine Überalterung der Gesellschaft und mangelhafte Produktivitätsfortschritte geklagt wird, kommen Nachrichten aus dem Statistischen Bundesamt, wonach zehn Prozent der 20- bis 24jährigen weder in einer Ausbildung stecken noch irgendeiner registrierten Beschäftigung nachgehen, nicht sehr gut an. Denn das nationale Gesamtkapital benötigt einen leidlich ausgebildeten Nachwuchs ihrer auszubeutenden Arbeitskräftemannschaft. So klagt und klingt denn auch die Presse.

Was Heike Göbel für die FAZ, ist Dorothea Siems für die Welt. Die neoliberale Dampframme hat aber zudem »Goldene Worte von Kanzler Kohl« als ihr Vademecum immer griffbereit und findet, auf die trübe Situation passe das Kanzlerwort vom »kollektiven Freizeitpark Deutschland«, in dem sich vor allem der faule Ausländer vergnügen darf: »Seit 2015 kamen immer mehr Migranten ins Land, die oft nur schwer oder gar nicht auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen, obwohl Personal auch für einfache Tätigkeiten überall gesucht wird. Ein Grund, warum dennoch etliche das Nichtstun präferieren, wurzelt im Sozialstaat.« Für eine Zeitung, deren Verleger dem Land mal mehr, mal weniger offen das »schwarz-blaue« Bündnis empfiehlt, gehört das Spiel mit dem Ressentiment zum guten Ton.

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Thomas Sigmund vom Handelsblatt kommt ohne aus und stellt fest: »Deutschland verblödet sich arm«. Die Rechnung ist einfach: Da sind »die jungen Menschen, die wir nicht in den Arbeitsmarkt bekommen. Deutschland muss ohnehin deutlich produktiver werden, um seinen Wohlstand auch nur zu halten. Und Länder mit einer besser ausgebildeten Bevölkerung sind produktiver und wachsen.« Beim Wirtschaftsblatt aus Düsseldorf kennt man den Unterschied zwischen konstantem und variablem Kapital und weiß, es kommt auf beide an: »Man muss nicht nur in Maschinen, sondern auch in Menschen investieren.«

Dietrich Creutzburg von der FAZ ist sich da nicht so sicher, die Kapitalseite sieht er jedenfalls nicht in der Bringpflicht: »Wer, wie heute selbst Teile der CDU, Betriebe mit Strafgebühren namens ›Ausbildungsumlage‹ bedroht, wenn sie keine Azubis finden, versteht den ökonomischen Kern des Problems nicht.« Den uns der Creutzberg allerdings auch nicht verrät. Leser seiner Zeitung, wie auch der von Handelsblatt und Welt wissen ohnehin, was gemeint ist. Ist alles keine Frage von Stil, sondern von Klasse. (brat)

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 2, Ansichten

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