Vertrauensleute bei Mercedes gegen Klassenkampf von oben und für Deutschland
Das Sozialpartnerschaftsdenken ist in der deutschen Gewerkschaftsbewegung tief verankert. Wie tief, zeigt dieser offene Brief der Vertrauenskörperleitungen der IG Metall bei Mercedes-Benz an den Bundeskanzler von Dienstag, der vielversprechend überschrieben ist mit: »Schluss mit dem Klassenkampf von oben!«
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
(…) Wir hören aus der Politik immer wieder dieselbe Botschaft: Angeblich sind wir schuld an den Problemen der deutschen Wirtschaft. Wir seien zu faul. Zu teuer. Zu häufig krank. Und deshalb sollen wir jetzt den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Wir sollen länger arbeiten. Später in Rente gehen. Und bei der Gesundheitsversorgung immer tiefer in die eigene Tasche greifen. Gleichzeitig sollen in den kommenden Jahren Zehntausende Industriearbeitsplätze verschwinden. All das ist ein direkter Angriff auf uns Arbeitnehmer und auf die Zukunft unserer Kinder!
Besonders kritisch sehen wir die Diskussion über eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters. Schon heute ist es für viele Kollegen in der Industrie alles andere als selbstverständlich, überhaupt die Regelaltersgrenze zu erreichen. Die Debatte greift viel zu kurz, wenn ausschließlich auf das Lebensalter geschaut wird. Entscheidend ist auch, wann ein Mensch ins Berufsleben eingetreten ist. Wer mit 16 oder 17 Jahren eine Ausbildung beginnt, hat oft schon zehn Jahre harte Arbeit in den Knochen, bevor andere nach einem Studium überhaupt ins Berufsleben starten. Diese Unterschiede müssen sich in der Rentenpolitik widerspiegeln. Wer jahrzehntelang Beiträge gezahlt und körperlich oder psychisch belastende Arbeit geleistet hat, muss auch die Möglichkeit haben, früher abschlagsfrei in den Ruhestand zu gehen. Eine Rente mit 70 ist deshalb für uns vollkommen realitätsfern. (…)
Mit größter Sorge verfolgen wir außerdem die Diskussion über eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes. Der Achtstundentag ist keine veraltete Vorschrift. Er ist eine der größten sozialen Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung. Er schützt Gesundheit, Sicherheit und Würde der Beschäftigten und setzt der immer weiteren Verdichtung der Arbeit notwendige Grenzen. Gerade in der Automobilindustrie leisten viele Kollegen Zweischicht- und Dreischichtarbeit. Wechselnde Früh-, Spät- und Nachtschichten belasten den Biorhythmus, erhöhen gesundheitliche Risiken und erschweren das Familien- und Sozialleben erheblich. (…) Mehr Arbeitszeit bedeutet hier nicht mehr Leistung. Sie bedeutet mehr Überlastung, mehr gesundheitliche Schäden und ein höheres Unfallrisiko. Wir haben den Achtstundentag erkämpft – und wir werden ihn verteidigen! (…)
Herr Merz, bei vielen Kollegen ist immer mehr die Überzeugung gewachsen, dass im Bundestag nicht die Interessen der Arbeitnehmer vertreten werden. Diese Tendenz ist fatal, denn sie spielt Gruppierungen jenseits der politischen Mitte in die Karten. Sie haben die Möglichkeit, einen anderen Weg einzuschlagen. Einen Weg, der sich an den Interessen und der Lebenswirklichkeit der Beschäftigten orientiert.
Deshalb wenden wir uns nicht als Bittsteller an Sie, sondern als Partner: Wir sehen die dringende Notwendigkeit, unsere Wirtschaft in Deutschland anzukurbeln, denn ohne funktionierende Wirtschaft – ohne große Unternehmen, ohne den Mittelstand – gibt es auch keine Arbeitsplätze in diesem Land. Aber wir sehen auch, dass der Weg dorthin im Moment an uns Arbeitnehmern vorbeigehen soll. Wir appellieren daher an Sie: Setzen Sie den Kurs des Klassenkampfs nicht weiter von oben fort, sondern hören Sie den Menschen in diesem Land – hören Sie ihren Wählerinnen und Wählern – zu. (…)
Lassen Sie uns gemeinsam an einem Strang ziehen. Für ein Deutschland, auf das wir wieder stolz sein können, und für eine deutsche Politik, von der sich unsere Kollegen verstanden fühlen.
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