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Vorgänger des Marxismus

Gottloser Gottesmann

Vorabdruck. Der katholische Priester Jean Meslier war einer der radikalsten Atheisten des 17. Jahrhunderts. Mit seiner Kritik der Kirche und der feudalen Ungleichheit zählt er zu den frühen Vertretern eines Kommunismus vor Marx

Von Joshua Graf
Foto: Rossignol Kharbine Tapabor/IMAGO
»Die Religion unterstützt die politische Macht, wie schlecht sie auch sein mag«, schrieb Meslier. Die Kirche unterstützte die königliche Ausplünderung der Landbevölkerung. Im Bild: Kleriker vertreiben steuersäumige Bauern aus ihren Häusern (französische Schulwandtafel, 1950er Jahre)

→ In diesen Tagen erscheint im Kölner Papy-Rossa-Verlag der Band »Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Kommunismus vor Marx« von Joshua Graf. Wir dokumentieren daraus mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag das Kapitel über den katholischen Priester Jean Meslier (1664–1729). (jW)

Während die englischen »Digger« eine egalitäre Auslegung der Bibel als legitimatorische Grundlage der Gütergemeinschaft und als Nachweis des moralischen Frevels des individuellen Eigentums heranzogen, zeigte sich Jean Meslier als einer der schärfsten Kritiker von Religion und christlicher Lehre überhaupt. Meslier ist fraglos einer der scharfsinnigsten Atheisten der Geschichte. Dies ist für das späte 17. Jahrhundert zwar generell ungewöhnlich, geradezu abstrus erscheint es jedoch, wenn man sich Jean Mesliers Beruf vergegenwärtigt: Er war zeitlebens Priester. Diese widersprüchliche Konstellation brachte ihm den Titel »gottloser Gottesmann« oder auch »Atheist im Priesterrock« ein.

Meslier wurde vermutlich 1664 in einem Dorf der Champagne im feudalen Frankreich geboren – seine Taufe ist für den 15. Juni desselben Jahres in Mazerny belegt. Seine Kindheit verlief weitgehend unspektakulär: »Er besuchte die Gemeindeschule, wo er durch wachen Verstand und Wißbegierde auffiel und wohl auch deshalb, zudem möglicherweise auf Anraten des Gemeindepfarrers, von seinen Eltern für den Beruf eines Priesters bestimmt wurde.«¹

Ärgernis der Pflicht

Zweifelsohne sicherte die Priesterlaufbahn, auch wenn diese nie über den Stand eines unbedeutenden Provinzpfaffen hinausreichen sollte, Meslier eine relativ privilegierte Stellung. Die Religion war ein elementarer Bestandteil der feudalen Gesellschaft und mit ihren Sittlichkeitsgeboten zentraler Stabilisierungspfeiler absolutistischer Macht. Gleichzeitig zeichneten sich einige Pfarrer durch ein lasterhaftes Leben aus – ganz nach dem Motto: Wasser predigen und Wein trinken. Meslier gehörte den Quellen nach nicht zu ihnen, sondern erfüllte seine Aufgaben weitgehend, ohne Aufsehen zu erregen, wenn auch voller Abneigung und Ekel seiner Tätigkeit gegenüber.

Wer nach dem Grund für dieses sonderlich anmutende Doppelleben sucht, wird ihn in der damaligen Repression gegen ketzerische Delinquenten finden: »Noch um 1700 war in Reims ein Ketzer verbrannt worden; andere Priester, die nach außen rebellisch aufgetreten waren, wurden in ganz Europa verfolgt.«²

Aus Angst um sein Leben predigte Meslier seinen Atheismus nicht offen. Statt dessen verfasste er allein in seiner Stube eines der wohl monumentalsten Werke gegen die Macht der Kirche und ihre Kumpanei mit der weltlichen Herrschaft der vermeintlichen Edelmänner. In seinem postum bekanntgewordenen antireligiösen Manifest, dem Mémoire, oft auch als sein »Testament« bezeichnet, legte Meslier seine wahren Gedanken und Gefühle zur Religion offen und verfasste eine schonungslose Abrechnung. In der Vorrede heißt es:

»Meine lieben Freunde, da es mir nicht erlaubt war und es auch zu gefährliche und schlimme Folgen für mich gehabt hätte, Euch, während ich lebte, offen zu sagen, was ich über die Lebensweise der Menschen und ihre Herrschaftsformen, ihre Religionen und Sitten dachte, habe ich beschlossen, es Euch wenigstens nach meinem Tode zu sagen. Wohl wäre es meine Absicht und mein Wunsch, es Euch, bevor ich sterbe, mit lebendiger Stimme vorzutragen, wenn ich das Ende meiner Tage nahen sehe und dann noch meiner Sprache und meines Urteils mächtig bin.«³

Über seinen Beruf schrieb er, dass es für ihn »wahrhaftig ein Ärgernis war, mit dieser Pflicht belastet zu sein. Deshalb bin ich ihr, wie Ihr bemerken konntet, auch immer nur mit größtem Widerwillen und ziemlich viel Nachlässigkeit nachgekommen.« (61) In seinem Testament formulierte Meslier eine scharfsinnige Kritik der Religion. Durch das Aufzeigen offensichtlicher Widersprüche religiöser Dogmen dekonstruierte er deren Gehalt. Er wies beispielsweise auf die Absurdität eines allmächtigen und gütigen Gottes hin, der zugleich so viel Elend über die Welt kommen lässt und die Menschen für das Befolgen ihrer vermeintlich von ihm geschaffenen Triebe im Fegefeuer schmoren lassen möchte. Mesliers brillante Widerlegung ist ein Monument der Aufklärung, geht jedoch über sie und ihre bürgerlichen Ideale weit hinaus.

Der Grund, weshalb Meslier einen Platz in diesem Buch verdient, ist weniger sein Atheismus als seine eigentümliche Verbindung von Religions- und Herrschaftskritik. Sein Atheismus war aufs engste verknüpft mit der Kritik der Rolle, die die Religion bei der Aufrechterhaltung der feudalen Klassengesellschaft spielte.

Dieser Aspekt barg so viel Sprengkraft, dass, als der französische materialistische Aufklärer Paul-Henri Thiry d’Holbach 1772 Mesliers Werk herausgab, er die Ausführungen zur Klassenherrschaft und Gütergemeinschaft schlicht wegließ. Die Verbindung von Atheismus mit dem Kampf der Unterdrückten war für Meslier elementar, er fasste ihre geknechtete Situation auch als Folge eines Sozialisationsprozesses auf, in dem die praktische Möglichkeit einer radikalen Emanzipation noch nicht einmal als Gedanke vorkommt:

»Da die Mehrheit des Volkes unter diesen Umständen geboren und aufgezogen wird, sie also in Unwissenheit, Erbärmlichkeit, Armut und Elend aufwächst und von frühester Jugend an harte und mühsame Arbeit immer in Unterordnung und Botmäßigkeit gegenüber den reichen und großen Herren gewohnt ist, so kennen sie kaum die ihnen von Natur aus zustehenden Rechte als Menschen, geschweige denn die Schmach und das Unrecht, die man ihnen antut, indem man sie zu solchen Sklaven, so elend und so unglücklich macht, wie sie sind; deshalb denken sie wohl auch kaum daran, sich aus so ungeheurem Elend zu befreien, (…) sie denken nur daran, wie sie ihr kümmerliches Leben in Mühsal und Elend fristen können, wie sie es eben gewohnt sind«. (275)

Mit seinem Testament richtete Meslier sich bewusst an genau dieses Publikum – an Menschen, die durch die ideologische Funktion der Religion zu Untertanen erzogen wurden und denen Bildung grundsätzlich verweigert wurde, so dass ihre tiefgreifende Unwissenheit sie anfällig für Herrschaftsideologien machte:

»Die Ursache all der Übel, die Euch bedrücken, meine lieben Freunde, sowie dieses ganzen Schwindels, durch den Ihr unglückseligerweise im Irrtum, in der Eitelkeit des Aberglaubens ebenso wie unter den tyrannischen Gesetzen der Großen dieser Erde gehalten werdet, ist nun nichts anderes als die abscheuliche Politik eben jener Menschen, von denen ich gerade gesprochen habe. Denn sowohl die einen, die überall herrschen wollen, ohne ein Recht dazu zu haben, wie die anderen, die sich den leeren Anschein von Heiligkeit und manchmal sogar Göttlichkeit verschaffen wollen, haben sich gleichermaßen nicht nur des Zwanges und der Gewalt geschickt bedient, sondern auch noch alle Arten von Listen und Künsten angewandt, um das Volk zu verführen, damit sie leichter zu ihren Zielen gelangen konnten, so dass sowohl die einen wie die anderen dieser schlauen und gerissenen Staatskünstler auf diese Weise die Schwäche, die Leichtgläubigkeit und die Unwissenheit der Schwächsten und am wenigsten Aufgeklärten ausnutzten und sie leicht alles glauben machen konnten, was sie wollten, und jene dann mit ihrem Willen oder Gewalt zur respektvollen und ergebenen Annahme aller der Gesetze brachten, die sie ihnen geben wollten.« (65)

Hass auf das Unrecht

Sein Werk verstand er daher als Aufklärungsversuch, der sich an jene breiten und unterdrückten Massen richtete, die durch religiöse Ideologie in ihrer geknechteten Lage und in Unwissenheit gehalten wurden. An sie richtete er folgende Worte:

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»Euch und allen Euresgleichen Gelegenheit zu geben, Euch eines Besseren zu belehren und Euch, wenn Ihr Euch nur vertragen wolltet, aus allen diesen abscheulichen Irrtümern, dem Aberglauben und den Mißständen, in die Ihr so elendiglich verstrickt seid, zu lösen und zu befreien. Es ist die Kraft der Wahrheit, die mich dies niederschreiben ließ, und es ist der Haß auf das Unrecht, die Lüge, den Betrug und die Tyrannei und alle anderen Unbilligkeiten, der mich so sprechen läßt«. (401 f.)

Meslier begriff die Religion als ideologische Rechtfertigung der absolutistischen Herrschaft, welche sie dafür schätzte und privilegierte: »Die Religion unterstützt die politische Macht, wie schlecht sie auch sein mag, und die Regierung wiederum schützt die Religion, wie nichtig und falsch diese auch immer ist.« (71)

Hierzu führte er einige herrschaftsstabilisierende, man könnte auch sagen: konterrevolutionäre Elemente der christlichen Lehre an. So stieß sich Meslier an der christlichen Überhöhung der Armut der breiten Massen. Die Behauptung, Armut sei in Wahrheit ein Segen und die Reichen seien die eigentlichen Armen, hielt er nicht nur für zynisch, sondern auch für ein Mittel, die breiten Massen von der Rebellion abzuhalten. Daran anschließend kritisierte er die Losung aus dem Lukas-Evangelium, man solle, wenn man auf die eine Wange geschlagen werde, auch noch die andere hinhalten. Die christliche Überhöhung des erlittenen Elends und seines stoischen Ertragens wies er entschieden zurück:

»Es ist ein Irrtum zu behaupten, daß die vollkommene Tugend in der Nächstenliebe und dem Trachten nach Leiden und Schmerzen bestünde; denn das hieße das Gleiche, wie wenn man sagte, die größte Vollkommenheit der Tugend bestehe darin, gerne unglücklich und elend zu sein; es hieße behaupten, daß es die größte Vollkommenheit der Tugend wäre, das zu lieben und anzustreben, was am meisten wider die Natur ist, ja sogar ihre Zerstörung herbeiführt; denn man kann doch nicht abstreiten, daß Leiden und Schmerzen, Hunger und Durst, Beleidigungen und Verfolgungen der Natur zuwider sind, ja sogar, daß all diese Dinge ihre Zerstörung bezwecken. Nun ist es offensichtlich ein Irrtum, wenn nicht heller Wahnsinn, zu behaupten, die vollkommene Tugend bestehe darin, das zu lieben und anzustreben, was der menschlichen Natur völlig entgegengesetzt ist, ja sogar auf ihre Zerstörung hinzielt. Und es ist genauso offensichtlich ein Irrtum, ja reiner Irrsinn, zu behaupten, daß das höchste Gut und größte Glück des Menschen darin bestehe, zu weinen und zu seufzen, arm und unglücklich zu sein, Hunger und Durst zu leiden usw. Infolgedessen ist es auch ein Irrtum zu behaupten, dass die vollkommene Tugend und das höchste Gut des Menschen in der Nächstenliebe und dem Trachten nach Leiden bestünde.« (234)

Der »gottlose Gottesmann« verteidigte die Legitimität materieller Bedürfnisse und den Wunsch nach einem guten Leben voller Genüsse gegen den christlichen Appell zur Selbstgeißelung. Die Verheißungen eines himmlischen Jenseits für die anspruchslosen Tugendhaften entlarvte Meslier als Farce. Er schrieb, dass es

»immer ein Irrtum, ja sogar Wahnsinn ist, Leiden und Schmerzen zu lieben und nach ihnen zu trachten, um durch dieses Mittel Güter und Belohnungen zu erhalten, die nur eingebildet sind. Denn dieses sogenannte Himmelreich, von dem unsere abergläubischen Gottesverehrer ein solches Aufheben machen, ist doch in Wahrheit nur ein eingebildetes Königreich. Daher heißt es, die Einfalt, Unwissenheit und Leichtgläubigkeit des Volkes zu mißbrauchen, wenn man es unter dem Vorwand, daß dies Mittel ihm schöne Belohnungen einbringe, die aber bloße Hirngespinste sind, dazu veranlaßt, wirkliche Leiden und Schmerzen zu lieben und nach ihnen zu trachten.« (235)

Kein Erdulden

Er sperrte sich gegen die Tugend, auch noch die andere Wange hinzuhalten, er entlarvte sie als Herrschaftslegitimation und forderte zum Widerstand dagegen auf:

»Und hier noch ein weiterer Irrtum dieser christlichen Moral. Sie lehrt, daß man seine Feinde lieben müsse, sich für erlittene Unbill nicht rächen und noch nicht einmal den Bösen widerstehen dürfe. Im Gegenteil, wir sollen segnen, die uns fluchen, und denen Gutes tun, die uns übelwollen, uns die Kleider vom Leibe reißen lassen, wenn man uns das nehmen will, was wir besitzen, und immer sollen wir still und friedlich Beleidigungen und Mißhandlungen, die man uns antut, ertragen usw. Auch dies ist, so sage ich Euch, ein Irrtum, derlei Dinge zu lehren und von solchen moralischen Grundsätzen, die dem Recht der Natur und dem gesunden Menschenverstand so sehr zuwiderlaufen und einem guten und gerechten Zusammenleben der Menschen so sehr widersprechen, zu erwarten, daß sie befolgt und beachtet werden. Sind doch diese Grundsätze all dem, was ich gerade ausgeführt habe, völlig entgegengesetzt, denn es ist ganz offensichtlich ein Naturrecht und dem gesunden Menschenverstand, der Gerechtigkeit und der natürlichen Gleichheit gemäß, sein Leben und seine Güter gegen jene zu verteidigen, die sie uns zu Unrecht wegnehmen wollen. Die erwähnten Grundsätze der christlichen Moral widersprechen nun allen diesen Naturrechten aufs schärfste, infolgedessen ist es ein Irrtum, sie zu lehren und beachtet wissen zu wollen, da sie ja allen Naturrechten entgegengesetzt sind und offensichtlich zur Zerrüttung der Gerechtigkeit, der Unterdrückung der Armen und Schwachen führen und dem guten Zusammenleben der Menschen entgegenstehen.« (238 f.)

Ein Erdulden der erfahrenen Missetaten würde die Herrschenden nur zu weiteren verleiten: »Ist es denn etwa kein Vorteil für sie, wenn man uns sagt, wir sollten sie lieben und ihnen Gutes tun für all das Schlechte, was sie uns angetan haben? Das heißt doch gewiß, sie allzu sehr zu begünstigen, sie in ihrer Bosheit und ihren Missetaten zu bestärken, heißt sie zu ermuntern, die Guten und die Schwachen dreist anzugreifen und ungestraft und furchtlos alles zu tun, was sie wollen.« (239)

Meslier erkannte die bestehende Ordnung als ungerecht. Daher sah er nicht ein, dass die Unterdrückten diese weiter ertragen sollten, wie es die herrschende christliche Lehre seiner Zeit behauptete:

»Denn die braven und anständigen Leute können diese Grundsätze nicht befolgen und beachten, ohne die Schlechten ungehindert alles machen zu lassen, was sie nur wünschen oder wollen könnten; den anständigen Leuten zu sagen, sie sollten diese Grundsätze befolgen, ist dasselbe, wie wenn man ihnen sagte, sie sollten die Schlechten gewähren lassen und sich selbst, ihre Person und ihre Habe, ihnen als Beute hingeben; was ganz offensichtlich den Umsturz jeglicher Ordnung und Gerechtigkeit herbeiführt, und folglich sind diese Grundsätze eindeutig falsch und dem wirklichen Wohl der Allgemeinheit abträglich.« (240)

Typisch für seine Zeit berief sich Meslier bei der Rechtfertigung der materiellen Interessen der »Vielen« auf ein vermeintliches Naturrecht, das im Widerspruch zur christlichen Lehre stünde. Aus diesem Naturrecht leitete er auch seine Prämisse ab, dass die Menschen zwar in der momentanen Gesellschaft ungleich seien, jedoch von Natur aus über gleiche Rechte verfügten:

»Alle Menschen sind von Natur aus gleich, sie haben alle das gleiche Recht, zu leben und sich auf der Erde zu bewegen, das gleiche Recht, dort ihre natürliche Freiheit zu genießen und an den Gütern der Erde teilzuhaben, indem sie allesamt nutzbringend tätig sind, um die zum Leben notwendigen oder nützlichen Dinge zu haben. Da sie aber in Gesellschaft leben und eine Gesellschaft oder Gemeinschaft von Menschen nicht gut geordnet sein noch sich in guter Ordnung halten kann, ohne daß es zwischen ihnen eine gewisse Abhängigkeit und Unterordnung gäbe, so ist es für das Wohl der menschlichen Gesellschaft unbedingt erforderlich, daß es zwischen den einzelnen Menschen eine gewisse Abhängigkeit gibt und eine Unterordnung der einen unter die anderen. Aber diese Abhängigkeit und Unterordnung der einen unter die anderen müssen gerecht sein und im richtigen Verhältnis stehen, das heißt, sie dürfen nicht soweit gehen, die einen zu hoch zu erheben und die anderen zu sehr zu erniedrigen, noch die einen zu sehr zu begünstigen«. (243 f.)

In der hierarchisierten Welt des Klerus und in dessen Rechtfertigung der Ständegesellschaft werde dem gemeinen Volk fälschlicherweise eingeredet, dass die einen nur geboren seien, »um tyrannisch über die anderen zu herrschen und immer ihr Vergnügen und die Freuden des Lebens zu genießen, während die anderen dahingegen nur geboren zu sein scheinen, um verachtete, erbärmliche und unglückliche Sklaven zu sein und ihr ganzes Leben lang in Not und Drangsal zu seufzen. Was ein wirklich ungerechtes und abscheuliches Mißverhältnis ist. Ungerecht, weil es in keiner Weise auf dem Verdienst der einen noch auf dem Verschulden der anderen beruht«. (243)

Unsinnig und lächerlich

Zwar glaubte Meslier daran, dass die Christen für einen kurzen geschichtlichen Zeitraum tatsächlich in Gütergemeinschaft gelebt hätten, doch schon seit langer Zeit bildeten sie laut ihm nur noch eine Gemeinschaft »geistlicher Güter« (287) und kirchlicher Rituale. Gerade weil das vorherrschende Christentum auf Gemeinschaft setze, diese im ökonomischen Leben jedoch mit Füßen trete und dem Privateigentum positiv gegenüberstehe, sei der Appell an diese Gemeinschaft nicht nur unzutreffend, sondern geradezu trügerisch und herrschaftsstabilisierend. Der Glaube an eine Gemeinschaftlichkeit, die in den realen ökonomischen Verhältnissen keine Entsprechung findet, ist der »ideologische Kitt«, der die tatsächlich vorhandenen Unterschiede und Gegensätze in einem Kollektiv von Glaubensgenossen auflöst. Die Christen seien auf die Idee gekommen, diesen »Glaubensartikel auch weiterhin beizubehalten, aber mit diesem Wort von der Gemeinschaft, oder vielmehr dem Glauben an die Gemeinschaft der Heiligen und die Gemeinschaft des Eigentums, nur noch eine eingebildete Gemeinschaft geistlicher Güter (die in Wahrheit auch bloß eingebildete Güter sind) zu verbinden, insbesondere den Empfang und andächtigen Genuß irgendwelcher kleiner Teiggebilde, die zwischen zwei Eisen gebacken werden und die ihre Priester während der Messe angeblich weihen, so daß jene Gebilde, wie sie behaupten, zu Fleisch und Blut ihres Gottes Christus werden«. (286 f.)

Im Einklang mit seiner Argumentation, dass an den natürlichen Bedürfnissen nichts Schändliches sei, verspottete Meslier die prüde christliche Sexualmoral: »Genauso ist es ein Irrtum der christlichen Moral, alle natürlichen Freuden, die der Körper gewährt, zu verdammen, ja nicht allein die Handlungen und Werke aus natürlicher Lust des Fleisches, sondern sogar alle Begierden, jeden absichtlichen Gedanken daran, sie zu genießen, wenn es nicht, wie sie sich ausdrücken, im rechtmäßigen Ehestand geschieht, der nach ihren Vorschriften und Gesetzen geschlossen wurde.« (235)

Er empfand die Sittlichkeit seiner Zeit als im Widerspruch stehend zur gleichzeitig vertretenen Lehre, von Gott geschaffen zu sein – weshalb sollte Gott dem Menschen Triebe geben und ihn dafür dann doch tadeln:

»Denn nichts ist natürlicher und mehr gerechtfertigt als dieser Trieb, der seiner Natur nach alle Menschen zu dieser Neigung drängt (…). Ein unendlich gütiger Gott sollte zum Beispiel junge Leute dafür ewig in den furchtbaren Flammen der Hölle schmoren lassen, daß sie für einige Augenblicke gemeinsame Freuden genossen haben? Dafür, daß sie diesem süßen Drang der Natur nachgegeben haben? Dafür, daß sie einem Trieb sich hingegeben haben, den Gott selbst so stark in ihre Natur eingepflanzt hat? Oder aber auch nur dafür, daß sie sich Gedanken, Begierden oder körperliche Bewegungen gestatteten und Gefallen fanden an dem, was Gott selbst in ihnen geformt und angeregt hat? Das ist doch völlig unsinnig und lächerlich«. (236) Diese bemerkenswerte Liberalität in sexuellen Fragen ist jedoch nicht als Appell zu »wilder« Promiskuität misszuverstehen: »Ich verurteile die Unmäßigkeit und Zügellosigkeit darin genauso, wie ich Unmäßigkeit und Zügellosigkeit auf allen anderen Gebieten verurteile.« (236)

Mesliers Alternative zur Feudalherrschaft war eine gleichberechtigte, agrarisch geprägte Gütergemeinschaft. Seine Abneigung galt gleichermaßen dem »Bettelpack« (252) wie auch reichen Müßiggängern, »die unter dem Vorwand, daß sie reichlich oder genügend zum Leben haben, was sie ihre Renten oder jährlichen Einkünfte nennen, keiner Arbeit noch irgendeinem Geschäft oder einer nützlichen Tätigkeit nachgehen, sondern in beständigem Müßiggang dahinleben« (253). Dieser Ungerechtigkeit stellte er einen Gesellschaftsentwurf entgegen, in dem sich alle entsprechend ihrer Fähigkeiten an der gemeinschaftlichen Produktion beteiligen sollten:

»Wenn die Menschen alle Gaben, Reichtümer und Annehmlichkeiten des Lebens gemeinsam besäßen und gleichfalls gemeinsam nutzten, wenn sie sich alle einmütig mit nützlichen und ehrlichen Tätigkeiten oder einer nützlichen und ehrlichen geistigen oder körperlichen Arbeit beschäftigen und mit den Gütern der Erde und den Früchten ihrer Arbeit und ihres Fleißes vernünftig umgingen, dann hätten sie alle genügend Gelegenheit, glücklich und zufrieden zu leben, denn die Erde bringt fast immer ausreichend, ja sogar im Überfluß hervor, was nötig ist, um sie alle zu ernähren und am Leben zu erhalten, wenn sie nur immer guten Gebrauch von ihren Gütern machten. Auf diese Weise hätte ein jeder genügend, um in Frieden zu leben, niemand entbehrte das Nötigste und niemand müßte Sorgen haben, wovon er sich und seine Kinder ernähren und kleiden soll. Niemand müßte sich sorgen, wo er und seine Kinder wohnen und schlafen können, denn ein jeder fände all dies sicher, reichlich, leicht und bequem in einer wohlgeordneten Gemeinschaft; und folglich wäre niemand gezwungen, List, Tücke und Betrug anzuwenden, um seinen Nächsten hereinzulegen.« (277)

Ohne Bilder

Es ist bezeichnend, dass die hier zitierte Stelle wohl die einzige Schilderung der Gütergemeinschaft bei Meslier ist. Fraglos war er Anhänger der Gütergemeinschaft und lehnte jegliche Klassenunterschiede radikal ab. Bei ihm findet man gleichwohl keine Beschreibung der Zukunftsgesellschaft. Er machte sich nicht die Mühe, genaue Maßregeln für die Ausgestaltung des Gemeinwesens zu entwerfen. Wie später Marx verbat sich Meslier das Zeichnen utopischer Bilder. Er wollte nicht für die Beherrschten und in deren Namen eine scheinbar vorteilhaftere Gesellschaft antizipieren. Das nachdrückliche Anliegen Mesliers war vielmehr die radikale Aufklärung der breiten Masse über die Rechtmäßigkeit ihrer eigenen Interessen und über die für ihr Leben schädliche Rolle des religiösen Glaubens. Daher adressierte er sein Testament an jene Unterdrückten, denen er keine konkreten Verbesserungsvorschläge unterbreitete, sondern Argumente an die Hand gab, die in ihrer letzten Konsequenz nach nichts Geringerem als einer antifeudalen Revolution verlangten. Mesliers kommunistische Religions- und Gesellschaftskritik ist ein Paradebeispiel für eine Politik, die auf Selbstemanzipation der Subalternen und nicht auf philanthropisches Stellvertretertum setzt. Die Befreiung der feudalen Bauern konnte für Meslier nur das Werk der feudalen Bauern selber sein.

Anmerkungen:

1 Hartmut Krauss (Hg.): Das Testament des Abbé Meslier. Die Grundschrift der modernen Religionskritik. Osnabrück 2005, S. 42

2 Ebd., S. 44

3 Ebd., S. 61. Zitate von Meslier werden im folgenden direkt im Text mit Nennung der Seitenzahl belegt.

Joshua Graf: Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Kommunismus vor Marx. Köln: Papy-Rossa-Verlag 2026, 126 S., 14,90 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.07.2026, Seite 12, Thema

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