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Erdverteilungskriege

Dokumentiert: Reinhard Opitz über die neuen Interessen und den neuen Ideologiebedarf des deutschen Großkapitals beim Übergang zum Imperialismus

Foto: IMAGO/Photo12
Wenn imperialistische Staaten die Welt unter sich aufteilen. Zeitgenössischer Stich der Kongokonferenz in Berlin 1884/85

In der Regel setzten Darstellungen der Geschichte des deutschen Faschismus (…) mit der Gründung der NSDAP bzw. der DAP (Deutsche Arbeiter-Partei) im Januar 1919 ein. Aber man versteht vom deutschen Faschismus insgesamt wie auch von dieser Parteigründung so gut wie nichts, solange man nicht zuvor verstanden hat, weshalb es bereits seit den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts im politischen Richtungs- und Parteienspektrum (…) zur Ausbildung einer eigentümlich neuartigen, von Anfang an besonders demagogisch auftretenden und sich von allen bislang bekannten Parteirichtungen auf irritierende, schwer einzuordnende Weise abhebenden Richtung kam, derjenigen, die sich schon vor dem Ersten Weltkrieg zunehmend selber die »völkische« nannte.

Die Ursachen des Aufkommens dieser Richtung erschließen sich aber wiederum erst, wenn man sich vergegenwärtigt: Die aus dem Übergang des Kapitalismus der freien Konkurrenz in sein imperialistisches (monopolkapitalistisches) Stadium resultierenden neuartigen Interessen des nunmehr – wie für Deutschland allgemein datiert wird, ab etwa 1890 – imperialistischen Großkapitals und seinen hieraus wieder hervorgehenden, entsprechend neuartigen (nun spezifisch imperialistischen) politischen Ideologiebedarf einerseits und die historische Hauptschwierigkeit, auf die das imperialistische Großkapital namentlich in Deutschland bei der innenpolitischen Durchsetzung seiner neuartigen Interessen, beim Versuch, auch das gesamte Volk in sie einzubinden, stieß (und den dadurch sich noch einmal um gleichsam eine weitere Umdrehung modifizierenden politischen Ideologie- oder Demagogiebedarf), andererseits.

Man kann den Faschismus nicht ohne den Imperialismus verstehen – eine einfache, freilich nur zu oft außer acht gelassene Wahrheit; man kann ihn aber auch nicht ohne die historisch je konkreten länderspezifisch und situationsbedingt differierenden innenpolitischen Durchsetzungsprobleme der Interessen des Imperialismus verstehen, das heißt nicht ohne sein jeweiliges nationales Integrations- (oder, was nicht ganz dasselbe, wohl aber das daran wesentliche bezeichnet: Massenbasis-)Problem.

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Worin bestanden die neuartigen Interessen des imperialistisch gewordenen Großkapitals? Lenin hat sie in seiner Imperialismus-Definition auf die entscheidenden Punkte gebracht: Der Kapitalexport gewinnt für die innerhalb der Kapitalistenklasse in der Periode des Monopolkapitalismus herrschend gewordene Gruppierung des »Finanzkapitals« – das aus der Verschmelzung von monopolistischem Industrie- und monopolistischem Bankkapital hervorgeht – im Unterschied zum Warenexport besondere Bedeutung. Es bilden sich »internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen«, aber – »die territoriale Aufteilung der Welt unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet«. Daraus folgt unmittelbar Lenins Theorie der imperialistischen Kriege: Von nun an mussten daher die kapitalistischen Großmächte und internationalen Kapitalistenverbände, da einerseits die Ausdehnung in ausbeutungsfähige und für Kapitalanlagen profitable Gebiete und mithin auch deren Besitz zur Bedingung optimaler Kapitalverwertung und des weiteren eigenen ökonomischen Wachstums geworden ist, andererseits aber kein Land auf der Erde mehr zur Verfügung steht, das nicht schon einer der Großmächte gehört oder von ihr als »Einflusssphäre« beansprucht wird, untereinander von Zeit zu Zeit »Erdneuverteilungskriege« führen; durch sie wird ihr Anteil am Besitz der Erdoberfläche jeweils dem zwischen ihnen entstandenen (…) ökonomischen Stärkeverhältnis angepasst, was nur immer gewaltsam erfolgen kann.

Das deutsche Finanzkapital war im Zuge des mit der Reichseinigung (und insbesondere dann mit dem ihr 1873 folgenden »Gründerkrach« und der anschließenden langanhaltenden Depressionsperiode) einsetzenden ökonomischen Konzentrationsprozesses rasch herangewachsen und erstarkt und hatte bis zum Ersten Weltkrieg die bislang führende Industriemacht England im Anteil an der Weltindustrieproduktion überholt und Frankreich weit hinter sich gelassen; aufgrund der späten Nationalstaatsbildung war es aber erst 1884 zu aktiver Kolonialpolitik übergegangen und stieß in seinem territorialen Expansionsstreben bald an die Einflusssphären der älteren Kolonialmächte. So war es vom Ende des Jahrhunderts an zunehmend elementar an einer solchen Erdneuverteilung – und damit an der Vorbereitung auf einen Erdneuverteilungskrieg – interessiert.

Welcher neue politische Ideologiebedarf aber ergab sich daraus? Es war nun zum dringlichen innenpolitischen Interesse des Monopolkapitals geworden, auch die Bevölkerung – von der man sich in einem solchen Krieg getragen wissen und auf die man sich auch schon bei seiner Vorbereitung stützen musste – hinter der eigenen Kriegsflagge möglichst geschlossen und möglichst begeistert zu versammeln. (…) Der bisherige bürgerlich-liberale Nationalismus oder liberale Patriotismus bedurfte angesichts der monopolkapitalistischen Expansionsinteressen nun also einer Korrektur, musste imperialistischer Nationalismus werden.

→ Reinhard Opitz (1934–1986): Zur Entstehung der »völkischen« Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft. In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 5–8

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.06.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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