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Wie hältst du’s mit KI?

Debatte um KI-Nutzung in Medien

Foto: IMAGO/Bernd Elmenthaler

Erst »depublizierte« die FAZ einen wohl mit künstlicher Intelligenz generierten Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt. Dann wurde vergangene Woche der Editor-at-Large des Tagesspiegels, Stephan-Andreas Casdorff, beurlaubt, weil er wiederholt ganze Kommentare durch KI verfassen ließ.

Bislang habe auch niemand nach der wahren Autorenschaft bei den von Ghostwritern verfassten Politikerbeiträgen gefragt, mochte der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner in einem, wie betont wurde, zu hundert Prozent KI-generierten Kommentar zur Voigt-Affäre in der Welt die ganze Aufregung nicht verstehen.

»Der Holzkopf ist im deutschen Medienwald ein Herdentier«, schießt der Medienunternehmer Gabor Steingart in der Montagsausgabe seines Pioneer Morning Briefing gegen Redaktionen, die KI-Nutzung als Regelverstoß statt als Fortschritt betrachten würden. »Lieber zerstört man eine bis dahin makellose journalistische Biographie als das eigene Feindbild«, kommentiert Steingart das »Trauerspiel« um Casdorff.

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Dagegen sprach sich Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar am Mittwoch gegenüber dem Deutschlandfunk durchaus für KI-Nutzung zur Unterstützung der redaktionellen Arbeit aus. Doch müsse der Mensch, dessen Name über dem Artikel stehe, auch wirklich in dem Artikel drinstecken, denn Schreiben gehöre nun mal zum Kern der journalistischen Arbeit. Die KI sei ein geduldiger Sparringspartner, mit dessen Hilfe sich Texte im Interesse des Autors, der Redaktion und der Leser verbessern ließen, sucht der Chefredakteur des Weserkuriers, Benjamin Piel, in einem Gastbeitrag für das Fachmagazin Kress.de einen Mittelweg zwischen rigorosem KI-Verbot und totaler Entgrenzung à la Döpfner.

Die Flucht nach vorn tritt Harald Neuber am Mittwoch in der Berliner Zeitung mit dem Eingeständnis an, die Ostdeutsche Medienholding arbeite seit sechs Jahren systematisch mit KI. Als »Maschinenstürmer der Spätmoderne« bezeichnet Neuber Gegner der KI-Nutzung in Redaktionen. »Die Webstühle laufen längst. Die Frage ist nur, ob man sie bedient – oder ob man sie zerschlägt und sich hinterher wundert, dass die anderen die Stoffe verkaufen«, wähnt sich Neuber als Avantgarde. Nun mag standardisierte Massenware bei Stoffen ihre Vorzüge haben. Doch welcher Leser wünscht sich eine zunehmend einförmige Presse, ohne eigene Recherche, Persönlichkeit, Originalität und Kreativität – und in der Konsequenz (fast) ohne Journalisten?

In der jungen Welt jedenfalls steckt KI – kommunistische Intelligenz. Und die kann uns keine Maschine streitig machen. (nb)

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.06.2026, Seite 2, Feuilleton

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  • Istvan Hidy aus Stuttgart 18. Juni 2026 um 10:24 Uhr
    Die deutsche Medienbranche hat ein neues Lieblingsthema: künstliche Intelligenz. Genauer gesagt: die Empörung darüber, dass andere sie benutzen. Während einige Chefredakteure noch prüfen, ob ein Komma vielleicht bereits von einer Maschine gesetzt wurde, erklären andere die KI zum nächsten Webstuhl der Menschheitsgeschichte. Wer Zweifel anmeldet, gilt als Maschinenstürmer. Wer begeistert zustimmt, als Visionär. Und wer nicht weiß, wie sein eigener Kommentar entstanden ist, ist vermutlich Vorstandsvorsitzender. Besonders beruhigend ist das Argument, Politikertexte würden schließlich auch oft von Ghostwritern verfasst. Das stimmt. Allerdings trinken Ghostwriter gelegentlich Kaffee, zahlen Steuern und können sich im Zweifelsfall schämen. Das unterscheidet sie bislang noch von Chatbots. Die eigentliche Pointe der Debatte lautet ohnehin: KI darf alles – recherchieren, formulieren, strukturieren, kommentieren. Nur Verantwortung übernehmen soll weiterhin der Mensch. Das erinnert ein wenig an den Hund, der die ganze Nacht bellt, während der Besitzer am Morgen stolz verkündet, er habe das Haus bewacht. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Leser auch künftig gelegentlich auf einen Gedanken stoßen, der nicht aus Milliarden Textbausteinen errechnet wurde. Bis dahin gilt: In manchen Redaktionen arbeitet bereits künstliche Intelligenz. In anderen setzt man weiterhin auf natürliche.
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