Noch keine Zinserhöhung
Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Nach zwei Monaten Krieg gegen den Iran ist das Wachstum in der Euro-Zone noch schwächer und die Inflation noch stärker als zuvor – weitaus stärker als die Europäische Zentralbank (EZB) das erwartet hatte. Das BIP-Wachstum sank im ersten Quartal 2026 auf lediglich 0,1 Prozent. Die jährliche Preissteigerung auf der Verbraucherebene kletterte im April weiter auf drei Prozent; schon im März waren es 2,6 Prozent. Die EZB-Präsidentin Christine Lagarde wollte sich das Wort »Stagflation« für diese missliche Situation am Donnerstag nicht zu eigen machen. Denn, so sagte sie auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung des Zentralbankrates, »wir werden die Inflation zähmen«. In der Sitzung sei ausführlich die Möglichkeit einer Anhebung der Leitzinsen erwogen, aber einstimmig beschlossen worden, davon jetzt noch abzusehen. Der Einlagensatz (der unterste der Leitzinsen, zu dem die Banken des Euro-Gebietes überschüssiges Geld bei der Zentralbank parken können) bleibt deshalb, jedenfalls bis zur nächsten Sitzung am 11. Juni, bei genau zwei Prozent.
Eindeutig aber zeigen die Damen und Herren der Zentralbank der Euro-Zone ihre Neigung, die Zinsen bei dieser nächsten Sitzung heraufzusetzen. Ganz anders die Gouverneure der Federal Reserve (Fed) der USA. Wie es der Terminplan ergab, hatten die am Tag zuvor, am Mittwoch, ihre Zinsentscheidung getroffen. Das Ergebnis: ebenfalls unverändert bleibende Leitzinsen – zwischen 3,5 und 3,75 Prozent. Aber, wie der noch bis Mai amtierende Fed-Chef Jerome Powell bestätigte, die Mehrheit des Gremiums tendiert eindeutig dazu, die Zinsen bei der nächsten Gelegenheit zu senken. Lediglich drei regionale Fed-Präsidenten hätten sich gegen diese Tendenz ausgesprochen. Der von Präsident Trump jüngst ernannte Gouverneur Stephen Miran plädierte sogar, wie üblich, für eine sofortige Zinssenkung. Dabei war die Inflationsrate in den USA mit 3,5 Prozent bereits im März deutlich höher als in der Euro-Zone, und das Wachstum im ersten Quartal mit 2,0 Prozent sehr viel kräftiger. (Selbst wenn man berücksichtigt, dass die BIP-Wachstumsrate in den USA aufs Jahr hochgerechnet wird.)
Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich die beiden großen Notenbanken auf die Krisensituation durch den Krieg gegen den Iran reagieren. Die US-Seite befürchtet, dass wegen der erhöhten Preise für Energie die Konsumnachfrage und damit das Wirtschaftswachstum nachlassen, und streitet deshalb darüber, ob und wann die nächste Leitzinssenkung fällig ist. Die Europäischen Zentralbanker dagegen sind bereits mit extrem schwachen Wachstumsdaten konfrontiert und meinen, die Inflation ausgerechnet mit höheren Zinsen bekämpfen zu müssen. Mit höheren Zinsen kann man inflationäre Tendenzen bekämpfen, die aus überschäumender kaufkräftiger Nachfrage resultieren. Davon kann in Euro-Europa nicht die Rede sein. Die steigende Inflation ist, wie jeder weiß, Resultat massiv steigender Preise für importierte Energie. Die EZB ist daran nicht schuld. Die Politik der Euro-Staaten nur insofern, als sie es versäumt haben, den Kriegskurs ihrer Verbündeten USA und Israel zu bremsen.
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