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Krieg der Sklavenhalter

Lenin 1915: Der Weltkrieg setzt die Politik des Kolonialraubs, der Unterjochung fremder Nationen und der Unterdrückung der Arbeiterbewegung fort

Foto: IMAGO/H. Tschanz-Hofmann
Begleitmusik zum Genozid: Militärkapelle der deutschen Kolonialtruppe in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia

Von 1876 bis 1914 haben die sechs »Groß«mächte 25 Millionen Quadratkilometer an sich gerissen, d. h. ein Gebiet, das zweieinhalbmal so groß ist wie ganz Europa! Sechs Mächte halten mehr als eine halbe Milliarde (523 Millionen) Bewohner der Kolonien unter ihrem Joch. Auf je vier Einwohner der »Groß«mächte kommen fünf in »ihren« Kolonien. Und jeder weiß, dass die Kolonien mit Feuer und Schwert erobert worden sind, dass die Kolonialbevölkerung wie Vieh behandelt wird, dass sie mit tausenderlei Methoden ausgebeutet wird (mittels Kapitalexport, Konzessionen usw., durch Betrug beim Verkauf der Waren, Unterwerfung unter die Machtorgane der »herrschenden« Nation und so weiter und so fort).

Die englische und die französische Bourgeoisie betrügen das Volk, wenn sie behaupten, sie führten den Krieg für die Freiheit der Völker und Belgiens: In Wirklichkeit führen sie ihn, um die von ihnen massenhaft zusammengeraubten Kolonien behalten zu können. Die deutschen Imperialisten würden Belgien usw. sofort freigeben, wenn die Engländer und Franzosen ihre Kolonien »brüderlich« mit ihnen teilen wollten. (…)

Vom Standpunkt der bürgerlichen Gerechtigkeit und nationalen Freiheit (oder des Existenzrechts der Nationen) wäre Deutschland unbedingt im Recht gegen England und Frankreich, denn es ist bei der Teilung der Kolonien »übervorteilt« worden, seine Feinde halten unvergleichlich mehr Nationen unter ihrer Botmäßigkeit als es selbst, und im Reiche seines Verbündeten, in Österreich, genießen die unterdrückten Slawen zweifellos größere Freiheit als im zaristischen Russland, diesem wahren »Völkergefängnis«. Aber Deutschland selbst kämpft nicht für die Befreiung, sondern für die Unterdrückung der Nationen. Es ist nicht Sache der Sozialisten, dem jüngeren und kräftigeren Räuber (Deutschland) zu helfen, die älteren, sattgefressenen Räuber auszuplündern. Die Sozialisten haben den Kampf zwischen den Räubern auszunutzen, um sie allesamt zu beseitigen.

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Zu diesem Zweck müssen die Sozialisten vor allem dem Volk die Wahrheit sagen, nämlich, dass dieser Krieg in dreifachem Sinne ein Krieg der Sklavenhalter für die Verstärkung der Sklaverei ist. Er wird geführt 1. zur Festigung der Kolonialherrschaft durch »gerechtere« Aufteilung und weitere, mehr »solidarische« Ausbeutung der Kolonien; 2. zur verstärkten Unterdrückung der fremden Nationen in den Ländern der »Groß«mächte selbst, denn sowohl Österreich wie auch Russland (Russland in viel stärkerem und höherem Grade als Österreich) halten sich nur mittels dieser Unterdrückung, die sie durch den Krieg noch verschärfen; 3. zur Festigung und Verlängerung der Lohnsklaverei, denn das Proletariat wird durch ihn gespalten und niedergehalten, während die Kapitalisten davon profitieren, da sie sich am Krieg bereichern, die nationalen Vorurteile schüren und die Reaktion stärken, die in allen, selbst in den freiesten und republikanischen Ländern ihr Haupt erhoben hat.

»Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern« (nämlich: gewaltsamen) »Mitteln«. Dieser berühmte Ausspruch stammt von Clausewitz, einem der geistvollsten Militärschriftsteller. Die Marxisten haben diesen Satz mit Recht stets als theoretische Grundlage ihrer Auffassungen von der Bedeutung eines jeden konkreten Krieges betrachtet. Marx und Engels haben die verschiedenen Kriege stets von diesem und keinem anderen Standpunkt aus beurteilt.

Man wende diese Auffassung nun auf den gegenwärtigen Krieg an. Man wird sehen, dass die Regierungen und die herrschenden Klassen Englands wie Frankreichs, Deutschlands wie Italiens, Österreichs wie Russlands jahrzehntelang, nahezu ein halbes Jahrhundert lang, eine Politik des Kolonialraubs, der Unterjochung fremder Nationen, der Unterdrückung der Arbeiterbewegung getrieben haben. Genau diese Politik, und nur diese, wird im gegenwärtigen Krieg fortgesetzt. Insbesondere hat sowohl in Österreich als auch in Russland die Politik der Friedens- wie der Kriegszeit die Versklavung der Nationen, nicht ihre Befreiung, zum Inhalt. Umgekehrt sehen wir in China, Persien, Indien und in anderen abhängigen Ländern im Laufe der letzten Jahrzehnte eine Politik des Erwachens von Dutzenden und Hunderten Millionen Menschen zum nationalen Leben, ihrer Befreiung vom Joch der reaktionären »Groß«mächte.

Auf solchem historischen Boden kann der Krieg auch heute ein bürgerlich-fortschrittlicher, ein nationaler Befreiungskrieg sein. Man braucht den gegenwärtigen Krieg nur von dem Standpunkt aus zu betrachten, dass in diesem Krieg die Politik der »Groß«mächte und der maßgebenden Klassen in ihnen fortgesetzt wird, um sofort den himmelschreiend antihistorischen, verlogenen und heuchlerischen Charakter der Ansicht zu erkennen, dass man in diesem Krieg die Idee der »Vaterlandsverteidigung« rechtfertigen könne.

Wladimir Iljitsch Lenin: Sozialismus und Krieg (deutsch). Verlag des Sozial-Demokrat. Genf 1915. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 21. Dietz-Verlag, Berlin 1960, Seiten 303–305

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.04.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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