Knieschuss mit Ansage
Von Pierre Deason-Tomory
Die ARD kommt voran in ihrem Bemühen, die Deutsche Bahn der Medienbranche zu werden: unverzichtbar, aber kaputt. Angefangen mit seinem Selbstvernichtungswerk hat der Senderverbund bei journalistischer Kompetenz und Handwerkszeug. Das ist gerade zu hören und sehen in Reportagen über den Iran-Krieg von teilweise ahnungslosen Korrespondenten, denen keiner sagt, wie man unfallfrei »Straße von Hormus« aufsagt. Um auch die Glaubwürdigkeit zu verspielen, bedient sich die ARD künstlicher Intelligenz. Seit Anfang März lesen Roboterstimmen in den zusammengeschalteten Popwellen abends und nachts die Wetter- und Verkehrsnachrichten vor. Für Bremen Vier, HR 3, MDR Jump, NDR 2, SR 1, SWR 3 und WDR 2 fabriziert ein »KI-gestütztes Datenverarbeitungs- und Sprachausgabesystem« jeweils eigene Wetter- und Verkehrsbeiträge.
MDR-Rundfunkrat Heiko Hilker hält diese Entwicklung für absurd. »Erst hat die ARD in großem Umfang regionale Inhalte abgebaut«, bilanziert der Medienexperte im jW-Gespräch, »jetzt nutzt sie KI, um bei Wetter und Verkehr ein bisschen regionale Vielfalt wiederherzustellen.« Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse sich dadurch von den Privaten abheben, »dass bei ihm nur echte Menschen agieren«. Immerhin offenbart sich der Roboter am Mikro als solcher durch einen »Transparenzhinweis«, bei MDR Jump sagt er: »Verkehr für den Osten und Wetter. KI-unterstützt.« Diese Durchsage versteht der Autor so: »Glauben Sie uns kein Wort! Wir wissen selbst nicht, was Fakt ist, was Framing und was die KI halluziniert hat. Also fahren Sie äußerst rechts, und überholen Sie nicht! Thank you for travelling with ARD.«
Hier handgemachte Stücke für die Radiowoche: In den »Dimensionen« wird in zwei Folgen über Arbeiterselbstverwaltung früher in Jugoslawien und heute in Slowenien berichtet und darüber, was passiert, »Wenn Arbeiter Eigentümer werden« (Di. und Mi., 19.05 Uhr, Ö 1). Die »Querköpfe« schnüffeln in der Dirty-Comedy-Szene herum, in der oft »Ganz bewusst komplett daneben« getreten wird (Mi., 21.05 Uhr, DLF). »Wird das 21. Jahrhundert das Zeitalter des Faschismus?« Ein Teil der Frage verunsichert die Bevölkerung und wurde diskutiert beim Kantine-Festival im Juli in Chemnitz von Emanuel Kapfinger und Genossen der Amici Della Conricerca (Do., 14 Uhr, FSK).
Im Hörspiel »Signale aus dem Dunkelfeld« von Herbert W. Franke übernehmen künstliche Intelligenzen die Kontrolle über eine Forschungsstation auf dem Mond (BR 2022, Fr., 20.03 Uhr, Bayern 2). Dorthin verlegte auch Evelyn Dörr ihre Satire »Der Mann im Mond – Ein Radioballett mit Charlie Chaplin« (WDR 2002, Sa., 12.04 Uhr, So., 15.04 Uhr, WDR 3). In Knäste und vor Gerichte ist Johanna Bentz gegangen, um die höhere Weisheit der Klassenjustiz zu erfahren, und sie fragt nun: »Muss Strafe sein?« (1/2) (DLF 2026, Ursendung, Sa., 18.05 Uhr, DLF Kultur, So., 20.05 Uhr, DLF).
Aber ja, sagen die ollen Hellenen, besonders die irre »Elektra« von Richard Strauss; die Kulturradios bringen einen Mitschnitt aus der Elbphilharmonie vom 13. Februar (Sa., 20.03 Uhr, BR Klassik, HR 2 Kultur, NDR Kultur, Radio 3, SR Kultur, SWR Kultur, WDR 3). Markus Metz und Georg Seeßlen bleiben geistig gegenwärtig in ihrem Essay »Die neuen Dealmaker – Über Wirtschaftskriege und Kriegswirtschaften« (So., 9.30 Uhr, DLF). Zum Schluss zwei Hörspielhinweise: Bayern 2 verursendet »Das heilige Herz der Clara Dorn« von Susanna Mewe (BR 2026, So., 15.05 Uhr), und auf SWR Kultur bringt Dario Fo vom Langen Marsch »Eine Tigergeschichte« mit (SDR 1982, So., 18.20 Uhr).
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