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Die Hoffnung stirbt zuerst

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Der Todestrakt ist keine Filmkulisse, sondern eine Realität, in der Menschen über viele Jahre hinweg 23 Stunden am Tag in ihren Zellen eingesperrt sind, an Wochenenden sogar 24 Stunden. Stellen Sie sich vor, dass Sie dort Ihre Kinder, Ihre Frau, Ihre Brüder, Schwestern und Eltern für den Rest Ihres Lebens weder umarmen noch küssen oder streicheln können, weil ein Kontaktverbot die Regel ist. Warum ist das so? Weil der Staat Sie von allen Menschen trennt, mit denen Sie in Liebe verbunden sind. Physische Isolation und echte sensorische Deprivation sollen Sie von Menschen fernhalten, die sich sonst ganz natürlich um Sie kümmern würden. Der Angeklagte, der zum Tode Verurteilte, soll entmenschlicht und von der Menschheit selbst abgeschieden werden.

In einigen US-Bundesstaaten, vor allem im Süden, ist es üblich, dass die Wärter, wenn sie einen zum Tode verurteilten Häftling durch das Gefängnis eskortieren, rufen: »Dead man walking. Aus dem Weg. Es kommt ein Todgeweihter!« Auch diese Praxis erinnert an einen Film, findet jedoch im wirklichen Leben statt. Wer Menschen von ihren Mitmenschen trennt, verwehrt ihnen, Mensch zu sein, weil wir soziale Wesen sind. Genau das ist in allen US-Gefängnissen zur »Expertise« geworden. Diese Tradition soll Menschen die Hoffnung nehmen, damit sie leichter hingerichtet – oder, wie der Staat es nennt –, »zu Tode gebracht« werden können.

Ich habe Männer kennengelernt, die mit mir im Todestrakt saßen und aus unterschiedlichen Gründen Selbstmord begingen. Manchmal lag es an gesundheitlichen Problemen, die sie nicht länger ertragen konnten. Manchmal waren sie deprimiert, weil ihnen statt eines neuen Verfahrens nur eine Neuverhandlung des Strafmaßes zugebilligt wurde. Im Staatsgefängnis Greene in Waynesburg (Pennsylvania) habe ich mit einem jungen Mann Handball gespielt, der schon draußen ein ausgezeichneter Handballspieler war. Wir haben uns gegenseitig herausgefordert, der alte Mann gegen den jungen. Er war bei bester Gesundheit. Bis seine Berufung abgelehnt wurde und er statt des neuen Prozesses, der ihm gesetzlich zugestanden hätte, nur eine Umwandlung der Todesstrafe in lebenslange Haft erhielt. Innerhalb einer Woche erhängte er sich an den Gitterstäben seiner Zelle. Für ihn war die lebenslange Haft, die auch als »langsame Todesstrafe« bezeichnet wird, wie eine Todesstrafe auf Lebenszeit.

Ich war mit Menschen im Todestrakt zusammen, die vom Staat Pennsylvania hingerichtet wurden. Im Graterford-Gefängnis im Osten des Bundesstaats saß zwei oder drei Zellen neben mir ein älterer Gefangener. Ich machte ihm Mut, für seine Sache zu kämpfen. Er rief zurück: »Jamal, ich bin müde. Ich hab’ hier nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Ich bin bereit zu gehen.« Und das tat er auch. Er selbst verlangte seine Hinrichtung. Und der Staat Pennsylvania ging auf sein Angebot ein.

Überrascht es Sie, dass Menschen Selbstmord begehen, wenn sie keinen Ausweg sehen und jede Hoffnung verloren haben? Genaugenommen beging dieser Mann »Selbstmord durch den Staat«. Der puertoricanische Bruder, von dem ich zuvor sprach, beging Selbstmord, weil er zutiefst enttäuscht war, dass der Staat ihn nicht so behandelte, wie es das Gesetz vorschreibt. Getötet wurde damit zuallererst seine Hoffnung. Und genau dafür sind die Todesstrafe und die langsame Todesstrafe in Wirklichkeit gedacht. Und nicht nur in Pennsylvania, sondern in mehreren Bundesstaaten eines Landes, das sich »das Land der Freien« nennt. Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Eindruck von der Realität der Todesstrafe vermitteln.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Mumia Abu-Jamal saß 29 Jahre im Todestrakt, bevor sein Todesurteil 2010 in lebenslange Haft umgewandelt wurde. Er verfasste diese Stellungnahme als Antwort auf den öffentlichen Aufruf des UN-Menschenrechtsrats in Genf, Beiträge »zur Todesstrafe im Zusammenhang mit dem Verbot von Folter und anderen Formen der Misshandlung sowie dem Schutz der Menschenwürde« bis Ende Februar einzureichen. Prison Radio (USA) und das Kollektiv »Libérons Mumia« (Paris) veröffentlichten den Text nun. (jh)

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