Mit dem Rücken zur Wand
Von Volker Hermsdorf
Wer von Terroristen mit vorgehaltener Waffe bedroht wird, hat wenig Entscheidungsfreiheit. Das einzig legitime Ziel für ein taktisches Verhalten besteht dann darin, mehr Handlungsoptionen zu gewinnen, um die Bedrohung so schnell wie möglich zu beenden. Der damalige Kanzler Willy Brandt entgegnete 1972 auf Kritik an der Freilassung von drei Olympiaattentätern ergänzend, dass »der Rettung gefährdeter Menschen Vorrang vor allen anderen Erwägungen gebühre«.
Mit ähnlichen Argumenten rechtfertigt Venezuelas Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez derzeit Entscheidungen ihrer Regierung, die unter den Vorgaben einer erpresserischen Macht zustande kommen. Kurz nach der einem terroristischen Anschlag gleichenden US-Attacke auf Caracas hatte Rodríguez berichtet, dass ihr und anderen Mitgliedern der Maduro-Regierung 15 Minuten Zeit gegeben wurden, sich den von Washington auferlegten Bedingungen zu beugen. »Sonst würden sie uns töten.«
Nun hat sie mit US-Energieminister Chris Wright den ranghöchsten Vertreter Washingtons der vergangenen 30 Jahre empfangen. Der Besuch liege im strategischen Interesse der USA, sagte der ehemalige CEO von Öl- und Gaskonzernen. Deren wesentliches Ziel besteht erklärtermaßen darin, den Einfluss von China und Russland in der Region zurückzudrängen. Rodríguez sprach artig von einer neuen Ära der Beziehungen. Bisherige US-Sanktionen hätten dem venezolanischen Volk geschadet und »nur Russland und China genutzt«, soll sie – laut westlicher Agenturen – hinzugefügt haben. Obwohl das Zitat in chavistischen Medien nicht erwähnt wird, sind derartige Aussagen nicht auszuschließen.
Vor dem Treffen in Caracas hatte das US-Finanzministerium Lizenzen für den venezolanischen Ölsektor erlassen, die zugleich jegliche Transaktionen mit Personen oder Unternehmen aus Russland, Iran, Nordkorea, Kuba und China sowie die Gründung neuer Joint Ventures zur Exploration oder Produktion von Kohlenwasserstoffen in Venezuela verbieten. Die Reaktion von Russlands Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow – »Wir haben Investitionen in Venezuela, wir haben langfristige Projekte, und es besteht sowohl seitens unserer venezolanischen Partner als auch unsererseits Interesse daran« – steht offenbar im Widerspruch zu den Äußerungen von Rodríguez.
Während die Regierung in Caracas sich bislang über ihr künftiges Verhältnis zu Russland und China offiziell ausschweigt, dementierte sie am Dienstag einen Bloomberg-Bericht, wonach das Land Rohöl nach Israel verschifft habe. Die Reaktion in Netzwerken folgte dennoch prompt: Caracas sei »gefallen«, hieß es. Verbreitung von Fake News gehört – unabhängig vom konkreten Einzelfall – ebenso zur Strategie der hybriden Kriegführung wie das Säen von Zweifeln und Misstrauen. Angesichts des Spielraums von Rodríguez und ihren Regierungsmitgliedern sind deren Äußerungen letztlich aber ähnlich zu bewerten wie ein unter Folter abgegebenes Geständnis.
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