Gegründet 1947 Freitag, 13. Februar 2026, Nr. 37
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 3 / Ansichten

Mit dem Rücken zur Wand

US-Minister besucht Venezuela
Von Volker Hermsdorf
Venezuela US.jpg
Gute Miene zum bösen Spiel: Energieminister Wright (l.) zu Gast in Caracas (11.2.2026)

Wer von Terroristen mit vorgehaltener Waffe bedroht wird, hat wenig Entscheidungsfreiheit. Das einzig legitime Ziel für ein taktisches Verhalten besteht dann darin, mehr Handlungsoptionen zu gewinnen, um die Bedrohung so schnell wie möglich zu beenden. Der damalige Kanzler Willy Brandt entgegnete 1972 auf Kritik an der Freilassung von drei Olympiaattentätern ergänzend, dass »der Rettung gefährdeter Menschen Vorrang vor allen anderen Erwägungen gebühre«.

Mit ähnlichen Argumenten rechtfertigt Venezuelas Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez derzeit Entscheidungen ihrer Regierung, die unter den Vorgaben einer erpresserischen Macht zustande kommen. Kurz nach der einem terroristischen Anschlag gleichenden US-Attacke auf Caracas hatte Rodríguez berichtet, dass ihr und anderen Mitgliedern der Maduro-Regierung 15 Minuten Zeit gegeben wurden, sich den von Washington auferlegten Bedingungen zu beugen. »Sonst würden sie uns töten.«

Nun hat sie mit US-Energieminister Chris Wright den ranghöchsten Vertreter Washingtons der vergangenen 30 Jahre empfangen. Der Besuch liege im strategischen Interesse der USA, sagte der ehemalige CEO von Öl- und Gaskonzernen. Deren wesentliches Ziel besteht erklärtermaßen darin, den Einfluss von China und Russland in der Region zurückzudrängen. Rodríguez sprach artig von einer neuen Ära der Beziehungen. Bisherige US-Sanktionen hätten dem venezolanischen Volk geschadet und »nur Russland und China genutzt«, soll sie – laut westlicher Agenturen – hinzugefügt haben. Obwohl das Zitat in chavistischen Medien nicht erwähnt wird, sind derartige Aussagen nicht auszuschließen.

Vor dem Treffen in Caracas hatte das US-Finanzministerium Lizenzen für den venezolanischen Ölsektor erlassen, die zugleich jegliche Transaktionen mit Personen oder Unternehmen aus Russland, Iran, Nordkorea, Kuba und China sowie die Gründung neuer Joint Ventures zur Exploration oder Produktion von Kohlenwasserstoffen in Venezuela verbieten. Die Reaktion von Russlands Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow – »Wir haben Investitionen in Venezuela, wir haben langfristige Projekte, und es besteht sowohl seitens unserer venezolanischen Partner als auch unsererseits Interesse daran« – steht offenbar im Widerspruch zu den Äußerungen von Rodríguez.

Während die Regierung in Caracas sich bislang über ihr künftiges Verhältnis zu Russland und China offiziell ausschweigt, dementierte sie am Dienstag einen Bloomberg-Bericht, wonach das Land Rohöl nach Israel verschifft habe. Die Reaktion in Netzwerken folgte dennoch prompt: Caracas sei »gefallen«, hieß es. Verbreitung von Fake News gehört – unabhängig vom konkreten Einzelfall – ebenso zur Strategie der hybriden Kriegführung wie das Säen von Zweifeln und Misstrauen. Angesichts des Spielraums von Rodríguez und ihren Regierungsmitgliedern sind deren Äußerungen letztlich aber ähnlich zu bewerten wie ein unter Folter abgegebenes Geständnis.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Protest gegen die Ölgier der Vereinigten Staaten in São Paulo am...
    08.01.2026

    Erst Blut, dann Öl

    US-Militär kapert venezolanischen Öltanker im Nordatlantik. Trump erpresst Caracas und zwingt dem Land Rohstoffdeal auf
  • Schauprozess gegen einen Aufrechten: Venezuelas Präsident Maduro...
    07.01.2026

    Justizfarce gegen Maduro

    China und Russland verurteilen US-Angriff auf Venezuela bei UNO scharf. Unrechtmäßiger Prozess gegen Präsident begonnen. Trump droht nun auch Kolumbien
  • Eine venzolanische Abgeordnete macht ihre Ablehnung gegen Trump ...
    19.12.2025

    Kongress gibt grünes Licht für Kriegskurs

    Venezuela: China und Russland warnen USA. Assange stellt Strafanzeige wegen Friedensnobelpreis für rechte Oppositionspolitikerin Machado

Mehr aus: Ansichten