Geringe Flughöhe
Von Arnold Schölzel
In der Regierungserklärung des Bundeskanzlers am Donnerstag kam das Wort »Innovation«, also Erneuerung plus wirtschaftliche Anwendung, nicht vor. Das war angebracht, die deutsche Industrie hat bei Spitzentechnologien Probleme. In der Merz-Rede kam das nur indirekt vor, etwa als er mehr »technologische Souveränität« im Rüstungssektor forderte oder die »Wachstumslücke« der EU gegenüber den USA und China beklagte, die sich »zu unseren Ungunsten seit weit über einem Jahrzehnt« vergrößere. Kürzungen bei Sozialleistungen dürften daran nichts ändern und ein funktionierendes Bildungssystem ist von einem Merz nicht zu erwarten.
Dabei haben in deutschsprachigen Zeitungen Nachrichten zu technischen Innovationen, insbesondere in China, einen beachtlichen Platz. So erinnert zum Beispiel in der Neuen Zürcher Zeitung am Freitag Wissenschaftsredakteurin Ruth Fulterer an die »öffentliche Demütigung« für US-Techfirmen durch das chinesische Unternehmen Deep Seek: »Am 20. Januar 2025 wurde ein Chatbot veröffentlicht, der es mit den besten Modellen des Branchenführers Open AI aufnehmen konnte. Gemacht von einem kleinen Forschungslabor in China. Als Reaktion brach die amerikanische Börse um 1.000 Milliarden Dollar ein. Deep Seek hatte mit einem Schlag zwei Illusionen des Westens zerstört. Erstens die Idee, dass Zensur und die kommunistisch gelenkte Wirtschaft verhindern würden, dass China bei Sprach-KI mithalten kann. Zweitens die Gewissheit, dass der Fortschritt bei KI große Mengen leistungsstärkster Chips erfordert.« Deep Seek habe »echte Innovation« geliefert: neue Methoden, größere Effizienz, Veröffentlichung der eigenen Forschung und sei kostenlos.
Fulterer sieht in dem Schock für die US-Techszene »eine Chance« für Europa, das »für einmal« vom Wettlauf zwischen China und den USA profitieren könne – eben durch Nutzung von Deep Seek. Dessen Open-Source-Modell in den vergangenen zwölf Monaten auch noch »Geschwister« bekommen habe: »andere KI-Modelle aus China, die ebenfalls frei nutzbar sind. Die Qualität steigt stetig.« Diese Modelle seien »eine wertvolle Chance« für europäische Firmen. Fulterer warnt zugleich vor einem naiven Vorgehen: »Es wäre eine Schnapsidee, seine Daten nach China zu schicken.« Zudem transportierten Sprachmodelle »immer auch Kultur, Weltsicht und Ideologie«, so könnten sprechende Spielzeuge »eine Propagandaschleuder« werden. Europa müsse auch wegen möglicher künftiger Zahlungspflichtigkeit »aufholen und selbst ausreichend Fachwissen im Bereich des Trainings großer KI-Modelle sammeln. Und das, obwohl es sich ökonomisch nicht lohnt.«
Ein anderes Beispiel für Spitzentechnik aus China schildert am Freitag das Handelsblatt. Deren China-Korrespondentin Sabine Gusbeth ist in der ostchinesischen Stadt Hefei in ein Flugtaxi geklettert, das mit ihr ohne Pilot fünf Minuten unterwegs war. Deutsche Firmen, die elektrische Senkrechtstarter entwickeln wollten, seien »inzwischen insolvent«. Chinas Staatsführung habe aber »die ›Dikong Jingji‹, wörtlich übersetzt ›Wirtschaft in geringer Flughöhe‹, im neuen Fünfjahresplan als ›strategische Wachstumsbranche‹ auserkoren«. Dabei gehe es in einer Flughöhe bis 1.000 Meter um Expresslieferungen mit Drohnen, Flugtaxis, um Rettungsdienste, Überwachung oder Brandlöschung in höheren Etagen von Hochhäusern. Die Stadtregierung von Shanghai, so Gusbeth, habe im Januar einen Plan für die »Wirtschaft in geringer Flughöhe« veröffentlicht und angekündigt, dass ab 1. Februar 46 Prozent des Luftraums über der Stadt für Drohnen geöffnet werde.
»Geringe Flughöhe« ist der angemessene Ausdruck für hiesige Wirtschaftspolitik. Oder eine Systemfrage.
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