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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 16 / Sport
Olympia

Von null auf 50

Kleine Schritte zur Geschlechtergerechtigkeit: Die deutschen Athletinnen glänzen bei Olympia
Von Jens Walter
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Schickt die Töchter in den Ring: Aline Rotter-Focken (r.) zeigt Einsatz (1.8.2021)

Zum Glück für das deutsche Olympiateam hat sich diese Idee von Pierre de Coubertin nicht gehalten. Der Gründervater war bis zu seinem Tod im Jahr 1937 der Meinung, die Olympischen Spiele sollten vor allem als Nachweis männlicher Leistungsstärke dienen. Stark sind im bundesdeutschen Team des Jahres 2021 aber vor allem die Frauen.

Sieben der acht Goldmedaillen wurden von Athletinnen des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) gewonnen, auch der Dienstag stand mit den Triumphen der Weitspringerin Malaika Mihambo und des Bahnradvierers ganz im Zeichen weiblicher Erfolge. In der gesamten Medaillenbilanz schlägt das Pendel ebenfalls in Richtung der Frauen aus (16:12 plus zwei Medaillen in gemischten Wettbewerben). Diese Bilanz passe »ganz gut in unsere Zeit«, sagte Goldreiterin Julia Krajewski. »Das ist natürlich schön«, ergänzte Mihambo, »weil auch die DOSB-Kampagne war, dass Frauen mehr in den Vordergrund sollen. Ich denke, das haben wir geschafft mit den vielen Goldmedaillen.« Jeder Erfolg dürfte auch ein kleiner Schritt zu mehr Geschlechtergerechtigkeit sein. Aline Rotter-Focken nutzte daher die Aufmerksamkeit nach ihrer Goldmedaille im Ringen auch für eine Botschaft: »Es ist vollkommen egal, welche Sportart du betreibst – du kannst es auch als Frau.« Sie hofft, dass ihr Sieg »besonders den ­Frauen« helfe und »dass mehr Eltern ihre Töchter zum Ringen schicken«.

In vielen olympischen Sportarten gibt es nach wie vor ein weibliches Nachwuchsproblem, auch hinsichtlich der öffentlichen Wahrnehmung spielen Frauen und Männer noch nicht in der gleichen Liga. »Mit Ausnahme Olympischer Spiele erhalten Athletinnen in der Sportberichterstattung durchschnittlich nur zehn Prozent der medialen Aufmerksamkeit«, sagte Petra Tzschoppe, Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung im DOSB. Tzschoppe hofft deshalb, dass nicht nur die deutschen Sportlerinnen, sondern auch internationalen Stars wie Simone Biles (Turnen) oder Raven Saunders (Kugelstoßen) mit ihren Erfolgen und Botschaften neue Impulse »nicht nur im Sport, sondern auch darüber hinaus in die Gesellschaft senden«.

Noch gibt es auf diesem Gebiet viel zu tun, auch wenn sich spürbar etwas bewegt. 48,8 Prozent der rund 11.000 Olympioniken in Tokio sind weiblich. Zudem stockte das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Frauenwettbewerbe leicht auf und führte gemischte Wettkämpfe ein, die nicht nur der zweimalige Tennisolympiasieger Andy Murray als »gewaltige Errungenschaft« bezeichnete. »Von null Olympiateilnehmerinnen vor 125 Jahren in Athen auf fast 50 Prozent heute ist eine Botschaft, die zeigt, was auch auf anderen Feldern möglich ist«, sagte Tzschoppe.

Die Sportsoziologin der Universität Leipzig meint damit die weiterhin eklatante Diskrepanz im Kampf- und Schiedsrichterwesen, auf Funktionärsebene, im Trainer- und Betreuerbereich und im Sportjournalismus. Dort tut man sich mit der Gleichberechtigung schwer: Den Turnerinnen wurde der lange Wettkampfanzug gestattet, die norwegischen Beachvolleyballerinnen kassierten dagegen wegen »unangemessener Bekleidung« eine Geldstrafe, weil sie statt der vorgeschriebenen Bikinihöschen etwas längere Sporthosen trugen. Und stillenden Müttern wurde seitens des IOC erst nach einem großen internationalen Aufschrei erlaubt, ihre Babys mit zu den Spielen zu nehmen. Auch im DOSB ist längst noch keine Geschlechtergerechtigkeit erreicht, doch das Problem wird angegangen. Die Erfolge von Mihambo und anderen zeigen, dass sich das auch für den Verband selbst auszahlt.

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