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Aus: Ausgabe vom 04.08.2021, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Der Ernst des Lebens

Auf dem Land hat man andere Probleme: Das Sommertheater Netzeband spielt »Frühlings Erwachen« von Frank Wedekind
Von Sigurd Schulze
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»Auf eine gewisse Art hochaktuell«: Gymnasiasten in Seelennöten (Szene aus dem Stück)

Eine »Kindertragödie« nannte Frank Wedekind sein Stück »Frühlings Erwachen«, das Max Reinhardt 1906 am Deutschen Theater uraufführte. Darin geißelt Wedekind die Unterdrückung pubertierender Jugendlicher durch das reaktionäre, auf geistiger und körperlicher Züchtigung beruhende Erziehungssystem der Kaiserzeit sowie die prüde Sexualmoral der Lehrer und Eltern. Die »Kinder« erleben ihr Erwachsenwerden, das Empfinden »männlicher Regungen« und weiblicher Körperlichkeit, zunehmende Kräfte und das Bedürfnis zum Mitreden, nicht als Gewinn, sondern als Schrecken, als Isolation von der Welt der Erwachsenen, wo man nicht sein darf, was man ist.

Die dargestellten Probleme sind hierzulande mittlerweile weitgehend überwunden: Moritz Stiefel weicht schamhaft den Aufklärungsversuchen seines Freundes Melchior Gabor aus, die Mutter des Mädchens Wendla ist unfähig zu erklären, wie man Kinder zeugt. Es folgen ungewollte Schwangerschaft und tödliche Abtreibung, Melchior wird in eine »Korrektionsanstalt« eingewiesen und Moritz’ Selbstmord durch die Lehrerclique eilig vertuscht. Eine schöne Blüte: Goethes »Faust« ist unanständige Lektüre.

Nun hat sich das Sommertheater im brandenburgischen Netzeband mit seinem berühmten Synchrontheater-Maskenspiel des Stückes angenommen und gibt es mit Verve, komödiantischen Ideen und Turnhallenübungen. Der Zuschauer findet das ganz lustig, manchmal spannend, aber es bleiben olle Kamellen. Der Regisseur Frank Matthus und die Maskenbildnerin Jana Fahrbach finden es dagegen im Programmheft »auf eine gewisse Art hochaktuell« – nicht ganz dieselben Probleme wie heute, aber weiterhin die »grundlegenden Schwierigkeiten« der Selbstfindung junger Menschen in der Pubertät. Es gehe um die Angst vor Scheitern und Enttäuschung, um Leistungsdruck und das Fehlen menschlicher Nähe in den Schulen. Heute sagt der dreijährige Enkel der Zimmerwirte zum Opa »du Penis« und zur Oma »du Vagina«. Das Thema hat sich erledigt. Matthus schmuggelt deshalb auf bewährte Weise den Monolog eines Medienmanagers von »Moogle-Systems« ins Stück, was die Abhängigkeit der Jugend von den »Medien« und neue Formen der Persönlichkeitsmanipulation illustriert. Damit ist der aktuelle Bezug hergestellt.

Es ist nicht schwer, (Laien-)Schauspielern zu erklären oder sie es sich selbst einreden zu lassen, dass das gewählte Stück und seine Figuren ­völlig gegenwärtig, stimmig und ganz wichtig sind. So wird alles mit Begeisterung gespielt werden, auch wenn der Bezug zum Heute unklar bleibt. Wie immer sind die schauspielerischen Leistungen in Netzeband mitreißend, wie immer beeindrucken die technische Perfektion des Spiels mit Masken und aufgezeichnetem Dialog sowie die Feinheit der Maskengestaltung. Damit muss man sich über die sehr gewollte Aktualisierung des Stückes trösten. Das Theater liegt fernab der Großstädte. Auf dem Lande hat man andere Probleme, in Brandenburg etwa Neonaziumtriebe und Ausländerhass. Die Schüler, die bei »Fridays for Future« auf die Straße gehen, sind im selben Alter wie Wedekinds Protagonisten. Sind für sie Pubertätsprobleme von derselben Dringlichkeit wie die Sorge um ihre Zukunft in der Klimakatastrophe? Und wie steht es mit Kindern von Einwanderern, die Moralvorstellungen und Persönlichkeitsbilder anderer Kulturen mitbringen? Bei Wedekind geht es noch um »weiße« Probleme.

Mit der Premiere am Freitag wurde das 25jährige Bestehen des »Theatersommers Netzeband« gefeiert. 85.000 Besucher hat man in dem Vierteljahrhundert verzeichnet. 16 Stücke für Kinder und Erwachsene wurden allein als Synchrontheater inszeniert: Shakespeare, Goethe, Molière, Garcia Lorca und viele andere. DDR-Autoren, Brecht ausgenommen, wurden nicht gegeben. Es wird Zeit, dass sich der »Theatersommer Netzeband« dem Ernst des »Lebens auf dem Lande« (so der Untertitel von Heiner Müllers »Die Umsiedlerin«) zuwendet, auch DDR-Stücke spielt und der Zeit und den Menschen den Spiegel vorhält: Wie haben wir gelebt, wie leben wir heute?

Um bei »Frühlings Erwachen« zu bleiben: Wedekind hat mit der Figur Moritz Stiefel, seinen Zweifeln, Selbstzweifeln und seinem Selbstmord nicht zufällig auf Goethes ­jungen Werther angespielt. Wie wäre es also mit Ulrich Plenzdorfs Stück »Die neuen Leiden des jungen W.«? Auch sein Held Edgar Wibeau sieht in seinem Leben keinen Sinn mehr – gut oder schlecht, richtig oder falsch? Wie haben die Eltern und Großeltern der heutigen Jugend gelebt? Wie haben sie sich 1989 entschieden? Wo stehen sie heute? Die DDR-Theater hatten den Mut, die Frage nach dem Sinn des Lebens in ihrem Lande zu stellen. Hätte Frank Matthus den Mut, seine Zuschauer vor diese Frage zu stellen?

Weitere Vorstellungen: 6., 7., 13., 14., 20., 21., 27. und 28. 8., jeweils um 20.30 Uhr

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