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Hechel, ächz

Die Rolle seines Lebens hatte Herbert Feuerstein im Alter von 69 Jahren gefunden. Am Stadttheater Hagen spielte er in der Brecht/Weill-Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« Gott, der für seine Machtlosigkeit verhöhnt und aus der Stadt geworfen wird. Dazu ertönen verfremdete Zitate aus Bachscher Passionsmusik. Als der 1937 im Bahnhofsgebäude von Zell am See (Österreich) geborene Feuerstein vom Mozarteum in Wien flog, wo er Klavier, Cembalo und Komposition studiert hatte, ging er ohne Plan nach New York und fand dort zum Journalismus. Vom US-Korrespondenten der Satirezeitschrift Pardon wurde er 1969 zum Leiter des Verlags, der sie herausgab. Von da war es nur noch ein kleiner Schritt zum Chefredakteur des deutschen Mad-Magazins, bei dem er deutsche Satire zu einigem Erfolg vor allem bei männlichen Jugendlichen führte. 20 Jahre lang. Sein Vermächtnis formulierte er gegenüber der Titanic einmal so: »Meine Mad-Grabinschrift soll verkünden, dass ich bestimmte Teenager-Onomatopöien erfunden habe wie ›lechz‹, ›hechel‹, ›ächz‹, ›würg‹.« Auf seine Jahre bei dem Blatt mit dem ewig grinsenden Alfred E. Neumann auf dem Titel ließ er später nichts kommen: »Ich habe damals mehr, besser und intensiver gearbeitet als heute mit der ganzen Fernsehscheiße.« Das bezog sich auf Sendungen mit Harald Schmidt (»Pssst …«, »Schmidteinander«), aber auch auf Rekorde im Dauernerven (»Feuersteins Nacht«, 1997 und 1998). Wie sein Haussender WDR am Mittwoch mitteilte, ist der Satiriker im Alter von 83 Jahren in Erftstadt bei Köln verstorben. (jW)

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.10.2020, Seite 10, Feuilleton

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