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Mit Hitler wär’ das nicht passiert

Was jenes mysteriöse »Graham-Brot« ist oder sein soll, das im Krankenhaus nicht ausgegeben, sondern nachgerade »gereicht« wird, erfuhr ich zum Glück nie; jedenfalls hat es mit mehr Pappmaché zu tun, als an vielen Theatern des Landes zur Anwendung kommt. Ich kam auf Zelle, nein, aufs Zimmer, aber angesichts und vor allem angehörs einiger meiner Zimmergenossen hätte ich die gute alte Einzelzelle in Moabit vielleicht doch vorgezogen.

Mein Favorit wurde ein Gnatz- und -Gnatterkopp von 88 Jahren, der eine lauthalse chronische Muffigkeit und Übellaunigkeit verbreitete, die man mit dem Eierschneider sauber hätte scheiblieren können. Sein Frau besuchte ihn, brachte ihm sein Lieblingsessen und erfüllte ihm jeden Wunsch; zum Dank faltete er sie zusammen und maulte sie schier zuschanden. Kräftige Pfleger rollten ihn durchs Haus nach Pflicht oder auch Belieben; er schiss und blaffte sie dumm von der Seite an. Junge Pflegerinnen wuschen ihn klaglos und freundlich; er nölte und meckerpottete in einem fort. Solche Irrläufer der Evolution missverstehen das und glauben um so mehr, die Welt sei ausschließlich geschaffen worden, um ihnen zu dienen.

Ärzte kamen auf Visite und widmeten sich dem Patienten im Endstadium der Unverfrorenheit; in seinen trüben, verblendeten Augen fehlte einigen von ihnen der kerndeutsche Stammbaum. Warum es denn so viele Ausländer im Krankenhaus gebe, frage er so tückisch wie dreckig und dreist; im Falle des Erwürgens hätte ich vor Gericht jeden Meineid auf mich genommen, doch die Ärzte blieben cool. Er merkte gar nichts und gab noch von sich, bei den Medizinern handele es sich sicherlich um Notaushilfen.

Zwei deutsche Pflegerinnen dagegen, die ihre Stimmen in jedem Baumarkt als Flex hätten verkaufen können, hatte er tief in das geschlossen, was er wahrscheinlich sein Herz nannte; sie erschienen ihm als die Blitzmädel, von denen er träumte. Als er endlich entlassen wurde – zu meinem ehrlichen Bedauern nicht mit den Füßen voran –, sagte er mir, ich sei doch sicher schwul, und im Dritten Reich hätte es das nicht gegeben. Reisende soll man nicht aufhalten.

Sogar noch gruseliger war ein ebenfalls 88jähriger Mann, der von nächtlichen Alpträumen heimgesucht wurde, in denen er immer wieder »Langsamer! Langsamer! Umdrehn!« schrie. Es musste sich um sogenannte Kriegserlebnisse handeln; dass er sie passiv durchlitten hatte, ist theoretisch nicht auszuschließen, aber bei seiner baltischen Herkunft sehr unwahrscheinlich.

So liegt er wohlgebettet und -gepflegt, der deutsche Nazi, und missgönnt jedem Flüchtling noch das älteste Stück Brot. Denn wer hätte nicht, wie es so heißt, »aus der Geschichte gelernt«, wenn nicht die Deutschen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.01.2016, Seite 11, Feuilleton

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