Zum Inhalt der Seite
US-Imperialismus

NATO 3.0

Die von der US-geführten Kriegsallianz verfolgte »Strategie der Verweigerung« richtet sich gegen die VR China als Hauptfeind – und führt in den nächsten Weltkrieg

Foto: IMAGO/CPA Media
»4.000 Flugzeugwracks der USA«: Grafik über Erfolge des vietnamesischen Widerstands (1972)

Auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2026 wurde das Strategiekonzept einer NATO 3.0 zum ersten Mal vorgestellt. Die Kriegsallianz soll als Instrument der US-Außen- und Sicherheitspolitik fundamental verändert werden. Auf dieses Konzept haben sich bereits alle anderen NATO-Mitglieder verpflichten lassen. Der NATO 3.0 liegt dabei die Annahme Washingtons zugrunde, dass China künftig für die USA als Hauptfeind anzusehen ist. Um China zu treffen, soll eine »Strategie der Verweigerung« (Strategy of Denial) verfolgt werden, die zum einen den Schwerpunkt militärischer Aktivitäten der USA in den Indopazifik verlagert und zum anderen die Hauptverantwortung konventioneller Rüstung gegen Russland den Europäern zuschiebt.

Von einer Lastenverteilung (Burden Sharing) auf dem europäischen Kontinent zwischen den USA und »Europa« soll es zu einer Lastenverschiebung (Burden Shifting) allein auf die NATO-Europäer kommen, während Strategiebestimmung und atomare Abschreckung auf dem Kontinent weiterhin allein bei den USA liegen sollen. Die EU wird dazu angestachelt, eigene Provokationen gegenüber Russland in Szene zu setzen, wie etwa die Piraterie gegenüber der russischen »Schattenflotte« – etwaige Gegenmaßnahmen muss sie allein ausbaden. Wichtig ist, das Moment der Eskalation den NATO-Europäern zu überlassen. Was formal wie ein Mehr an europäischer Autonomie aussieht, ist in der Realität ein gigantischer Ressourceneinsatz der europäischen NATO-Staaten für die Vereinigten Staaten gegen Russland.

Colbys Konzept

Die neue NATO-Strategie geht im wesentlichen zurück auf den Kopf in der Trump-Administration, den Staatssekretär im US-Kriegsministerium Elbridge Colby, der bereits in seinem 2021 erschienenen Buch »The Strategy of Denial« eine Neuausrichtung der NATO eingefordert hatte. Während sich die NATO 1.0 gegen die Sowjetunion richtete und die NATO 2.0 gegen Russland ab den 1990er Jahren, geht es der NATO 3.0 um eine Kampfansage gegenüber China. Colby setzt darauf, die Mittel der europäischen NATO-Mitglieder gegen Russland zu mobilisieren, um den USA freie Hand zu verschaffen.

Die Strategie der Verweigerung, die die NATO-Neukonzeption in Zukunft bestimmen soll, lässt sich nur schwer als Verteidigungsstrategie beschreiben. Es geht im Grunde darum, die Großmacht China in ihrer unmittelbaren Umgebung herauszufordern. Dem Gegner soll das Erreichen bestimmter strategischer Ziele verweigert werden, wie etwa eine Wiedervereinigung Taiwans mit China. Allerdings ist gerade der Aufbau enormer militärischer Kapazitäten durch die USA an der sogenannten zweiten Inselkette, wie etwa in Guam, ein Hinweis darauf, dass keine exklusiven Einflusszonen Chinas geduldet werden sollen. Während die USA die sogenannte westliche Hemisphäre für sich reklamieren, ist die NATO-3.0-Strategie darauf gerichtet, China oder auch Russland in unmittelbarer Nähe ihrer Grenzen herauszufordern, wenn nötig auch mit kriegerischen Mitteln.

Anzeige

So gedenken die USA, den ökonomischen Aufstieg Chinas militärisch eindämmen zu können. Man muss kein Pessimist sein, um erkennen zu können, dass diese Herausforderung die Kriegsgefahr ungemein erhöht. Ja, sie muss sogar den militärischen Zusammenstoß in Aussicht stellen, um auch nur kleinere Erfolge erzielen und den erklärten Feind vor seiner eigenen Grenze attackieren und eindämmen zu können. Für Europa aber bedeutet die NATO 3.0 nichts anderes als eine Weltkriegsgefahr. Die europäischen NATO-Staaten sollen auf Geheiß der USA Russland an seiner Grenze herausfordern. Die Ukraine wird dafür offenbar als probates Mittel gesehen.

So sind alle Angriffe der Ukraine auf Russland nichts anderes als Angriffe der NATO auf russisches Territorium. Die NATO bezahlt den Krieg, finanziert die Ukraine, und ohne die Zieldaten sowie die Ausbildung ukrainischer Soldaten wären etwa die Angriffe auf russische Infrastruktur wie Lebensmittelverteilzentren oder Ölraffinerien wohl kaum möglich. Die NATO 3.0 auf dem europäischen Kontinent ist bereits jetzt auf Anweisung der USA Kriegspartei gegen Russland. Allein wer dies sieht, wird verstehen, warum die ideologischen Erfüllungsgehilfen wie Roderich Kiesewetter (CDU) von der Kapitulation Russlands als Kriegsziel schwadronieren oder Nico Lange (»Münchner Sicherheitskonferenz«) von einem erreichbaren Sieg über Moskau träumt. Denn es geht keineswegs um die Verteidigung der Ukraine, sondern darum, einen Verbündeten Chinas für die USA aus dem Weg zu räumen.

Eliminatorischer Russenhass

Es gibt einen großen Unterschied in der Diskussion zur NATO 3.0 in den USA und in Europa. Während jenseits des Atlantik pragmatisch die Veränderung der strategischen Ausrichtung der USA diskutiert wird, und zwar mit dem Ziel, den US-Großmachtstatus zu erneuern, spiegelt die europäische Diskussion die Vasallenfunktion der europäischen NATO-Staaten wider. Dabei wird systematisch die Gefahr ausgeblendet, die durch die Strategie der Konfrontation mit der Atommacht Russland entsteht. Die NATO 3.0 erhöht deshalb auch in Europa ganz entscheidend die Weltkriegsgefahr, da die europäischen NATO-Strategen in der Öffentlichkeit zwar einen Angriff Russlands in der Zukunft mit unterschiedlichen Daten an die Wand malen, zugleich aber alles tun, um systematisch die roten Linien Moskaus auszutesten – vor allem auch, was die ukrainischen NATO-Angriffe tief im Hinterland Russlands anbelangt. Dieselbe Strategie gegenüber Russland funktioniert wie ein »Chicken Race« von Kraftfahrern, wobei die NATO-europäische Seite glaubt, durch ihre Beschleunigung würde der russische Lkw als erster in Panik geraten und in den Graben fahren.

In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass die neue Strategie in den europäischen NATO-Staaten begleitet wird von der Propagierung eliminatorischen Russenhasses führender NATO‑Referenten. Ein gerngesehener Gast bei NATO-Tagungen, der FAZ-Korrespondent Michael Martens, brachte es bei einer Pressekonferenz des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij kürzlich fragend auf den Punkt: Was könne man tun, »um noch mehr Russen zu töten«? Ein Aufschrei in den Mainstreammedien blieb aus. Die Feinderklärung gegenüber Russland fördert offenbar Anleihen beim kolonialen Vernichtungs- und Raubkrieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion. Es braucht keine blühende Phantasie, wie die Äußerungen eines NATO-Martens in Russland aufgenommen werden.

Austritt oder Unterwerfung

Auch vor dem Hintergrund der NATO 3.0 lässt sich die Diskussion über einen NATO-Austritt Deutschlands nicht mehr abstrakt führen. Wer nicht bereit ist, mit der imperialistischen US-Politik zu brechen, droht von ihr unter den Bus geworfen zu werden. Die Frage der Neutralität unseres Landes wird immer mehr zu einer Überlebensfrage. Jede sicherheitspolitische Diskussion, die diese Frage auszublenden versucht, springt nicht nur zu kurz, sondern läuft Gefahr, die zentralen Probleme für Sicherheit und Frieden in Europa und Deutschland systematisch zu verdrängen. Wer Sicherheit für die Bevölkerung in Deutschland will, der muss der NATO 3.0 den Rücken kehren.

Dazu kommt: Allein wer sich für einen Austritt Deutschlands aus der NATO einsetzt, kann den Sozialstaat glaubwürdig verteidigen wollen. Der Verweis auf Spanien, dass es doch möglich wäre, sich den NATO-Aufrüstungszielen, die den Sozialstaat schleifen, zu verweigern, trägt nicht und blendet die Fähigkeiten der USA aus, entsprechende unbotmäßige Regierungen zu beseitigen oder unter Druck zu setzen, insbesondere wenn diese Mitglied der NATO sind. Wer NATO-Mitglied ist, ist gezwungen, sich den USA zu unterwerfen – oder er verlässt den Militärpakt. Ein Drittes gibt es nicht. Die Antwort auf die NATO 3.0 kann daher nur der Austritt aus ihr sein. Für ein neutrales Deutschland.

Sevim Dagdelen (Bündnis Sahra Wagenknecht) ist Buchautorin und war von 2005 bis Ende März 2025 Abgeordnete im Bundestag. Sie befasst sich schwerpunktmäßig mit Abrüstungspolitik. Von ihr erschien zuletzt 2024 »Die NATO. Eine Abrechnung mit dem Wertebündnis« im Westend-Verlag.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Beilage vom 26.08.2026, Seite 11, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

Besuchen Sie unseren Stand auf der Buchmesse Frankfurt/Main. Näheres zum Programm finden Sie hier.