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Fankultur

Fußball unter dunklen Wolken

Wenn es um Kritik am Königreich Marokko geht, stehen die Ultras an vorderster Front

Foto: IMAGO/Eastnews
Ordensbrüder mit Klubfarben: Nationale Wallfahrt polnischer Fußballfans zum Heiligtum Jasna Góra ( Częstochowa, Polen, 13.1.2018)

Es ist eine bitterböse Pointe: Nachdem Ende Juli Zehntausende Marokkaner illegal die Grenzen zu den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla überschritten hatten, flüchtete sich FIFA-Chef Gianni Infantino in die umgekehrte Richtung, um seinen Kopf zu retten. Mehrere internationale Fußballverbände, darunter die UEFA, wollten ihn wegen seines Vorstoßes, Teile der Fußball-WM zu privatisieren, zur Rechenschaft ziehen. Also suchte der FIFA-Boss in Marokko den Schulterschluss mit dem Präsidenten des dortigen Verbandes, Fouzi Lekjaa. Wie die Londoner Times berichtete, soll Infantino seinem alten Verbündeten in Aussicht gestellt haben, das Finale der Fußball-WM der Männer 2030, das bislang Spanien für sich beansprucht, zu veranstalten. Zwar wurde dies umgehend dementiert. In jedem Fall aber gelang es Infantino, mit Hilfe Lekjaas eine Mehrheit in der FIFA hinter sich zu bringen und seinen Sturz vorerst abzuwenden.

Allerdings befindet sich das nordafrikanische Königreich zur Zeit in einem tiefen Zwiespalt. Kaum jemand sieht dies deutlicher als die dortigen Fußballfans. Zwar leistet sich Marokko kostspielige Prestigeprojekte wie die WM, die es 2030 gemeinsam mit Spanien und Portugal veranstalten will und bei der es ganz groß rauskommen möchte. Dabei gleicht es jedoch einem sozialen Pulverfass, wie die Geschehnisse von Ceuta und Melilla unmissverständlich vorgeführt haben. Im vergangenen Herbst gingen denn auch Zehntausende überwiegend junge Marokkaner der sogenannten Generation Z auf die Straße, Fußball-Ultras an der Spitze. Unter anderem prangerten sie an, dass trotz unhaltbarer Zustände in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Schulen für Milliardensummen neue Spielstätten hochgezogen werden. Auch gibt es zur Vorbereitung auf die WM immer aufwendigere Turniere: Im Winter war es der skandalöse Afrikacup der Herren, bei dem offensichtlich tatkräftig nachgeholfen wurde, um die marokkanische Elf vorne zu plazieren. Im Anschluss an die FIFA-WM im Sommer folgte schließlich der Afrikacup der Frauen, der am Sonntag mit dem ersten Titelgewinn Kameruns zu Ende ging.

Sie sind kampferfahren und gut organisiert: Seit Gründung der ersten Ultra-Vereine 2005 haben sich die marokkanischen Fußballfans nicht nur seltene Freiräume erobert, in denen sie laut ihren Protest artikulieren und zugleich im Kollektiv der weitverbreiteten Polizeigewalt trotzen können. Ob bei den Kundgebungen des »arabischen Frühlings« 2011, dem »Hirak« (dt. Bewegung) in der vernachlässigten Rif-Region vor zehn Jahren oder eben im Herbst bei den von der Staatsmacht brutal niedergeschlagenen Kundgebungen der »Gen Z« – die Ultras waren schon aufgrund ihrer Erfahrung ein unverzichtbarer Bestandteil der Proteste. Ihre Position zu den bedrückenden Verhältnissen im Land stellen sie bereits in ihren Fangesängen klar. So in der 2017 entstandenen Hymne der »Eagles«, eines von mehreren Ultra-Zusammenschlüssen, die sich um den Verein Raja Casablanca gebildet haben, der am Ende der Kolonialzeit von der marokkanischen Nationalbewegung gegründet worden war. Unter dem Titel »In meinem Land werde ich unterdrückt« (Fi Biladi thalmuni) rechnet der Song mit den scharfen gesellschaftlichen Gegensätzen ab und wurde weit über die Szene der Fußballfans hinaus bekannt.

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»Ich richte meine Klage an Gott, den Allerhöchsten. / Wir leben wie unter einer dunklen Wolke in diesem Land. / Wir bitten nur um Sicherheit. / Sie haben uns mit Haschisch aus Ketama betäubt. / Alle unsere Talente haben sie vergeudet / Im Rauch wurden sie zerstört. / Das Geld des Landes – ihr habt es komplett verschlungen / Ihr habt es den Fremden gegeben. / Eine ganze Generation – ihr habt sie unterdrückt. / Die Angst, die ihr erfunden habt / Ihr habt sie uns aufgezwungen / Weil ihr herrschen wollt.« Lieder anderer Ultra-Gruppen greifen die korrupten Eliten ebenso schonungslos an. Auch mit ihren kunstvoll gestalteten Transparenten, die in den Kurven entfaltet werden, nehmen die Fußballfans immer wieder politisch Stellung.

Der Protest der Ultras aus Casablanca – neben den »Eagles« vor allem die »Green Boys« – ist nicht zuletzt deswegen besonders stark, weil sich die Fanszene der Stadt durch die Fußballpläne für 2030 benachteiligt und ausgegrenzt sieht. Es ist nämlich für diesen Wettbewerb kein einziger Austragungsort, nur ein Trainingsort in der Stadt selbst vorgesehen, obwohl sie die Heimat der beiden Traditionsvereine Raja und Wydad ist. Denn das megalomane Stadion Hassan II., das mit mehr als 110.000 Plätzen die größte Spielstätte der Welt werden soll, wird ganze 50 Kilometer von Casablanca entfernt in der Kleinstadt Benslimane errichtet.

Casablanca ist nicht allein die Wirtschaftsmetropole des Landes, sondern auch ein Zentrum urbaner Verwahrlosung. Die Jugendarbeitslosigkeit wird nach offiziellen Zahlen im ganzen Land auf 40 Prozent, in Casablanca aber noch höher geschätzt. Während viele abgehängte Wohnviertel in Marokko von Drogenkonsum und Bandenkriminalität geprägt sind, wollen die Ultra-Vereinigungen gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Wie groß jedoch die Not unter den Jugendlichen ist, ist am Beispiel von Ceuta und Melilla erneut klargeworden. Bei dem Versuch, in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen, ertrank auch mindestens ein jugendlicher Ultra aus Casablanca, wie die »Green Boys« am 8. August auf Facebook mitteilten. Mehrere Mitglieder würden noch vermisst, es gebe »keine Neuigkeiten von ihnen«. Ebenfalls ums Leben gekommen bei dem Versuch, schwimmend nach Ceuta zu gelangen, ist die 20jährige Fußballspielerin Faten Ben Omar El Azizi, die bei Maghreb Atlético Tétouan spielte und Berichten zufolge von einem Strudel erfasst wurde und ertrank. Laut Zeitungsbericht suchte auch sie im Ausland nach »besseren Lebensbedingungen« – ein Motiv, das wohl die meisten Marokkaner geleitet hat, die den Versuch unternahmen, nach Spanien zu gelangen. Es ist nicht bekannt, ob auf dem gleichzeitig stattfindenden Afrikacup der Frauen an Ben Omars Tod erinnert wurde.

Die marokkanischen Ultras sehen die FIFA und insbesondere den marokkanischen Verbandschef Lekjaa seit langem als Inbegriff der Korruption: »Mafia-Lekjaa«, so ein Hashtag, sichert Infantino die Stimmen des CAF – umgekehrt unterstützt Infantino die marokkanischen Fußballambitionen. Doch sowenig die Ultras des Landes ein Blatt vor den Mund nehmen – eines kommt auch ihnen nicht über die Lippen: direkte Kritik am König. Zwar attackieren sie die herrschenden Eliten ohne Furcht und riskieren dabei Konfrontationen mit Einsatzkräften. Nur bei der Person des gesundheitlich angeschlagenen Monarchen Mohammed VI. machen sie eine Ausnahme, was sie mit weiten Teilen der marokkanischen Opposition verbindet. Nicht zuletzt teilen die Ultras auch die nationalistischen Standpunkte des Königreichs. Sie unterstützen die völkerrechtswidrige Besetzung der Westsahara, die sie als Teil Marokkos ansehen, und fordern die Rückgabe Ceutas und Melillas durch Spanien. Diese Einschränkung bestätigt allerdings nur, wie eng die politischen Spielräume in dem Land sind. Die Ultras sind eine der vernehmbarsten Stimmen der Unterdrückten in Marokko. Sie können fast alles sagen, nur nicht das Entscheidende.

Jörg Tiedjen ist jW-Redakteur für Außenpolitik und schreibt regelmäßig über den Maghreb.
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Erschienen in der Beilage vom 19.08.2026, Seite 6, Sport

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