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Fankultur

Warum sind Fanhilfen auch im unterklassigen Fußball notwendig?

Selbst in unteren Ligen ist die Stimmungsmache gegen die aktive Kurve allgegenwärtig. Aber: »Die Stadien sind sicher!« kontert Niklas Ernst, Vorstandsvorsitzender der jüngst gegründeten Kasseler Fanhilfe

Von Dean Salle (Interview)
Foto: IMAGO/ABACAPRESS
»Lückenbüßer«: Ein Gemälde des SSC‑Neapel‑Spielers Scott McTominay in einem Votivschrein im Zentrum von Neapel

Anfang des Jahres haben Sie in Kassel eine Fanhilfe in Form eines eingetragenen Vereins gegründet. Wie kam es dazu?

In den vergangenen Jahren haben sich die Repressionsmaßnahmen durch die Strafverfolgungsbehörden auch auf unsere doch eher kleine Fanszene ausgewirkt. Nachdem es zu einigen Hausdurchsuchungen und schwerwiegenden Tatvorwürfen gegen unserer Ansicht nach ziemlich willkürlich ausgewählte Personen der Ultraszene gekommen ist, sahen wir uns gezwungen, einen Verein zu gründen, um unsere Rechte als Fußballfans im Sinne der Rechtsstaatlichkeit einzufordern.

Mit welchen Themen setzen Sie sich dabei auseinander?

Gemäß unserer Satzung unterstützen wir Personen, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Fanszene des KSV Hessen Kassel e. V. von Strafverfahren betroffen sind. Dazu gehört primär die Vermittlung von Anwälten aus dem Netzwerk der Arbeitsgemeinschaft Fananwälte und die finanzielle Unterstützung bei Anwalts- und Prozesskosten im Sinne einer solidarischen Prozessbegleitung. Zudem begleiten wir in engem Austausch mit dem Verein und den Sicherheits- und Fanbeauftragten die Stadionverbotsverfahren und leisten Präventionsarbeit durch Informationsveranstaltungen zu aktuellen fanpolitischen Themen.

Warum sind diese Strukturen gerade jetzt auch im unterklassigen Bereich notwendig?

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Fußballfans als marginalisierte Gruppe geraten zunehmend in Konflikt mit Sicherheitsbehörden; Strafverfahren und Repression erreichen teils absurde Ausmaße. Diese Entwicklung trifft inzwischen auch Fanszenen der unteren Ligen, weil ausgeweitete Polizeibefugnisse und verschärfte DFB-Stadionverbotsrichtlinien alle Fans betreffen – ob im ausverkauften Stadion oder auf dem Dorfsportplatz. Um freie Fankultur zu sichern, braucht es Strukturen, die Fans bei der Wahrung ihrer Grundrechte unterstützen. Dabei spielt für uns keine Rolle, ob jemand schuldig oder unschuldig gesprochen wird: Entscheidend sind die Durchsetzung rechtsstaatlicher Verfahren und eine bestmögliche Verteidigung gegen erhobene Vorwürfe. Für die Kasseler Fanhilfe zählt allein, ob die satzungsgemäßen Voraussetzungen erfüllt sind.

Ultras und andere aktive Fußballfans werden in den Medien häufig als Gefahr und das Stadion als unsicherer Ort dargestellt. Was entgegnen Sie auf diese Aussage?

Ein einfacher Blick in die Statistiken der Polizei und des Rettungsdienstes genügt, um diese Argumente zu entkräften. Sowohl die Anzahl an Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit Fußballspielen als auch die Anzahl an dokumentierten Verletzungen sind seit den 1990er Jahren rückläufig. Entgegen der Darstellung der Sicherheitsbehörden und der Innenminister können wir sagen: Die Stadien sind sicher!

Vor welchen Herausforderungen steht damit die organisierte Fanarbeit?

Besonders die kommende Reform der Stadionverbotsrichtlinien und die Verschärfung der Polizeigesetze werden die organisierte Fanarbeit in allen Bereichen – also in denen der Fanprojekte, der Fanbeauftragten und in unserem als Teil der Dachverbände der Fanhilfen e. V. – vor eine zuvor nie dagewesene Zahl an Unterstützungsfällen stellen. Daher bereiten wir uns darauf vor, unsere Strukturen auf breitere Beine zu stellen und noch mehr Vernetzungsarbeit mit anderen Fanhilfen zu betreiben.

Wenn Sie eine Forderung unverzüglich durchsetzen könnten, welche wäre das?

Ein klares Bekenntnis zum schützenswerten Kulturgut Fankultur. Die Landesregierung Bayerns würde nach einem Oktoberfest mit etlichen Straftaten genauso wenig nach härterer Gangart den Besuchern gegenüber schreien wie die Politiker in NRW nach der Karnevalssaison. Am Fußball und seinen Fans aber wird Exempel um Exempel statuiert.

Das klare Bekenntnis bedeutet im Umkehrschluss die deutliche und nachhaltige Absage an alles, was die Fankultur in ihren Grundfesten angreift: Kollektivstrafen, willkürliche Stadionverbote, Vorratsdatenspeicherung, personalisierte Tickets, Einschränkungen in der Reisefreiheit und sonstige repressive Maßnahmen und Allmachtsphantasien der Innenminister.

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Erschienen in der Beilage vom 19.08.2026, Seite 5, Sport

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