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Fankultur

»Zeitenwende« in Giesing

Dauerkartenboom und Mitgliederrekord – wie der TSV 1860 München nach dem Investorenschock in der Regionalliga Bayern neu beginnt

Foto: IMAGO/aal.photo
Nicht mehr nackt: Jesulein im Jersey der mexikanischen Nationalmannschaft während der heimischen Fußball-WM (Mexiko-Stadt, 21.6.2026)

Ein Satz bringt es auf den Punkt: »Mit dem Rücken an der Wand, doch immer wieder obenauf«. Viel treffender als mit dieser Textzeile aus dem Lied »Mit Leib und Seele« der löwenaffinen Münchner Rockband »Die Vorstadtkönige« lässt sich die Gefühlslage der Fans und Anhänger des TSV 1860 München kaum in Worte fassen; gehört doch das große Fußballdrama, die Folge von Höhenflügen und Abstürzen, von Titeln, Tränen und Tragik von jeher zur DNA des Giesinger Traditionsvereins.

Es ist erst wenige Wochen her, dass die weiß-blaue Fußballwelt wieder einmal in Trümmern lag: Am 3. Juni 2026, dem sogenannten schwarzen Mittwoch, hatte die ebenso unvorhersehbare wie widerrechtliche Darlehenskündigung durch den jordanischen Investor, oder besser gesagt Finanzhasardeur, Hasan Ismaik der für den Profifußball bei 1860 zuständigen Kapitalgesellschaft von einem Tag auf den anderen den Stecker gezogen. Lizenzentzug und Zwangsabstieg in die viertklassige Regionalliga Bayern waren die Folge.

Ein deprimierendes Déjà-vu übrigens, dasselbe Szenario hatte sich im Sommer 2017 schon einmal ereignet. Seinerzeit hatte sich eine frisch formierte junge Mannschaft mit Löwen-Ikone Daniel Bierofka als Trainer zwar sportlich innerhalb einer Saison wieder zurück in die dritte Liga gespielt und gekämpft, die toxischen Strukturen zwischen den beiden Gesellschaftern jener Kommanditgesellschaft auf Aktien (KgaA) waren jedoch dieselben geblieben – doch der offene Bruch und ein wirklicher Neuanfang blieben aus.

Ganz anders jetzt, diesmal hat der eingetragene Verein (e.V.) – der Mutterverein und Hauptgesellschafter – reagiert, den Kooperationsvertrag mit Ismaiks Firma fristlos gekündigt und sich das bislang auf die KgaA übertragene Spielrecht zurückgeholt, während die KgaA Insolvenz anmeldete – selbstverschuldete Kapitalvernichtung à la Ismaik. Kurz gesagt: Tabula rasa, Tage der Wahrheit, Showdown in Giesing.

Der vielstrapazierte Begriff »Zeitenwende« ist hier tatsächlich angebracht, nach 15 Jahren Misstrauen, Lügen, Beleidigungen, Drohungen, Erpressungsversuchen und weinerlich-selbstmitleidigen Social-Media-Posts der Investorenseite nun auf einmal Frieden und Freiheit? Hatte noch 2025 das Gerücht, Ismaik habe sich entschlossen, seine Anteile an der Fußballfirma zu veräußern und die Segel zu streichen, zu spontanen Fanfeierlichkeiten auf Giesings Straßen geführt, herrschte nun zunächst Ungläubigkeit in beiden Lagern der zuletzt gespaltenen Fanszene. Auch wenn das eigentliche Insolvenzverfahren noch nicht eröffnet ist, die KgaA als quasi wertloses Konstrukt auf dem Papier noch besteht und einige juristische Baustellen abzuarbeiten sind, so ist das Kapitel Investorenmodell auf Giesings Höhen Geschichte.

So gesehen erscheint, was sich in den wenigen Wochen zwischen besagtem schwarzen Mittwoch und dem Saisonstart der ersten Mannschaft im Löwenkosmos ereignet hat, als ein mindestens mittleres Fußballwunder: Innerhalb kürzester Zeit ist dem seit Sommer 2025 amtierenden e.V.-Präsidenten Gernot Mang und seinen Präsidiumskollegen, den Vereinsgremien und Helferinnen und Helfern der schier unfassbare Kraftakt gelungen, die Trümmer abzuräumen, entscheidende Weichen zu stellen und den Verein von Grund auf neu aufzustellen. Neben der Gründung einer neuen Spielbetriebsgesellschaft wurden mit der Stadt München frische Vereinbarungen zur Stadionmiete und -nutzung getroffen, ein neuer Ausrüster, ein neuer Hauptsponsor, ein neues Trainerteam und eine komplett neu formierte Mannschaft präsentiert – ein Mix aus jungen Talenten, alternden Desperados und Rückkehrern mit Löwenherz.

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Dass sich auch Mathew Collins, Sohn von Rocklegende Phil Collins, im Münchner Mittelfeld tummelt, sorgt sogar für einen gewissen Promifaktor. Dabei ist und war die Fanszene des TSV 1860 schon lange vor dem Investorenein- und nun -ausstieg zwar als ebenso leidenschaftlich wie leidensfähig bekannt, aber auch als in sich widersprüchlich, zerrissen und konfrontativ. Begonnen hatte dies spätestens in den 1990er Jahren, als sich am barock-absolutistischen Führungsstil des damaligen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser, trotz großer sportlicher Erfolge zunehmend die Geister zu scheiden begannen. Vor allem Wildmosers Größenwahn in Sachen Stadionfrage und seine nach Gutsherrenart getroffene Entscheidung, das leicht abgeranzte, aber kultige Stadion an der Grünwalderstraße, zugunsten des ungeliebten Olympiastadions und später einer noch ungeliebteren, zwischen Mülldeponie und Autobahn gelegenen und in Fankreisen als »Arroganz-Arena«, »Schwimmreifen« oder »Kaiserklo« verspotteten Spielstätte zu verlassen, sorgte für eine Spaltung, die zuweilen fanatische, quasi-religiöse Züge annahm. Tradition gegen Kommerz, Fußballromantik gegen Fußballbusiness hießen die Demarkationslinien.

Als Gegengewicht zur noch unter Wildmoser gegründeten Fangemeinschaft ARGE, gründeten größtenteils kritische Fans im Dezember 2006 die Fanorganisation Pro 1860 e.V., deren größter Erfolg der Beschluss einer neuen, ungleich demokratischeren Vereinssatzung war; so wurde etwa das bis dato geltende Delegiertensystem abgeschafft und durch die direkte Wahl des Präsidiums und der Vereinsgremien durch die jährliche Mitgliederversammlung ersetzt. Mit dem Anteilsverkauf an Ismaiks HAM Ltd.

2011 legte die bestehende Konfrontation nochmals an Schärfe und Unversöhnlichkeit zu, der Grad der Diffamierungen und der Hetze gegen demokratisch gewählte Funktionäre nahm zunehmend unerträgliche und den Bereich des Justiziablen nicht nur streifende Ausmaße an. Die narzisstisch aufgeladene Selbstdarstellung des Kreditgebers, die Sehnsucht nach früheren Erfolgen und grundsätzliche Differenzen über das Wesen des Fußballs in Kombination mit persönlichen Animositäten lähmten den Verein über Jahre.

Seit dem Schicksalsjahr 2011 amtierten nicht weniger als sechs Präsidenten, deren Taktik dem Investor gegenüber das gesamte Spektrum zwischen kompletter Devotion und Selbstverleugnung auf der einen bis hin zur Maximalopposition auf der anderen Seite abdeckten. Genutzt hat am Ende des Tages nichts davon. Auch das ewige Rätsel, was Ismaik überhaupt zum Einstieg an der Grünwalder Straße bewogen hatte, und was er eigentlich wollte, blieb vom ersten bis zum letzten Tag ungelöst.

Dass die Vereinsvertreter in den vergangenen turbulenten Jahren stabil geblieben sind und allen persönlichen Diffamierungen und Drohungen der Gegenseite getrotzt haben, kann ihnen nicht hoch genug angerechnet werden. Mit dem großen Paukenschlag vom 3. Juni 2026 und allem, was seither geschehen ist, sind vielleicht nicht alle Probleme gelöst, doch hat der Verein die einmalige Chance auf einen echten Neuanfang.

Die sportliche Realität heißt erst mal Regionalliga Bayern, die Aufbruchstimmung allerdings durchzieht ganz Giesing: mehr als 9.000 verkaufte Dauerkarten, ein neuer Mitgliederrekord und nach aktuellem Stand mehr als 40.000 Euro Einnahmen aus Crowdfunding sprechen für sich.

Fußball gespielt wird natürlich auch wieder beim TSV: Als im ersten Heimspiel am 7. August gegen die Zweitvertretung des FC Augsburg der neuverpflichtete Mittelfeldakteur Michael Eberwein nach einer Viertelstunde einen Handelfmeter im gegnerischen Tor versenkte, durfte er sich vom Stadionsprecher für »das erste Heimtor der neuen Zeitrechnung« feiern lassen. Was immer der Sportfreund Eberwein in seiner Karriere noch erleben wird, seinen Platz im weiß-blauen Geschichtsbuch hat er sicher. Und auch wenn es nach neunzig Minuten nur für ein Unentschieden gegen die ungeliebten Nachbarn aus der »Westvorstadt« gereicht hat, schmeckte die Aftershow-Halbe in den Kneipen und Boazn doch irgendwie besonders gut. Nicht nur nach Hopfen und Malz, sondern auch irgendwie nach Freiheit.

Kurzum: Dass ein frischgebackener (Zwangs)absteiger mit »Der TSV ist wieder da« Sprechchören gefeiert wird, passiert so wohl auch nur in Giesing. Sechzig lebt – und wir leben für Sechzig.

Fabian Stallknecht ist seit drei Jahrzehnten leidenschaftlicher Fan des TSV 1860 München. Er ist Mitglied der Fanorganisation Pro 1860 und der Initiative »Löwenfans gegen Rechts«. Als Mitglied im Wahlausschuss war er zudem einige Jahre aktiv in der Organisation des Vereins tätig.
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Erschienen in der Beilage vom 19.08.2026, Seite 3, Sport

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