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Beilage Nahost

Totgesagte leben länger

Die »Widerstandsachse« ist alles andere als Geschichte. Vielmehr hat ihr der Krieg der USA und Israels gegen den Iran Auftrieb gegeben

Foto: instagram.com/marahza91

Die israelische Besatzungsarmee steht im Libanon unter Druck: Die FPV-Drohnen der Hisbollah seien ein »großes Problem«, das Israel »hätte kommen sehen müssen«. Dies schrieb ein Reporter der Times of Israel am 4. Mai. Die Hisbollah habe in den vergangenen Wochen einen unverkennbaren Sprung in ihren Drohnenfähigkeiten und -taktiken gemacht. Sie setze sprengstoffbeladene, unbemannte Drohnen mit tödlicher Wirkung gegen die Besatzungstruppen im Südlibanon ein, und die Armee wisse sich nicht gegen dieses »große Problem«, dem die Soldaten faktisch schutzlos ausgeliefert seien, zu wehren. Das Militär sei nicht darauf vorbereitet, die von Israel eingerichtete Pufferzone sei ebenso »gefährdet« wie die Soldaten selbst.

Die mit Hilfe einer internen Kamera und einer Videobrille gesteuerten First-Person-View-Drohnen (FPV), die über eine Reichweite von bis zu 70 Kilometern verfügen und auch israelische Siedlungen erreichen können, sind mit Glasfaserkabeln verbunden. So können sie nicht elektronisch gestört werden, die israelischen Verteidigungssysteme werden faktisch nutzlos. Die Hisbollah zielt mit den Drohnen insbesondere auf Panzer, Militärfahrzeuge, Armeebulldozer, Truppentransporter und Ansammlungen von Soldaten. Im April hat sie so mit in der Herstellung von sehr kostengünstigen Waffen – eine FPV-Drohne kostet nur 400 bis 500 US-Dollar – mehrere »Merkava«- und andere Panzer sowie Caterpillar-Bulldozer zerstört. Getroffen wurden auch Ziele innerhalb Israels, die meisten davon militärische.

Kampfkraft ungebrochen

Die bestürzte Reaktion auch anderer israelischer Medien zeugt von einer vorausgehenden Fehleinschätzung: Die aus dem Iran, den schiitisch geprägten irakischen Volksmobilisierungskräften (Al-Haschd Al-Schaabi), den jemenitischen Ansarollah (»Huthis«), der libanesischen Hisbollah und den palästinensischen Widerstandsgruppen bestehende »Achse des Widerstands« sei tot, frohlockten im Herbst 2024 israelische und westliche Medien und Analysten. Benjamin Netanjahu behauptete, man habe »die Achse Stein für Stein zerlegt«. Der Sturz der Regierung Baschar Al-Assad in Syrien, einem der wichtigsten Verbündeten der »Achse«, durch dschihadistische Kopfabschneiderbanden im Dezember desselben Jahres ließ den Chor noch lauter werden. Und tatsächlich waren der »Widerstandsachse« 2024 schwere Verluste zugefügt worden.

Dazu gehörten die Tötung des Leiters des Hamas-Politbüros, Ismail Hanija, mitten in Teheran sowie von dessen Nachfolger Jahja Sinwar in Gaza und insbesondere die Tötung von Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah und seinem designierten Nachfolger Haschem Safi Al-Din in Beirut. Zuvor hatte die israelische Armee nahezu die gesamte militärische Führungsriege der Hisbollah ausgeschaltet und mit den Pager- und Walkie-Talkie-Angriffen eine schwerwiegende Sicherheitslücke offenbart, die der »Partei Gottes« neben realen Verlusten einen großen Imageschaden zufügte. Der über 14 Jahre in einem Regime-Change-Krieg vorbereitete Sturz der Regierung Assad war nicht zuletzt dazu gedacht, der »Widerstandsachse« den Todesstoß zu versetzen, indem man sie von wichtigen Nachschubrouten für Waffen und Kämpfer abschnitt.

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Dennoch waren die Nachrufe verfrüht. Nicht nur blieb der Seeweg offen. Die »Achse des Widerstands« verfügt auch weiterhin über Zehntausende bis Hunderttausende Kämpfer, die über die gesamte Region Westasien verteilt sind. Die irakischen Volksmobilisierungskräfte und die jemenitischen Ansarollah wurden im Vergleich zu Hamas und Hisbollah nur marginal geschwächt, und die Koordination zwischen den einzelnen Gruppen und auch die mit dem Iran bleibt intakt. Washingtons und Tel Avivs Behandlung der »Widerstandsachse« als zerbrochene und schwache Allianz, deren Teile leicht zu beseitigen seien, erweist sich als Trugschluss. Denn trotz eines unter extremem US-Druck zustandegekommenen Beschlusses der libanesischen Regierung vom vergangenen Sommer, die Hisbollah zu entwaffnen, sowie der Zerstörung zahlreicher Waffenarsenale ist deren Kampfkraft offenbar nahezu ungebrochen.

So konnte die israelische Armee entgegen anderslautenden Behauptungen den symbolträchtigen Ort Bint Dschubeil im Südlibanon im April zwar mit großen Verlusten in den eigenen Reihen zunächst einnehmen, aber auch unter Anwesenheit von fünf Divisionen der Armee nicht halten. Das straft auch den israelischen Brigadegeneral Guy Levy Lügen. Er hatte zuvor in Bint Dschubeil behauptet, das einst von Hassan Nasrallah im Mai 2000 nach dem damals erzwungenen Abzug der Besatzungstruppen am gleichen Ort gefällte Urteil, Israel sei »schwächer als ein Spinnennetz«, »nichts wert« sei.

Der von Israel und den USA Ende Februar vom Zaun gebrochene völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran hat der »Widerstands­achse« Auftrieb gegeben. Tel Aviv und Washington, die offenbar tatsächlich meinten, innerhalb weniger Tage mittels Enthauptungsschlägen einen Regime-Change im Iran herbeiführen zu können, haben den selbsterkorenen Gegner unterschätzt. Der hat sich seit Jahrzehnten auf ebendiesen Krieg vorbereitet und dezentrale Strukturen sowie eine sogenannte Mosaikverteidigung entwickelt, die auch ohne zentrale Führung funktioniert. Letztlich konnten die USA und Israel keines ihrer Kriegsziele erreichen.

Den wirtschaftlichen Druck durch die Blockade der Straße von Hormus flankieren die Ansarollah im Jemen, die jederzeit die Meerenge Bab Al-Mandab und das Rote Meer für die Durchfahrt von Schiffen schließen können – eine Fähigkeit, die sie in der Vergangenheit mit schweren wirtschaftlichen Folgen für Israel, aber auch für die internationale Schiffahrt, unter Beweis gestellt haben. Während des Kriegs gegen den Iran haben sowohl die irakischen Volksmobilisierungskräfte als auch die Ansarollah und die Hisbollah zusätzliche Fronten eröffnet und sowohl US-Militärbasen und -­Botschaften sowie Einrichtungen, die US-Wirtschaftsinteressen dienen, in den arabischen Golfstaaten als auch Israel angegriffen.

Beirut riskiert Bürgerkrieg

Tel Aviv versucht, im Libanon seine »Großisrael«-Pläne umzusetzen. Als »Modell von Rafah und Beit Hanun« bezeichnet Kriegsminister Israel Katz ganz unverfroren, was seine Armee, die sich nie an die eigentlich geltende Waffenruhe gehalten hat, umsetzt: Mit der großflächigen Sprengung libanesischer Dörfer und der Infrastruktur im Süden des Libanon sollen die betroffenen Gebiete entvölkert werden. Für die 10.000 Quadrat­kilometer große Pufferzone, die Israel dauerhaft besetzen will, plant die von der Regierung Netanjahu protegierte fanatische Siedlerbewegung bereits den Bau von völkerrechtswidrigen Siedlungen. Wer wie die Regierung in Beirut in einer solchen Situation die einzige Kraft, die der israelischen Tötungs-, Vernichtungs-, Besatzungs- und Annexionspolitik wirksamen Widerstand entgegensetzen kann, zu entwaffnen versucht, riskiert nicht nur einen Bürgerkrieg, sondern gefährdet auch die Souveränität und territoriale Integrität des Libanon. Zumal die libanesische Armee zur Umsetzung eines solchen Unterfangens gar nicht in der Lage ist.

Naim Kassem, Nachfolger Nasrallahs als Generalsekretär der Hisbollah, hat sich vehement gegen jegliche Verhandlungen mit Israel ausgesprochen. Diese seien »vergeblich«. Die libanesische Regierung prangert er an, weil sie die Hisbollah auf Geheiß Washingtons zerschlagen will. Sie habe »keinen eigenen Mut, will aber anderen den Widerstand verbieten«, so Kassem in einer Rede am 13. April. Denn: »Der einzige Weg, der zu Souveränität führt«, sei die Umsetzung des von Israel über zehntausendmal verletzten Waffenstillstandsabkommens vom November 2024. Das beinhalte, dass »die Aggression komplett gestoppt und der vollständige Rückzug Israels aus allen Gebieten umgesetzt wird sowie die Gefangenen freigelassen werden und den Menschen die Rückkehr in ihre Dörfer und Städte ermöglicht wird – bis zum letzten Haus entlang des Grenzstreifens und der libanesischen Grenzen«.

Wiebke Diehl ist Autorin und Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Naher Osten.

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Erschienen in der Beilage vom 13.05.2026, Seite 7, Ausland

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