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Baseball

Die Rache der Enterbten

Noch nie in der Geschichte der Major League Baseball haben die Milwaukee Brewers und die Tampa Bay Rays eine Meisterschaft gewonnen. Nun treffen sie in der 122. World Series aufeinander

Foto: Mark Hoffman/USA TODAY Network via Imagn Images/REUTERS
William Contreras am Schlagmal (Milwaukee, 30.3.2026)

Eines steht schon vor der 122. Ausgabe der World Series fest, die am Freitag abend (Ortszeit) in Milwaukee zwischen den heimischen Brewers und den Tampa Bay Rays beginnt: Es wird einen neuen Champion für die Geschichtsbücher geben. Beide Teams haben noch nie eine Meisterschaft gewonnen. Während die Rays zuletzt 2020 in der durch die Coronapandemie verkürzten Saison gegen die Los Angeles Dodgers den kürzeren zogen, wartet Milwaukee seit 1982 – damals den St. Louis Cardinals unterlegen – auf die zweite World-Series-Teilnahme der Klubgeschichte.

Mit den Rays und Brewers stehen sich ausgerechnet die beiden Teams mit der kleinsten Medienreichweite und den entsprechend niedrigsten TV-Einnahmen in der Major League Baseball (MLB) gegenüber und strafen so die Klubbosse Lügen. Die wollen nämlich im bevorstehenden Arbeitskampf im Winter eine Gehaltsobergrenze (»Salary Cap«) durchsetzen. Angeblich, weil Teams aus kleinen Medienmärkten ohne »Cap« keine Chance gegen die Schwergewichte aus Los Angeles, New York, Chicago oder Boston hätten. Sei’s drum, sollen die Bosse, ausgenommen die der beiden World-Series-Aspiranten, mit der Paarung ruhig ihre Probleme haben, Baseballconnaisseure werden trotzdem entzückt sein. Mit den Brewers (103 Siege und 59 Niederlagen) und den Rays (98/64) treffen nicht nur die beiden besten Teams aus der National League (NL) und American League (AL) aufeinander. Nein, es sind auch zwei der innovativsten Klubs, wenn es um Talententdeckung sowie Spielerakquise und -entwicklung geht. Fehlende Millionen im Budget müssen in Milwaukee und Tampa Bay durch smarte Ideen wettgemacht werden, und die haben beide seit mehr als einer Dekade.

Der Weg der Rays in die World Series führte in der AL-Division-Series über Rekordmeister New York Yankees. Die »Bronx Bomber« mit ihrer Multimillionentruppe hatten nicht den Hauch einer Chance und gingen in der Serie 0:3 unter. Dreh- und Angelpunkt im umkämpften 1:0-Sieg der Rays in Spiel eins: Starting Pitcher Drew Rasmussen. Die Yankees haben vermutlich immer noch Alpträume, ließ der 31jährige in acht Innings doch nur einen Hit und zwei Walks zu, während er zehn Strike­outs warf.

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In der AL-Championship-Series gegen die Cleveland Guardians (ehemals Indians) setzten sich die Rays schließlich am Montag mit 4:2-Partien durch. In Spiel sechs zeigte der zweite Starting Pitcher der Rays, Freddy Peralta, was in ihm steckt: In 5 1/3 Innings ließ er bei fünf Hits, drei Walks und drei Strikeouts nur einen Run zu. Peralta, Anfang des Jahres noch ein Brewer, war damals von Milwaukee zu den New York Mets gewechselt, konnte in Queens aber nicht reüssieren. Ende Juli ging es für »Fastball Freddy« zu den Rays, wo er unter Pitching Coach Kyle Snyder zu seinem alten Selbst zurückfand. In den Playoffs warf der Puerto-Ricaner bislang 16 2/3 Innings mit zwölf Strike­outs wobei er sieben Walks und einen Homerun abgab. Mit Bryan Baker hat Teammanager Kevin Cash zudem einen sehr dominanten Closer in seinem Bullpen, um im neunten Inning knappe Führungen zu verteidigen.

Am Schlagmal läuft es für Powerhitter und Third Baseman Junior Caminero noch nicht ganz rund. 42 Homeruns in der Saison bedeuteten Platz vier in der MLB, in der Postseason reichte es bislang lediglich für einen. Der allerdings war in Spiel sechs gegen die Guardians entscheidend für den Sieg. Daneben haben Jonathan Aranda, Victor Mesa Jr. und Yandy Díaz jeweils das Zeug, Spiele zu entscheiden.

Bei den Brewers läuft die Postseason bislang unter dem Motto: »Rache ist süß.« Nachdem sie 2025 von den Los Angeles Dodgers auf deren Weg zum zweiten World-Series-Titel in Folge mit 4:0-Spielen abgefertigt worden waren, zahlten die Brewers vergangene Woche mit gleicher Münze zurück: Der 4:0-»Re-Sweep« ist ein bislang einzigartiges Kunststück in der bis 1901 zurückreichenden modernen Baseballära. Schlüsselspieler auf Seiten der Brewers ist unter anderem Powerpitcher Jacob Misiorowski, der einen bis zu 104,8 Meilen pro Stunde (knapp 169 Kilometer pro Stunde) harten Fastball werfen kann. In 30 Saisonpartien warf »The Miz« 174 2/3 Innings und erzielte sagenhafte 252 Strikeouts, absolute Ligaspitze. Doch die lange Saison scheint langsam Tribut vom Wurfarm des 24jährigen zu fordern: In den Playoffs kam Misiorowski bei seinen Starts gegen die San Diego Padres, die in der NL Division Series in vier knappen Partien mit 3:1 bezwungen werden konnten, und gegen die Dodgers jeweils nicht über fünf Innings hinaus. Misiorowski hatte Probleme, die Strikezone zu treffen. Doch wenn es mit dem Starter nicht läuft, dann lässt Teammanager Pat Murphy sein Arbeitspferd, Einwechselpitcher Aaron Ashby, von der Trense. Der Linkshänder warf in den Playoffs bislang 12 1/3 Innings und ließ nicht einen einzigen Run zu.

Bester Offensivmann der Playoffs ist bislang Jake Bauers mit fünf Singles, einem Double und einem Homerun. Seine sieben Walks unterstreichen seine Disziplin am Schlagmal. Dabei wollte der 31jährige Ende 2024 seine Karriere wegen chronischer Erfolglosigkeit schon beenden. Doch dann wurde seine Frau schwanger und beide brauchten eine Krankenversicherung. Aus purer Not unterschrieb Bauers einen Minor-­League-Vertrag bei den Brewers, wie das Milwaukee Journal Sentinel Anfang Oktober herausfand. Seither hat sich Bauers zum Schrecken aller Pitcher entwickelt. In der abgelaufenen Saison schlug er 26 Homeruns, die erste Base erreichte er in hervorragenden 38,9 Prozent der Fälle. Im Blick behalten sollte man auch Youngster und Leftfielder Jackson Chourio sowie Routiner und Catcher William »Wild Bill« Contreras. Die beiden Venezolaner, die im März schon die World Baseball Classic, die Weltmeisterschaft der Nationalmannschaften, für ihr Land holten, haben das Zeug, Spiele im Alleingang zu entscheiden. Chourio drosch in Spiel drei gegen die Dodgers gleich den ersten Pitch des Spiels von Blake Snell auf die Ränge. Contreras war wiederum mit sechs Hits, davon zwei Solo-Homeruns, eine Bank in der Serie gegen San Diego.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.10.2026, Seite 16, Sport

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