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»Sexualisierte Gewalt soll uns brechen«
Öffentlichkeit ist ein ganz entscheidendes Mittel gegen Scham, Schuldgefühle und Isolation. Ein Gespräch mit Paula Maier
Sie sind Anfang des Jahres mit einer internationalistischen Delegation in die Türkei gereist und wurden in der Stadt Mardin unweit der Grenze zu Syrien festgenommen. Mit welchem Bewusstsein sind Sie aufgebrochen?
Anfang Januar wurden kurdische Stadtteile in Aleppo angegriffen, Mitte Januar gingen die Angriffe weiter. In Deutschland haben wir dagegen protestiert und unsere Solidarität mit dem kurdischen Befreiungskampf und der Frauenrevolution auf die Straße getragen. Gleichzeitig haben wir betont, dass Solidarität nicht bei Demonstrationen stehenbleiben darf, sondern praktisch werden muss.
War Ihnen bewusst, welchen Repressionen Sie dort ausgesetzt sein könnten?
Selbstverständlich beschäftigt man sich vorher auch mit der Frage, was bei einer Festnahme passieren kann. Dabei kommt einem auch sexualisierte Gewalt in den Sinn. Aber wirklich darauf vorbereiten kann man sich nicht.
Welche Möglichkeiten gibt es, sich gegen solche Gewalt zu wehren?
Man kann darüber sprechen, was sexualisierte Gewalt bedeutet und welche Möglichkeiten gegenseitiger Solidarität selbst unter solchen Bedingungen bestehen. Während unserer Haft haben wir etwa gegen die Zellenwände geklopft, um einander zu zeigen, dass wir noch da sind. Denn Isolation ist ebenfalls ein Mittel der Repression. Genauso entscheidend ist die Frage, was nach der Rückkehr passiert. Wie schaffen wir einen Rahmen, in dem Betroffene über ihre Erfahrungen sprechen können? Für mich selbst war das eine große Herausforderung. Ich habe erst ungefähr drei Monate später vollständig über das Erlebte gesprochen.
Warum haben Sie gezögert?
Wir haben uns unmittelbar nach unserer Rückkehr als Delegation getroffen und über unsere Erfahrungen gesprochen. Dabei kamen auch Formen sexualisierter Gewalt zur Sprache, aber nicht alles. Weil niemand darüber sprach, habe ich mich noch mehr geschämt und zunächst geschwiegen. In den folgenden Wochen hatte ich mit Rückzug, Isolation, Scham und Schuldgefühlen zu kämpfen. Ich habe mich gefragt, ob ich dadurch schwächer geworden bin, ob ich mich ausreichend gewehrt habe. Erst durch die gemeinsame Aufarbeitung entstand ein Rahmen, in dem ich schließlich auch darüber sprechen konnte.
Was hat sich dadurch verändert?
Das waren einige der wichtigsten Momente der vergangenen Monate. Es war jedes Mal schmerzhaft, über die Erfahrung zu sprechen, aber gleichzeitig hat es mir unglaublich viel Kraft gegeben. Ob gegenüber der Delegation, meinen Genossinnen, meiner Familie oder später öffentlich im Camp: Niemand hat meine Erfahrung angezweifelt. Ich habe gespürt, wie andere mit mir trauern und gleichzeitig Wut entwickeln. Diese Gefühle können wir gemeinsam bündeln und etwas Praktisches entstehen lassen.
Wie haben die Medien auf Ihre Berichte reagiert?
In Deutschland war die Resonanz eher verhalten. Von der bürgerlichen Presse hatten wir auch nicht unbedingt mehr erwartet. International war die Aufmerksamkeit größer, besonders in der Türkei.
Sexualisierte Gewalt durch die Polizei wird auch in Deutschland immer wieder öffentlich thematisiert. Wie schätzen Sie die Situation hier ein?
Sexualisierte Gewalt durch Beamte ist in Deutschland noch immer ein großes Tabuthema. Zwar werden einzelne Fälle öffentlich, etwa im Zusammenhang mit gezieltem Würgen, entwürdigenden Nacktdurchsuchungen oder dem Greifen an Brüste und Intimbereiche bei Polizeieinsätzen. Aber die politische Widerstandsbewegung hat bislang kaum einen gemeinsamen Umgang damit entwickelt. Gerade auf der Straße gibt es wenig kollektive Reaktion. Dabei ist sexualisierte Polizeigewalt ein Mittel, um Frauen und politische Kämpfe insgesamt zu brechen. Das betrifft nicht nur internationalistische Bewegungen, sondern auch Auseinandersetzungen hier.
Welche Bedeutung hat es dabei, sexualisierte Polizeigewalt öffentlich zu machen?
Öffentlichkeit ist ein ganz entscheidendes Mittel. Sexualisierte Gewalt erzeugt Scham, Schuldgefühle und Isolation. Deshalb müssen wir die Vereinzelung überwinden. Ich werde bei der Konferenz »110 Gründe, das Schweigen zu brechen!« an diesem Sonntag im Berliner Veranstaltungsort Bum sprechen. Dort können Interessierte, Betroffene und politische Aktivistinnen Erfahrungen austauschen, sexualisierte Polizei- und Staatsgewalt aus der Tabuzone holen und gemeinsam diskutieren, wie wir uns dagegen organisieren können.
Paula Maier ist Mitglied der Föderation klassenkämpferischer Organisationen (FKO)
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