Warten aufs Bonmot
Eine gewichtige literarische Sensation, die erst seit kurzem Buchhandelsregalbretter durchdrückt, wird schon ab dem kommenden Wochenende im Radio zu hören sein: die »German Diaries« von Samuel Beckett, »die letzten noch unveröffentlichten Texte des Autors«, wie der Suhrkamp-Verlag betont. Der damals 30jährige hatte von Herbst 1936 bis Frühjahr 1937 auf einer Deutschland-Reise angewidert ein Tagebuch geführt, das Ende August in einem 1.352 Seiten starken Band bei Suhrkamp herausgegeben wurde, aufzuwiegen mit 78 Euro. Die Ausgabe ist auch deshalb so umfangreich ausgefallen, weil sie das englische Original und eine deutsche Übersetzung enthält, damit beim Lesen nicht verlorengeht, was Beckett mit dem Vokabular seiner wildgewordenen Gastgeber aufgezeichnet hat.
Die Zweisprachigkeit eröffnet reizvolle Möglichkeiten bei der funkischen Inszenierung der Tagebücher, ob diese Gaby Hartel (Übersetzung, Bearbeitung und Regie) geglückt ist, wird die Premiere der → »German Diaries« am Sonnabend zeigen (DLF 2026, 20.05 Uhr). Dann laufen im Deutschlandfunk die ersten zwei von vier Teilen, DLF Kultur bringt Teil eins am Sonntag um 18.30 Uhr. Was die Lesung mit Sabin Tambrea würzen dürfte, ist die unverstellte Sprache des Schriftstellers, der hier nicht für spätere Leser schreibt, die an seinen Kraftausdrücken (und Bordellbesuchen) Anstoß nehmen könnten. Beim Begriff »Deutsches Schicksal« zum Beispiel kommt ihm »die Kotze hoch«. Umzingelt von Kriegstreibern und Faschisten geht’s mir gerade ähnlich.
Die Haare sträuben sich im Feature → »Sieh einmal, hier steht er … Die Erfolgsgeschichte des Struwwelpeters« von Renate Maurer und beim Kolumnisten, der sich als Rotznase sehr gegruselt hat bei der Geschichte vom Daumenlutscher (ORF 2020, Di., 16.05 Uhr, Ö 1). Er fürchtet sich heute bei Storys wie → »Kill Cloud – Von 9/11 zum Digitalen Krieg« (DLF 2026, Di., 19.15 Uhr, DLF). Geht auch mal ein dreiteiliger Sendungstitel? Klar! Hier im Hörspiel → »Gerechte Strafen – Coming of Age einer Republik oder: Ein Märchen« von Hofmann und Lindholm (DLF 2026, Di., 20.05 Uhr, DLF, Mi., 22.05 Uhr, DLF Kultur).
Es wird empfohlen, die Luft nicht anzuhalten in → »Breathwork in der Forschung – was Atmen bewirken kann« (Do., 19.30 Uhr, DLF Kultur). →»Life in plastic, it’s fantastic« überschreiben Markus Metz und Georg Seeßlen ihr Stück darüber, »Wie Barbie Glück und Grauen in die Welt bringt« (DLF 2024, Fr., 20.05 Uhr, DLF). In der Samstagausgabe von »Tatort Geschichte – Verbrechen aus der Vergangenheit« labern zwei »Hosts« über →»Das Attentat auf Bob Marley« im wilden Kingston Town vor nunmehr fünfzig Jahren (Sa., 13.05 Uhr, Bayern 2).
Für den Samstag abend haben wir die Janáček-Oper →»Die Ausflüge des Herrn Brouček«, die bei den Bregenzer Festspielen im Juli in tschechischer Sprache aufgeführt wurde von den Wiener Symphonikern (Sa., 19.05 Uhr, DLF Kultur). Am Sonntag morgen frohlockt Lilia Becker bei → »Nudelmesse statt Gottesdienst – Die deutsche Spaghettimonsterkirche wird 20« (8.30 Uhr, WDR 3).
Wer ist Jan Vetter? Klingt wie ein toter Fernsehbulle aus Hamburg, ist aber Berufsmusiker aus Westberlin, auch Bierdosen haltenden toten Hosen bekannt als Farin Urlaub, Frontrotz der besten Ärzte-Band der Welt. Die Kollegen von »Rock et cetera« haben seine neue CD ausgepackt und wortwitzen bemüht: →»Urlaub nicht nur in Westerland« (So., 15.05 Uhr, DLF). Nicht Urlaub denn Arbeitswelt, die upgefuckte neue, bestimmt zur selben Uhrzeit auf Bayern 2 das Hörspiel → »Drifter« von Ulrike Sterblich (BR 2024, So., 15.05 Uhr), und im letzten Vorschlag, dem Stück → »Mörder sind blöd« von Dunja Arnaszus, geht gar der grässliche Sensenmann um in der Szene der Podcastfaseleheinis, passenderweise in der True-Crime-Sektion (MDR, RBB 2026, So., 16.05 Uhr, Mo., 19.05 Uhr, Radio 3).
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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