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»The Line« kommt ans Ende
Von neoliberaler Utopie zur Ruine – das Scheitern von Saudi-Arabiens Prestigeprojekt Neom
Es hatte sich schon länger angekündigt, nun ist es offiziell: Das saudische Neom-Projekt steht vor dem Aus. Zwar kann bei einem von einem Staatsfonds getragenen Vorhaben nicht von einer klassischen Pleite gesprochen werden, doch wesentliche Bauabschnitte wurden Anfang 2026 gestoppt, Großaufträge gekündigt und das Gesamtprojekt einer Neuausrichtung unterzogen. Laut Berichten der Zeitung Wall Street Journal vom August werden die futuristischen Prestigeprojekte zugunsten wirtschaftlich rentablerer Bereiche wie KI-Datenzentren zurückgefahren und in Phasen umgesetzt.
Schon vor einiger Zeit war durchgesickert, dass intensiv, aber erfolglos nach internationalen Geldgebern gesucht wurde. Ebenfalls gestoppt wurde der Bau einer neuen Stadt bei Riad mit dem geplanten 400-Meter-Würfelwolkenkratzer Mukaab. Noch im Bau ist der privat finanzierte Dschidda Tower mit 430 Metern Höhe. Er soll den Burj Khalifa um rund 170 Meter übertreffen. Der Zusammenbruch von Neom hatte sich bereits angekündigt; bereits im November 2024 war Projektleiter Nadhmi Al-Nasr zurückgetreten.
Die Krise trifft vor allem das Herzstück »The Line«, die 170 Kilometer lange, 500 Meter hohe und 200 Meter breite Stadt, die mitten in der Wüste errichtet werden sollte. Ein Hochgeschwindigkeitszug sollte die Strecke in 20 Minuten zurücklegen. Damit die bereits getätigte Investition nicht vollständig abgeschrieben werden muss, wird nun eine Umwidmung auf KI-Infrastruktur diskutiert – schließlich geht es laut der Financial Times um rund 50 Milliarden US-Dollar.
Das 2,5 Kilometer lange Endstück von »The Line« am Roten Meer besteht aus drei 800 Meter langen Segmenten. Für die Fußball-WM 2034 soll hier das »Sky Stadium« in 350 Metern Höhe entstehen. 80.000 Wohnungen auf 21 Millionen Quadratmetern sind geplant, die Baukosten werden mit 140 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Ob Stadionbau und WM wie geplant stattfinden können, ist unsicher. Die FIFA hat harte Fristen gesetzt, das Stadion soll bis 2032 fertig sein.
Bereits gescheitert ist die Ausrichtung der panasiatischen Winterspiele 2029 im Skigebiet Trojena, nahe dem Golf von Akaba: Die Spiele wurden im Februar 2026 nach einem Beschluss des Olympischen Rats Asiens (OCA) offiziell an die kasachische Stadt Almaty vergeben. Im Frühjahr 2026 wurde dem Baukonzern »We Build« der Vertrag gekündigt. 3,4 Milliarden sollten drei Dämme zur Versorgung der Beschneiungsanlagen kosten. Diese drei Staudämme, die zudem auch eine Süßwasserlagune speisen sollten, waren Teil eines 4,7 Milliarden US-Dollar schweren Infrastrukturpakets. Sie bleiben als Bauruinen zurück: Zum Zeitpunkt der Kündigung Ende März 2026 waren sie erst zu etwa 30 Prozent fertiggestellt.
Trojena sollte ergänzt werden durch eine Reihe von Luxusresorts am nur 50 Kilometer entfernten Golf von Akaba: Leyja, Epicon, Norlana, Siranna, Zardun und Uramom, deren Fortschritt unbekannt ist – genauso wie der des Projekts Aquellum, einem »umgekehrten Hochhaus«, das in einen Berg am Golf von Akaba hineingegraben werden sollte und als eine Art unterirdische Stadt geplant ist.
Alle ungelösten Fragen von »The Line« – Windlasten, Schwingungen, Wartung, Bodenverhältnisse – waren zuvor beiseite gewischt worden. Allein der Materialbedarf wäre immens gewesen: Rund 20 Prozent der weltweiten Stahlproduktion wären von Neom absorbiert worden, nebst gewaltigen Mengen an Beton, Aluminium und Kupfer. Hinzu kam die Sorge von Klimaforschern, dass ein faktisches künstliches Gebirge von 500 Metern Höhe und 170 Kilometern Länge lokale Wetterverhältnisse wie Regenfälle, Windrichtungen und Sandstürme nachhaltig verändern könnte.
Saudi-Arabien verfügt weder allein über die finanziellen Mittel, um die ursprünglichen Pläne fortzuführen, noch konnten internationale Investoren in ausreichendem Maße gewonnen werden. Derzeit sind geschätzt 50 bis 100 Milliarden US-Dollar in den Sand gesetzt worden. An die Stelle der gescheiterten Utopie treten nun andere Projekte: So wird zum Beispiel die Ölpipeline zum Roten Meer mit Verladeterminal ausgebaut, um die strategische Abhängigkeit von der Straße von Hormus zu verringern. Vor allem aber hat jetzt die militärische Aufrüstung Vorrang.
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Joachim Seider aus Lychen 5. Sept. 2026 um 06:58 UhrSchon die Bibel nennt eine ähnliche Geschichte: Den Turmbau zu Babel. Ersetzt man in ihr den erzürnten Gott durch die Empörung der Natur und der gesellschaftlichen Verhältnisse, kann sogar der Materialist ganz viel aus ihr lernen: Verschleudert eine Gesellschaft ihre Kraft auf Vorhaben, die sie nicht bewältigen kann, ist das ein Zeichen dafür, dass der Untergang naht. Damals zerstreuten sich die Völker und die Sprachen verwirrten sich. Es täte gut, wenn sie heute wieder zusammenfänden und eine gemeinsame Sprache sprächen. In der der wichtigste Satz lautete: Gemeinsam in die Zukunft, statt gegeneinander in den Untergang.
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