Juristisches Tauziehen um Nexperia
Chinesisches Gericht ordnet weitreichendes Einfrieren von Unternehmenswerten an
In der Angelegenheit des Streits um den chinesischen Chipzulieferer Nexperia, den die Niederlande im Oktober 2025 zu kapern versucht hatten, schien es still geworden zu sein. Die Mühlen der Justiz im Hintergrund jedoch mahlen langsam, aber stetig: Etwa vier Monate, nachdem der Nexperia-Mutterkonzern Wingtech in China Rechtsmittel zur Wiedererlangung der Kontrolle über Teile des Tochterunternehmens eingelegt hatte, hat ein chinesisches Gericht am Dienstag die Einfrierung von Vermögenswerten in Höhe von 2,14 Milliarden Renminbi Yuan (rund 274,4 Millionen Euro) angeordnet.
Wingtech soll den Entscheid laut der chinesischen Global Times als entscheidenden Fortschritt bei der juristischen Verteidigung seiner Interessen sowie der Wiederherstellung der vollständigen Kontrolle über Nexperia bezeichnet haben. Besagte Kontrolle hatte Wingtech verloren, als die niederländische Regierung im September des vergangenen Jahres die dort ansässige Konzerntochter Nexperia unter ihre Aufsicht stellte. Vorwand war ein eigentlich für die Versorgungssicherheit in Kriegszeiten vorgesehenes Gesetz und die Behauptung Den Haags, Wingtech wolle die Chipproduktion aus Europa abziehen und in die Volksrepublik verlegen. China reagierte mit Ausfuhrverboten von Nexperia-Produkten – vor allem Standardcomputerchips, die beispielsweise beim Fahrzeugbau zum Einsatz kommen. Der Autobauer VW musste über Produktionsstopps und Kurzarbeit nachdenken.
Im November hatte das niederländische Wirtschaftsministerium nachgegeben und die Kaperung ausgesetzt. Eine damit zusammenhängende Anordnung der für Konzernangelegenheiten zuständigen Kammer des Amsterdamer Berufungsgerichts blieb jedoch bestehen. Diese schränkte die souveräne Verfügung von Wingtech über Assets von Nexperia ein. Wingtech beklagte, hierdurch hohe und irreversible Verluste erlitten zu haben. Die niederländische Unternehmenseinheit von Nexperia habe zudem die Beziehungen zum Mutterkonzern unterwandert; beispielsweise seien Finanzdaten nach dem 30. September 2025 vorenthalten, geteilte IT-Systeme abgeschaltet und Wirtschaftsprüfern der Informationszugang verwehrt worden.
Zu den nun gerichtlich eingefrorenen Vermögenswerten gehören laut einer Konzernmitteilung unter anderem auch 100prozentige Anteile an den Unternehmenstöchtern Nexperia Semiconductor (China), Nexperia Semiconductor (Wuxi), Nexperia Semiconductor (Shanghai) und Itec Technology (Wuxi) nebst einem 99prozentigen Anteil an Nexperia Semiconductor Technology (Shanghai). Der Konzern werde »alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um die volle Kontrolle über Nexperia wiederherzustellen und die Interessen seiner Investoren zu verteidigen«, zitierte die Global Times Wingtech. Bereits am Montag hatte das Unternehmen angegeben, zentrale Informationssysteme für Nexperias Geschäftsaktivitäten in China seien wiederhergestellt worden, nachdem Mitarbeiterzugänge im März blockiert worden waren.
Das eigentliche Gerichtsverfahren, das das Unternehmen gegen mehrere Nexperia-Zweige sowie drei Privatpersonen anstrebt, steht indes noch aus. In der im Mai eingereichten Klage wirft Wingtech letzteren vor, sich an widerrechtlichen und diskriminierenden Handelsmaßnahmen beteiligt zu haben, die die Niederlande verhängt hätten. Insgesamt belaufen sich die Schadenersatzforderungen laut Global Times auf acht Milliarden Renminbi Yuan, umgerechnet etwas mehr als eine Milliarde Euro.
Die Restriktionen, die das Amsterdamer Berufungsgericht gegen Nexperia verhängt hatte, fußten auf einer Entscheidung vom Februar. Das Gericht hatte eine intensive Prüfung wegen des Verdachts auf »Missmanagement« angeordnet, wodurch auch das von den Niederlanden eingesetzte Statthalterteam, das bei dem Kaperungsversuch eingesetzt worden war, vorerst bleiben darf. Damit gingen auch die Abstimmungsrechte für Aktienbesitzer an einen gerichtlich bestellten Vormund. Somit konnte Wingtech den Unternehmenszweig nicht wieder übernehmen, bevor dieser auch Computerprozessorfertigungsanlagen außerhalb Chinas aufbaute, ordnete Reuters die Angelegenheit in den breiteren Kontext des Ringens um die Vorherrschaft auf dem Halbleitermarkt ein.
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