Zum Inhalt der Seite
Auf dem Trockenen

Werden Konflikte ums Wasser zunehmen?

Die Versorgung der Menschen im Ballungsraum Frankfurt lastet zum größten Teil auf den ländlichen Regionen, warnt Günther Lißmann

Foto: privat

Der Grundwasserentzug aus dem Vogelsberg zur Versorgung des Ballungsraums Rhein-Main, zu dem auch Frankfurt am Main gehört, wird durch die momentanen Trockenphasen zum Problem. Wie prekär ist die Lage des Wasservorkommens im Vogelsberg angesichts der aktuellen Hitzewelle?

Durch die lange Trockenperiode von etwa zwei Monaten machen sich die Folgen der Dürre deutlich bemerkbar. Die ganze Vegetation mit den grünen Wiesen im Vogelsberg ist verdörrt, diese Wetterlage hat mit dem Klimawandel alles in staubtrockene Flächen verwandelt. Die Oberläufe vieler Vogelsbergbäche sind komplett trockengefallen. Auch an den Niedrigständen der Flüsse wie etwa Rhein und Donau ist das zu ermessen. Wie also soll die ländliche Region im Vogelsberg jährlich fast 40 Millionen Kubikmeter Wasser abführen, um weiterhin rund 40 Prozent des Wasserverbrauchs im Ballungsraum Rhein-Main zu decken? Der Wasserversorger »Hessenwasser« versorgt nicht nur die Stadt Frankfurt mit Vogelsbergwasser, sondern auch das nahe Umland. Weitere 40 Millionen Kubikmeter erhält der Ballungsraum über eine Fernleitung aus dem hessischen Ried, nur 20 Millionen Kubikmeter kommen aus ortsnaher Grundwasserförderung, etwa aus dem Frankfurter Stadtwald. Die Versorgung von 2,4 Millionen Menschen im Ballungsraum lastet zum größten Teil auf den ländlichen Regionen im Vogelsberg und hessischem Ried.

Müsste also das Rhein-Main-Gebiet verstärkt Wasser einsparen?

Wir kritisieren vor allem, dass man dort eigene Möglichkeiten für Trinkwassergewinnung nicht ausreichend nutzt. Statt Wasserschutzzonen in Frankfurt und Umgebung auszuweisen, versiegelt die Stadt ständig neue Flächen und baut Gewerbegebiete aus; in der Vergangenheit hat sie die Böden und das Wasser zudem kaum vor chemischer Verunreinigung geschützt. Sie bereitet zuwenig Oberflächenwasser aus den nahegelegenen Flüssen auf. Darum kämpfen wir bereits seit etwa 50 Jahren. Erst jetzt, wo die Lage immens dramatisch ist, hört man uns zu.

Wer ist dafür verantwortlich, dass in Frankfurt kaum thematisiert wird, wie knapp und wertvoll Wasser ist?

Anzeige

Der Wasserversorger Frankfurts, die Hessenwasser GmbH & Co. KG, verharmlost die aktuelle Lage: Es sei doch genug Trinkwasser da. Längst überfällig wäre es, zu versuchen, die Bevölkerung zu überzeugen, am Verbrauch von sauberem Trinkwasser zu sparen. Statt dessen pumpt man unser erstklassiges Trinkwasser aus der Leitung ab, um Parkanlagen, Sportplätze, Kleingärten, Grundstücke von Privathäusern, Gewerbeflächen, Hotels und Anlagen usw. zu bewässern, statt dafür Regenwasser in Zisternen zu sammeln. Notwendig wäre, gesonderte Leitungen zu bauen, um Toiletten in Bürohäusern und Neubausiedlungen mit Brauchwasser zu versorgen. Dafür Trinkwasser zu verwenden, ist absurd. Weil man all das Jahrzehnte lang nicht bedacht hat, ist die Lage jetzt so prekär. Man muss sich die Größenordnung vorstellen: Aus dem Vogelsberg wird täglich in Ausmaßen Wasser abtransportiert, als würden 4.000 Lastzüge in einer 130 Kilometer langen Schlange nach Frankfurt fahren. Dabei hatte die hessische Landesregierung mit Slogans gearbeitet wie »Jeder Tropfen zählt«.

Hat das ökonomische Gründe?

Klar. Gesetzlich ist festgelegt: Öffentliche Wasserversorger dürfen mit Wassergebühren in Deutschland keinen Gewinn erzielen, sondern nach Kommunalabgabenrecht nur die tatsächlichen Kosten der Bereitstellung decken. Die aber sagen sich: Trinkwasser aus dem Vogelsberg zu verwenden, ist billiger als eigene Gewässer aufzubereiten.

Thema ist zudem ein Rechenzentrum mit einer Anschlussleistung von bis zu 200 Megawatt, das bis 2028 in Birstein, einem Ort mit etwa 6.000 Einwohnern, entstehen soll. Für seine Kühlung wird es Wasser benötigen. Was wird das für die Natur und das Wasseraufkommen bedeuten?

Die dafür benötigte Wassermenge beträgt, wie derzeit geplant, weniger als ein halbes Prozent derer, die wir aus der Gemeinde nach Frankfurt liefern. Es stellt aber dennoch ein Problem dar, weil in der kleinen Gemeinde eine große Fläche für dieses Riesenbauwerk genutzt wird. Das Rechenzentrum verbraucht jede Menge Energie und gibt Emissionen ab, die sich als zusätzliche Wärme umsetzen. Dies muss umweltverträglich gelöst werden.

Werden Konflikte ums Wasser zunehmen?

Auf jeden Fall wird es mehr Auseinandersetzungen um die knappe, kostbare Ressource geben. Der Ballungsraum Rhein-Main müsste abgesehen von Wasserzisternen, die gesetzlich vorzuschreiben sind, getrennte Leitungen bauen: eine für Trinkwasser und eine zweite für Brauchwasser, das für Toilettenspülungen, Grünbewässerung und Reinigungsarbeiten eingesetzt werden kann. An Kosten darf das nicht scheitern. Die Ballungsräume müssen verstehen, dass wir Zulieferer im ländlichen Raum längst an unserer Belastungsgrenze angelangt sind.

Günther Lißmann ist Sprecher der Interessengemeinschaft zum Schutz des Wasserhaushaltes im Vogelsberg.

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 21.08.2026, Seite 2, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!