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Selektive Empörung

Sorge um Israels Ansehen

Nach Mordaufruf: Deutsche Politiker distanzieren sich von Israels Polizeiminister Ben-Gvir – aber nicht von Netanjahu und schon gar nicht vom Kolonialismus

Foto: Oren Ben Hakoon/REUTERS
Zuweilen werden ideologische Differenzen zwischen Netanjahu und seinem Minister Ben-Gvir (r.) herbeiphantasiert

Die jüngsten Mordaufrufe von Israels »Sicherheitsminister« Itamar Ben-Gvir haben selbst im bundesdeutschen Politbetrieb für Empörung gesorgt. Zugleich bemühen sich Vertreter von Bundesregierung, Opposition und »Zivilgesellschaft«, zwischen Ben-Gvir und der restlichen Regierungsmannschaft sowie der israelischen Bevölkerung zu »differenzieren«, indem sie den faschistischen Minister als Abweichler oder Extremisten darzustellen versuchen.

Am Sonntag hatte der ehemalige Soldat und Gefangene des palästinensischen Widerstands, Rom Braslawski, die erste Episode seines Podcasts »October 8« veröffentlicht. Im Gespräch mit Ben-Gvir flehte er den »verehrten Minister« förmlich an, persönlich inhaftierte Palästinenser hinrichten zu dürfen. Er wolle »jeden Terroristen im Staate Israel« exekutieren – am liebsten »mit seinen eigenen Händen«. Ben-Gvir, der als Polizeiminister die Gefängnisse kontrolliert, versprach ihm, er werde alles in seiner Macht stehende tun, »die Welt auf den Kopf stellen«, um den Wunsch des mordlustigen Podcasters zu erfüllen.

So weit, so irre. Doch die neueste Empörungswelle wurde von einer anderen Aussage ausgelöst. Ben-Gvir sagte in dem Podcast unter anderem Folgendes: »Ich denke, wir müssen im Gazastreifen gezielte Tötungen durchführen. Jede Nacht 30, 40 ausschalten. Nicht nur diejenigen, die uns jetzt gefährden. Nein, dort gibt es Leute, die keine menschlichen Wesen sind. Sie sollten nicht leben. Sie sind keine Menschen. Ich mache ihnen ein Kompliment, wenn ich sie als Menschen bezeichne.« Die Übersetzung aus dem Neohebräischen stammt vom Deutschlandfunk.

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Aus der deutschen Bundespolitik war es Jürgen Hardt, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, der Ben-Gvirs Aussagen am Montag zuerst als menschenverachtend verurteilte und EU-Sanktionen gegen ihn forderte, »als Zeichen für die weltweite Geltung von Menschenwürde und Menschenrechten«. Dem schloss sich am Dienstag auch Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) an. Solche Äußerungen könne die Bundesregierung »in keinster Weise akzeptieren«, sagte er bei Sat. 1. Er stehe zwar »in Solidarität zum Staat Israel«, aber nicht »in Solidarität zu solchen Ministern«. Auch der Zentralrat der Juden in der BRD distanzierte sich »ausdrücklich«. Dessen Präsident, Josef Schuster, erklärte am Dienstag: »Das Verhalten von Itamar Ben-Gvir ist zutiefst beschämend und verantwortungslos.« Seine Aussagen stünden »diametral zu jüdischen Werten und schaden Israels Ansehen«.

Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner nannte Ben-Gvirs Mordaufruf am Mittwoch gegenüber Politico »zutiefst verstörend« und forderte die Bundesregierung auf, »gegen diesen Mann ein Einreiseverbot zu verhängen und sich dafür einzusetzen, dass ähnliche Sanktionen auch auf europäischer Ebene verhängt werden«. Der Polizeiminister falle »nicht zum ersten Mal mit erschreckenden Aufrufen zu Gewalt gegen Palästinenser« auf. Einige EU-Staaten, darunter Irland, Frankreich, Spanien und Slowenien, haben bereits ein Einreiseverbot verhängt. Die BRD müsse sich diesen Ländern anschließen, sagte Brantner.

Friedrich Merz (CDU) konnte sich offenbar nicht zu einer persönlichen Stellungnahme durchringen. Der Bundeskanzler schickte am Mittwoch statt dessen seinen Vizeregierungssprecher Sebastian Hille vor, der Ben-Gvirs »menschenverachtende völkerrechtswidrige Appelle« pflichtschuldig als »nicht hinnehmbar« verurteilte und für den nächsten Monat Beratungen der EU-Außenminister ankündigte.

Nun sind die Aussagen des faschistischen Ministers keine Überraschung. Der mehrfach verurteilte Ben-Gvir hat seine ganze politische Karriere auf rassistischer Hetze begründet. Ihn zu kritisieren, aber gleichzeitig die Regierung von Benjamin Netanjahu oder das zionistische Kolonialprojekt als Ganzes zu verteidigen, ist im besten Fall Heuchelei. Darauf wies auch der in Jerusalem lehrende Islamwissenschaftler Simon Wolfgang Fuchs hin. Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagte er am Mittwoch, Ben-Gvir spreche nur aus, was viele Israelis denken. Seine Äußerungen würden nur in Europa skandalisiert, in Israel seien sie kein Thema. Fuchs nannte es »Augenwischerei«, wenn europäische Politiker jetzt so tun, als sei Ben-Gvir nur ein »fauler Apfel« in einer ansonsten soliden Regierung, mit der man als »Wertepartner« weiter zusammenarbeiten könne.

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.08.2026, Seite 4, Inland

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→ Leserbriefe
  • Wilfried Schubert aus 18273 Güstrow, Alte Gärtnerei 2 20. Aug. 2026 um 09:07 Uhr
    Die Verurteilung des Aufrufers zu mehr Tötungen in Gaza ist lobenswert. Aber ist keine Verurteilung durch die Bundesregierung und den Kanzler. Es gibt auch bislang keinerlei Sanktionen gegen Israel. Das, obwohl seit 2023 um die 100.000 Palästinenser umgebracht wurden und gegen Premierminister Netanjahu und den ehemaligen Verteidigungsminister Galant internationale Haftbefehle ausgesprochen sind. 1947 beschloss die UNO, einen israelischen und einen palästinensischen Staat auf dem einstigen britischen Mandatsgebiet zu bilden. Das verhindert Israel mit allen Mitteln. Es hat dabei die Unterstützung des Wertewestens. Die USA, Deutschland und weitere westliche Staaten tolerieren, dass Israel Teile des Libanons und Syriens besetzt, auch mit dem Ziel der Schaffung eines Großisraels. Nach den USA ist Deutschland der größte Lieferant von militärischem Material an Israel, mit dem auch Palästinenser gemordet werden.
  • B.S. aus Ammerland 19. Aug. 2026 um 20:51 Uhr
    Friedrich Merz und seine rechte Mischpoke sind brav im Geist Konrad Adenauers und seiner Protagonisten Gehlen, Blank, Globke und Gen. Speidel unterwegs. Heute heißen sie Wadephul, Frey, Jäger und Pistorius, befürworten eine nie dagewesene Aufrüstung und Vorbereitung für den Tod von Millionen Deutschen. Die permanente Leugnung des Völkermords an den Palästinensern ist mittlerweile zur Staatsräson erklärt. Das Erpressungspotential des Holocaust und vielleicht Larry Fink scheinen dem Nochkanzler Merz den Verstand benebelt zu haben. Aber nicht nur ihm! Die urplötzliche Empörung seitens unserer Politiker/innen entspricht dem Wahrheitsgehalt der Blöd-Zeitung. Gerade aus dem Lager der Grünen, also der Partei, die bereits geistig gen Osten marschiert, ist dies eine Farce! Merz mit seiner arroganten Dummheit scheint keinen Fettnapf auszulassen, um sich, Deutschland und die Gesellschaft lächerlich zu machen. Und was Simon Wolfgang Fuchs ausführte, ist Konsens in der israelischen Gesellschaft. Wie heute in Deutschland nur wenige gegen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung etwas unternehmen, so sind in Israel nur wenige in der Gesellschaft bereit, den Völkermord an den Palästinensern auch so zu benennen und etwas gegen das Schweigen zu tun. Einsicht ist in beiden Ländern bei den politisch Verantwortlichen ein Fremdwort geworden. Und eine Besinnung auf das friedliche Zusammenleben fällt um so schwerer, je länger diese Protagonisten weiter im Amt sind und nicht für ihr Handel zur Rechenschaft gezogen werden.
  • Onlineabonnent*in Christoph H. aus W. 19. Aug. 2026 um 20:32 Uhr
    Ben-Gvir ist die moralische Bad Bank, auf die die politischen Komplizen der Gazaverbrechen jetzt ihre eigene Mitschuld umbuchen wollen. Erbärmlich. Ben-Gvir hat gar nichts »gefordert« oder »angekündigt«. Das ist doch alles längst tägliche Praxis. Davon will die deutsche Politik aber nichts wissen.
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