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Russland

Alle Optionen entzogen

Russischer Analyst für internationale Politik ordnet Kriegslage ein und sieht keine Basis mehr für Kompromisslösung mit Westen um Ukraine

Foto: Reuters
Kiew verbannt die gemeinsame ukrainisch-russische Geschichte aus dem öffentlichen Bewusstsein (Dnipro, 17.8.2026)

Seit April ist der Politikwissenschaftler Dmitri Trenin Präsident des Russischen Rates für Internationale Angelegenheiten. Am Wochenende legte er im Gespräch mit der Berliner Zeitung dar, warum Russland in der Ukraine in einem Krieg um die eigene Existenz steht. Im Wege einer »Spezialoperation« seien die anstehenden Aufgaben nicht mehr zu lösen, sagte der Außenpolitikexperte da. Die russische Führung sehe sich in der Ukraine dem gesamten Westen gegenüber, der sich die Aufspaltung und Vernichtung Russlands zum Ziel gesetzt habe. Auf diese Situation müsse sich das Land technologisch und die Gesellschaft mental vorbereiten. Auf militärischer Ebene bedeute diese Einschätzung, dass Moskau sich nicht scheuen dürfe, auch Atomwaffen einzusetzen – ob gegen die Ukraine oder Westeuropa.

Trenins Forderung betrifft mehr als die Terminologie, in der in Russland über den Ukraine-Krieg gesprochen werden soll. Er ist vor allem das Eingeständnis, dass Moskau seine Kriegsziele mit dem beschränkten Einsatz, der die russische Kriegführung bisher gekennzeichnet hat, nicht erreicht habe und dies auch künftig nicht werde erreichen können. Bereits in einer 2024 entstandenen und 2025 auch auf Deutsch im Welttrends-Verlag erschienenen Denkschrift hatten Trenin, der russische Politikwissenschaftler Sergej Karaganow und der ehemalige russische Admiral Sergej Awakjanz dafür plädiert, von der »passiven Abschreckung« zur aktiven überzugehen. Dazu gehöre, mit dem eigenen atomaren Potential nicht nur abstrakt zu drohen, sondern auch bereit zu sein, es im Falle einer »Bedrohung der strategisch wichtigen nationalen Interessen der Russischen Föderation und ihrer Bevölkerung« einzusetzen. Die bisher gültige offizielle Nukleardoktrin sieht den Atomwaffeneinsatz nur vor, wenn eine »existentielle Bedrohung für den Bestand des russischen Staates« vorliege. Die Schwelle liegt also deutlich höher als in dem Vorschlag von Trenin und seinen Kollegen.

Schon in der Publikation von 2025 hatten die Autoren auch eine »unverständliche Zurückhaltung« der russischen Kriegführung kritisiert: Es sei nicht verständlich, warum nicht längst das Kiewer Regierungsviertel oder der Sitz des ukrainischen Staatsfernsehens zerstört worden seien. Die Autoren setzten damals auf den symbolischen Charakter eines solchen Schlages – der bis heute nicht erfolgt ist. Es ist allgemein bekannt, dass unter den in den 1930er Jahren entstandenen oberirdischen Regierungsgebäuden in Kiew mehrstöckige Bunkeranlagen liegen, und dass Präsident Wolodimir Selenskij über mehrere Ausweichquartiere in der Westukraine verfügt, darunter solche, die in Karpatenberge eingegraben sind.

In seinem aktuellen Interview spricht Trenin auch über die Jahre zwischen 2014 und 2022: Präsident Wladimir Putin habe damals und heute »eine bemerkenswerte Zurückhaltung und Besonnenheit« gezeigt und acht Jahre lang auf die Erfüllung der Minsker Vereinbarungen durch den Westen gewartet. »Danach gab er ihm eine letzte Gelegenheit zur Verhandlung. Nachdem er sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, den Krieg zu vermeiden, leitete er die militärische Spezialoperation ein. Mit anderen Worten: Putin wählte nicht zwischen verschiedenen Optionen, sondern schritt geduldig bis an eine Grenze, an der keine anderen Varianten mehr bestanden – außer der radikalsten. Meiner Ansicht nach versucht er derzeit auf dieselbe Weise, einen Atomkrieg zu verhindern. Der Westen entzieht ihm jedoch schrittweise alle friedlichen Optionen.«

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Für einen Kompromissfrieden nach dem Vorbild von Istanbul 2022 sieht Trenin auf absehbare Zeit keine Voraussetzung. Denn der Westen habe mit seiner Aufrüstung der Ukraine und deren Umbau zum »russlandfeindlichsten Land der Welt« die Grundlagen hierfür zerstört. Jede Kompromisslösung würde nun im Westen als Schwäche Russlands interpretiert und mit noch weiterem Druck beantwortet werden.

Wie groß Trenins Einfluss auf die Entscheidungsfindung im Kreml ist, ist von außen schwer zu beurteilen. Vermutlich neigt zumindest Expräsident Dmitri Medwedew, der immer wieder mit chauvinistischen Tweets auf sich aufmerksam macht, den Argumenten der Hardlinerfraktion zu. Auch der frühere Sekretär des Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew – ein alter Kamerad Putins vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB – dürfte mit ihr bei aller Loyalität gegenüber dem Präsidenten zumindest sympathisieren.

Für eine Rückkehr zu irgendeiner Form von Entspannungspolitik sieht Trenin nach eigenen Worten auch nach einem Kriegsende keine Grundlage. Russland bleibe keine andere Wahl, als sich selbst neu zu erfinden. Die entscheidende Frage sei, »wie dieser Krieg das Land selbst transformiert«. Zu der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit müsse die technologische Autarkie kommen, das wichtigste sei jedoch »intellektuelle und geistige Unabhängigkeit«. Das werde Zeit brauchen, aber einen anderen Weg als die Selbstbehauptung habe das Land nicht.

Ob das Interview Trenins mit der Berliner Zeitung eine neue »letzte Warnung« an die Adresse der deutschen Politik sein sollte, wird sich zeigen müssen. Wahrscheinlich wird sie ohnehin verhallen oder als Bluff abgetan werden. Und ständig nicht eingelöste Warnungen entwerten sich irgendwann. Es scheint so, wie es der Dramatiker Anton Tschechow einmal über das Inszenieren gesagt hat: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss im vierten daraus geschossen worden sein.

Hintergrund: Vor den Wahlen

Das Oberste Gericht in Moskau hat am Montag in zweiter Instanz den Ausschluss der liberalen Oppositionspartei Jabloko von den für Mitte September angesetzten russischen Parlamentswahlen bestätigt. Die Partei, die in der Vergangenheit Stimmanteile im niedrigen einstelligen Bereich holte, vertrete »extremistische Anschauungen« und habe von Spenden aus dem Ausland, unter anderem aus Deutschland und den USA, profitiert. Die Auslandsspende betraf nach Angaben der Partei einen Betrag von umgerechnet 170 Euro von einer Person, die auch über ausländische Einkünfte verfügt habe; Extremismus sah der Richter in der Forderung der Partei nach einem sofortigen Waffenstillstand in der Ukraine. Parallel dazu war im nordwestrussischen Pskow ein stellvertretender Parteivorsitzender von Jabloko wegen angeblicher Diskreditierung der russischen Armee und der Verbreitung von Falschnachrichten zu gut elf Jahren Haft verurteilt worden.

Die Repressivmaßnahmen stehen möglicherweise im Zusammenhang mit den Gerüchten, Russland werde nach den Wahlen erneut zu einer Mobilisierung von Reservisten greifen – oder besser gesagt greifen müssen, weil die freiwilligen Meldungen zur Armee die Verluste im Krieg nicht mehr ausglichen. Bisher hat die Regierung diese Absicht stets bestritten, aber einen möglichen Kristallisationskern von Protesten oder Widerstand vorausschauend aus dem politischen Leben herauszuhalten, könnte Teil einer Strategie sein, doch eine Einberufung vorzubereiten. Auf der anderen Seite klagt die Wirtschaft – auch die für die Rüstung tätige – schon jetzt über Arbeitskräftemangel.

An der Front stehen russische Truppen nach ukrainischen Angaben nur noch wenige Kilometer vor den Städten Kramatorsk und Slowjansk im Westen der Region Donezk. Mehrere derzeit als umkämpft gemeldete Ortschaften sind die jeweils letzten vor den Städten selbst. Im Hinterland legten russische Raketen- und Gleitbombenangriffe praktisch gleichzeitig die zwei wichtigsten Stahlwerke in Kriwoi Rog und in Saporischschja lahm. Beide stellten nach Angaben der Betreibergesellschaften den Betrieb zunächst ein. Damit bricht – neben der Verknappung von Stahl auf dem Inlandsmarkt – auch die neben Getreide und Ölsaaten zweite Hauptquelle der Ukraine für Exporteinnahmen weg. Vor den Häfen von Odessa und Mikolajiw greift Russland praktisch täglich Frachtschiffe und Tanker an; die Ukraine zerstörte dagegen zuletzt mit Drohnenangriffen ein Terminal zur Verladung von Getreideexporten in Noworossisk am Schwarzen Meer, eine Raffinerie und einen Zulieferbetrieb für das russische Satellitenprogramm in Samara. Damit soll offenbar der nach Kiewer Einschätzung überraschend zügige Ausbau einer russischen Satellitenkommunikation nach dem Vorbild des US-Systems »Starlink« behindert werden. (rl)

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 9, Ausland

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→ Leserbriefe
  • Karlo Bayer aus Herrenberg 21. Aug. 2026 um 09:44 Uhr
    Die Übernahme der DDR durch die BRD reanimierte den deutschen Dominanzanspruch für mindestens Europa und reaktivierte jenen Wunsch, den Lauf des Rades der Geschichte rückwirkend zu ändern und den Zweiten Weltkrieg im zweiten Anlauf, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen, à la Operation Unthinkable, doch noch zu gewinnen. Die Ukraine soll für Deutschland den 2. Weltkrieg gewinnen und den Siegerpokal auf dem Silbertablett überreichen. Deutschland hätte, sofern Russland besiegt würde, praktisch, politisch und vor allem moralisch die Sowjetunion bzw. deren Nachfolger doch noch besiegt und hätte sich damit vom Verlierer zum Gewinner aufgeschwungen. Der Traum wäre wahr! Deutschland wäre endlich Sieger- und Besatzungsmacht. Von der Ukraine wäre dann nur nichts mehr übrig. Und was noch da wäre, wäre gänzlich unter westlichem Einfluss. Sie wäre der Preis für Deutschlands Gewinn. Ob das den Menschen dort bewusst ist? Die DDR war somit Garantin dafür, dass der Zweite Weltkrieg beendet bleibt. Dies war aber ein Störfaktor und konnte in Bonn nicht dauerhaft hingenommen werden. Mit der Übernahme der DDR waren indes alle Wege frei, und die Geister von damals dürfen wieder spuken!
  • Bernd Vogel aus Leipzig 20. Aug. 2026 um 11:15 Uhr
    In der jW von 19.08.20226 veröffentlicht Reinhard Lauterbach einen Text unter der Überschrift »Alle Optionen entzogen«, worin er über die Geisteswelt russischer Analysten berichtet. Es ist dies eine lobenswert empirische Zusammenstellung über die Geisteswelt von russischen Ideologen der Gegenwart. Früher hat man sich die Frage gestellt: »Meinst Du, die Russen wollen Krieg?« Heute muss man sich in sachlicher Hinsicht eingestehen, diese russischen imperialistischen Ideologen führen heute schon Krieg in der Ukraine und sind bereit Kriege zu führen in anderen Regionen, unter Einsatz von Atomwaffen. Es ist zu hoffen, dass sich die jW zu der Erkenntnis durchringt, dass die Russische Föderation ein imperialistischer Staat ist, mit allem daraus erfolgenden Konsequenzen. Dann könnte sie sich wieder als marxistische Zeitung bezeichnen.
    • K. Bieter aus Berlin 20. Aug. 2026 um 21:54 Uhr
      Interessant, welche Revolverblätter lesen Sie so?
  • Istvan Hidy aus Coswig bei Dresden 18. Aug. 2026 um 21:15 Uhr
    Die Kreml-Spezialoperation zerschmetterte Boris Johnson – als Erfüllungsgehilfe des Wertewestens! Dass der Ukraine-Krieg inzwischen länger andauert als die deutsche Invasion der Sowjetunion, muss zu einer grundsätzlichen Neubewertung seiner bisherigen Entwicklung führen. Die russischen Kriegsziele sind eindeutig definiert. In welchem Umfang Russland diese Ziele mit seinem bisherigen Kriegseinsatz tatsächlich erreichen konnte und noch erreichen kann, ist derzeit allerdings nicht abschließend erkennbar. Fakt ist jedoch: Die Ukraine wird die bereits besetzten Gebiete abschreiben müssen. Wie viele weitere Gebiete noch hinzukommen werden, dürfte letztlich eine Frage der Dauer dieses Krieges sein. Die zunehmende geopolitische Spannungslage rund um Iran und Israel sowie im Konfliktfeld Taiwan begünstigt den Kreml dabei, seine formulierten Ziele in der Ukraine weiterzuverfolgen und möglicherweise auch darüber hinausgehende strategische Interessen in Europa durchzusetzen. Moskau verfügt hierfür über mehr als ausreichende militärische, wirtschaftliche und strategische Kapazitäten. Gerade deshalb wäre es ein Fehler, die gegenwärtige Entwicklung allein anhand der täglichen Frontverläufe zu beurteilen. Der Krieg ist längst Teil einer umfassenderen geopolitischen Auseinandersetzung geworden. Entscheidend wird sein, wie lange Russland bereit und in der Lage ist, seine vorhandenen Ressourcen einzusetzen – und wie sich die parallelen Konflikte und Spannungen auf die strategischen Handlungsspielräume aller beteiligten Akteure auswirken.
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