- → Inland
Deutsche Docker wollen streiken
Beschäftigte in Nordseehäfen lehnen Angebot der Unternehmer ab
Die Arbeiter in den deutschen Nordseehäfen wollen streiken. Mehr als drei Viertel der 6.100 befragten Docker wiesen das Angebot des Zentralverbands der deutschen Seehafenbetriebe (ZDS) zurück und sprachen sich bis Ende vergangener Woche für einen Arbeitskampf aus. Insgesamt sind in Hamburg, Bremen, Bremerhaven, Emden, Brake und Wilhelmshaven 11.000 Männer und Frauen beschäftigt, die Mehrheit wurde somit in den Entscheidungsprozess einbezogen. Die Offerte der Unternehmer belief sich auf 5,1 Prozent mehr Geld mit 19 Monaten Laufzeit, umgerechnet 3,2 Prozent jährlich. Dazu boten sie ein um einheitlich 300 Euro höheres Urlaubsgeld an sowie eine um 460 Euro gesteigerte Jahreszulage im Containerumschlag.
Das war den Hafenarbeitern zu wenig. Sie hatten 8,2 Prozent mehr Lohn bei zwölf Monaten Laufzeit gefordert, mindestens jedoch 2,50 Euro Plus pro Stunde. Am Freitag bezeichnete die Verdi-Verhandlungsführerin Sylvi Krisch die Ablehnung gegenüber jW als »überwältigend«. Sie kündigte erste Warnstreiks für diesen Montag an. Die Bundestarifkommission hatte am Freitag einstimmig entschieden, die Ergebnisse der Beschäftigtenbefragung durch sogenannte Tarifbotschafter zu übernehmen. Gleichzeitig forderte die Kommission die Unternehmer auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Enttäuscht zeigte sich hingegen der ZDS. Das zuvor als »final« bezeichnete Angebot sei »gut« und nach Laufzeit und Höhe »attraktiver« als vergleichbare Abschlüsse in anderen Branchen. Die Ablehnung sei »nicht nachvollziehbar«, hieß es in einer Mitteilung vom Freitag. Dennoch werde man die Verhandlungen wieder aufnehmen und habe dafür bereits den 24. und 25. August vorgeschlagen, so ZDS-Sprecher Lennart Albrecht gegenüber jW. Viel Luft nach oben sei aber nicht, man habe die »Grenze des Möglichen« bereits erreicht angesichts der wirtschaftlichen Lage. Besonders die angekündigten Warnstreiks sorgten für Unmut im Unternehmerlager. »Fast 45 Jahre« habe man darauf verzichten können. Selbst nach den turbulenten Lohnrunden 2022 und 2024 sei der Abschluss im vergangenen Jahr »geräuschlos« erzielt worden.
Allerdings haben die Hafenbetreiber eine soziale Komponente nur über das einheitlich erhöhte Urlaubsgeld angeboten, nicht per Steigerung der Stundenlöhne um einen festen Mindestbetrag. Das käme besonders den unteren Lohngruppen in der Autoverladung zugute und wird auch von den gutverdienenden Arbeitern im Containerumschlag für ihre Kollegen verlangt. Nach jW-Informationen war es aber zuvorderst die Laufzeit von 19 Monaten, die unter den Hafenarbeitern auf Ablehnung stieß. Selbst wer für Annahme stimmte, habe sich daran gestoßen, dass es keinen jährlichen Abschluss mehr geben solle, hieß es aus Hamburg. Denn das werde Schule machen und langfristig niedrigere Tarifsteigerungen als bisher verursachen, so auch dieses Jahr.
Eine gewisse Distanz zwischen gewerkschaftlicher Tarifkommission und der Basis während der streiklosen Tarifrunden hatte in den vergangenen Jahren dazu geführt, die Tarifbotschafter zu etablieren. Entgegen der Norm werden in den Seehäfen die Beschäftigten auch zwischen den einzelnen Verhandlungsrunden zu ihrer Haltung befragt. Verdi-Frau Krisch bezeichnete es gegenüber jW als »neu und gut«, die Belegschaften einzubinden. Zwar bleibe die Bundestarifkommission das Entscheidungsgremium, so Krisch. Zur Planung der Warnstreiks sei nun aber unmissverständlich klargeworden, dass »alle loslegen wollen« und nicht nur Beschäftigte in bestimmten Betrieben.
Zwar ist in den Jahren nach Corona die Streiklust unter den Dockern nach Jahrzehnten stiller, aber vergleichsweise hoher Abschlüsse aufgeflammt. Dennoch gehören Warnstreiks nicht zum Tarifritual, wie beispielsweise in der Metall- und Elektroindustrie. Beide Branchen zeichnen sich durch eine hohe Produktivität aus – entsprechend empfindlich wirken sich Arbeitsniederlegungen ökonomisch aus. Das wiederum erklärt die hohen Löhne. In zurückliegenden Tarifrunden hätten viele Hafenarbeiter die Streiktage als freie Tage betrachtet, räumen Tarifbotschafter ein. Jetzt wolle man verstärkt in Aktion treten. Als die städtischen Häfen in Hamburg von der Politik teilprivatisiert wurden, konnten selbst Polizisten die Docker schwerlich aufhalten. Warnstreiks indes stehen unter dem Schutz der Tarifautonomie und lassen Rangeleien nicht erwarten.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
