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USA

Wem nützt die Erzählung von leeren Arsenalen?

USA: Debatte um geschröpfte Bestände läuft weiter – das dient Waffenschmieden wie Rheinmetall und Aufrüstung

Foto: Marek Ladzinski/ZUMA Press Wire/IMAGO
Angeblich knappe Ware in den USA: Das »Patriot«-Raketenabwehrsystem (Ustka, 16.9.2025)

Die Debatte über knappe US-Munitionsbestände bekommt eine neue Dimension. Während Washington Berichte über »geleerte Arsenale« zurückweist, reagiert es mit milliardenschweren Aufträgen, neuen Produktionszielen und Eingriffen in die Rohstoffversorgung. Die Herstellung von Raketen und Abfangflugkörpern soll deutlich ausgeweitet werden; zugleich versucht die US-Regierung, kritische Rohstoffe und selbst recyclingfähiges Material im Land zu halten.

Damit geht es längst nicht mehr nur um die Frage, wie viele Geschosse noch in US-amerikanischen Depots liegen. Der Krieg gegen Iran wird zunehmend zum Argument für einen tiefgreifenden Aus- und Umbau der westlichen Rüstungsindustrie. Wie akut die behauptete Munitionskrise tatsächlich ist, bleibt allerdings schwer überprüfbar. Die Frage ist also: Wem nützt die Erzählung von den leeren Magazinen?

Denn was sich über die tatsächlichen Bestände sagen lässt, ist begrenzt. Zumindest konkrete Schätzwerte kursieren bei den defensiven Systemen. Nach Berechnungen des Center for Strategic and International Studies (CSIS) verfügten die USA Ende Juli über weniger als 1.000 »Patriot«-Abfangraketen und rund 250 THAAD-Interzeptoren. Reuters griff diese Größenordnungen Anfang dieser Woche im Zusammenhang mit neuen milliardenschweren Rüstungsaufträgen auf. Schon bei den »Tomahawk«-Marschflugkörpern wird das Bild unschärfer. Eine anonyme Quelle sprach gegenüber einer britischen Agentur von einem Verbrauch von knapp der Hälfte des weltweiten US-Bestands. Andere Schätzungen kommen eher auf etwa ein Drittel. Reuters weist ausdrücklich darauf hin, die Angaben nicht unabhängig überprüfen zu können.

Das liegt in der Natur der Sache: Die tatsächlichen Lagerbestände des US-Militärs sind Verschlusssache. Öffentlich kursierende Zahlen sind Annäherungen aus Beschaffungsverträgen, Produktionsraten, geschätztem Verbrauch und Aussagen anonymer Regierungs- und Militärvertreter. Auch CSIS kennzeichnet seine Bestandszahlen ausdrücklich als Schätzungen. Wie leer die US-Arsenale tatsächlich sind, bleibt unbekannt. Sicher ist dagegen, dass der industrielle Ausbau bereits vor der jüngsten Knappheitsdebatte begonnen hatte. Ende Juli erhielt Lockheed Martin einen Rahmenvertrag über bis zu 58,6 Milliarden US-Dollar für »Patriot«-Abfangraketen. Nun sollen weitere Produktionslinien deutlich erweitert werden. Die späteren Berichte über »geleerte Arsenale« verleihen diesem ohnehin laufenden Kurs zusätzliche politische Dringlichkeit.

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Wie schnell die Knappheit zum Geschäftsargument wird, zeigte Rheinmetall-Chef Armin Papperger in einem am Freitag veröffentlichten Reuters-Interview. Sein Konzern will gemeinsam mit Lockheed Martin Atacms-Raketen in Unterlüß fertigen und damit auch die durch den Iran-Krieg »geleerten Arsenale« der USA auffüllen. Erste Umsätze erwartet der Rüstungskonzern ab 2028. Doch selbst dann sei eine schnelle Wiederaufstockung nicht zu erwarten: Das werde Jahre dauern, sagte Papperger. Für Raketen insgesamt sehe er einen Markt für die kommenden 15 Jahre. Ob die Bestandskrise tatsächlich dieses Ausmaß hat, bleibt offen. Sicher ist: Aus der behaupteten Knappheit ist längst ein milliardenschweres Investitionsargument geworden.

Schon vor der aktuellen Munitionsdebatte – in der von der US-Regierung abgewiegelt wird – hatte Washington begonnen, die Rüstungsproduktion unabhängiger von chinesischen und anderen als unsicher geltenden Zulieferern zu machen und heimische Rohstoffquellen auszubauen. Ende August tritt zudem ein einjähriges Ausfuhrverbot für Wolframschrott und sogenannte Schwarzmasse aus recycelten Batterien in Kraft. Damit will Washington strategisch verwertbare Rohstoffe im Land halten. Wolfram wird wegen seiner Härte und hohen Dichte unter anderem für panzerbrechende Munition und andere militärische Anwendungen benötigt.

Die zeitliche Abfolge ist entscheidend: Der Ausbau von Lieferketten, Rohstoffkontrolle und Produktionskapazitäten lief bereits, bevor die aktuelle Debatte über erschöpfte US-Arsenale einsetzte. Die Munitionsknappheit liefert nun ein besonders wirksames öffentliches Argument für zusätzliche Rüstungsausgaben, neue Produktionskapazitäten und eine stärkere Kontrolle strategischer Rohstoffe.

Das jetzt etablierte Knappheitsnarrativ könnte allerdings noch einem ganz anderen Zweck dienen. Mit angeblich fehlenden Distanzwaffen ließe sich innenpolitisch auch eine US-Bodenoperation gegen Iran begründen: Wenn der Luftkrieg die verfügbaren Präzisionswaffen aufzehrt, ließe sich der Einsatz von Bodentruppen als alternativlos verkaufen – vorgeblich, um die Straße von Hormus wieder für den Welthandel zu öffnen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.08.2026, Seite 7, Ausland

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  • Onlineabonnent*in Christoph H. aus W. 7. Aug. 2026 um 21:17 Uhr
    Na, dann haben wir ja Glück, dass Donald Trump den Drahtziehern des Waffenknappheitsdiskurses Knast androht (https://truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/117046698987056229). Halbgarer Artikel, leider.
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