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Krim unter Belagerung Kiews
Ukraine-Krieg: Deutliche Zunahme von Angriffen auf Schwarzmeerhalbinsel – Versorgung schwieriger, aber stabil
Stromausfälle, Benzinknappheit, Drohnenangriffe. Das ist in den vergangenen Wochen zum Alltag auf der Krim geworden. Die Ukraine greift die seit 2014 unter russischer Kontrolle stehende Schwarzmeerhalbinsel und die dorthin führenden Straßen mit neueren Drohnen an. Einige westliche und ukrainische Experten vermuteten sogar, Kiew könnte kurz vor der Rückeroberung der Krim stehen.
Jahrelang hatte die Ukraine die Kertsch-Brücke ins Visier genommen und versucht, sie zu zerstören; seit April hat sie ihre Angriffe auf andere Straßen, die zur Halbinsel führen, verstärkt. Lkw, die auf diesen Straßen unterwegs sind – und zwar nicht nur Militärfahrzeuge –, sind zu leichten Zielen für die neuesten KI-gesteuerten ukrainischen Drohnen geworden. Angegriffen werden zudem Eisenbahnen und Brücken im Norden der Krim. Die neuen Drohnen sind billig und können Ziele autonom identifizieren. Zur Bestätigung dieser Ziele benötigen sie jedoch nach wie vor einen Operator.
»Die Krim wird jede Nacht angegriffen, oft auch tagsüber«, erzählt Julia, eine Einwohnerin der Stadt Kertsch im östlichen Teil der Halbinsel, beim Telefonat mit jW. »Manchmal gibt es Stromausfälle. Es gibt wenig Benzin für Privatfahrzeuge, die Preise sind gestiegen, aber Busse und öffentliche Verkehrsmittel fahren normal. In den Supermärkten haben wir alles.« Maria aus Sewastopol, wo die russische Flotte stationiert war, sagt: »Die Lage ist derzeit sehr angespannt. Wir haben enorme Probleme mit Strom und Benzin.« Auch Olena stammt aus Sewastopol. »Die Menschen halten zusammen, sie helfen sich gegenseitig. Wer Kinder hat, bekommt zuerst Benzin. Mit Lebensmitteln ist alles in Ordnung, auf der Krim wird alles vor Ort produziert.«
Am 26. Juni rief Sergej Axjonow, seit 2014 Ministerpräsident der Republik Krim, den »Ausnahmezustand« aus. Am Tag zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij einen 40-Tage-Plan angekündigt, um »Druck auf Russland auszuüben« und den Krieg zu beenden. Lokale Medien berichten seither von Angriffen im Stundentakt. Auf der Kertsch-Brücke stehen Hunderte von Autos stundenlang in der Schlange. Und doch herrscht trotz allem der Anschein eines normalen Lebens. In der Innenstadt von Simferopol, der Hauptstadt der Krim, spazieren die Menschen gelassen. Die Supermärkte sind bestens versorgt, sogar mit westlichen Marken. In der Kurstadt Jalta liegen die Menschen am Strand und baden.
Selbst nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 blieb die Krim eine relativ ruhige Zone. Es gab vereinzelte Raketenangriffe, insbesondere auf Sewastopol und die dort stationierte russische Flotte, doch die Halbinsel galt nicht als Kriegsgebiet. Viele Russen verbrachten dort weiterhin ihren Sommerurlaub, selbst nachdem die Flüge eingestellt worden waren. Touristen reisten auf dem Landweg über die neue Autobahn durch Mariupol im Donbass oder über die 2018 eröffnete Kertsch-Brücke.
Im August 2022, ein halbes Jahr nach Beginn der jüngsten Phase des russisch-ukrainischen Krieges, sagte Selenskij, dass »alles auf der Krim begann und auf der Krim enden« würde. Die Stimmung in der Ukraine war zu dieser Zeit euphorisch. Kiews Militär war es gelungen, den ersten russischen Angriff im Februar abzuwehren, es stand kurz davor, in den Regionen Charkiw und Cherson große Gebiete zurückzuerobern. Damals wurde gemeint, dass die Krim für Russland eine wahre rote Linie darstelle: Moskau könne bereit sein, Atomwaffen einzusetzen, sollte die Krim angegriffen werden – sie blieb verschont.
Die ukrainische Gegenoffensive im Sommer 2023, die die Krim vom Festland trennen sollte, verfehlte ihre Ziele. Selenskij räumte ein, dass die Ukraine die verlorenen Gebiete mit militärischen Mitteln nicht zurückerobern könne. Nun scheint sich etwas geändert zu haben. Doch trotz der triumphalistischen Kriegstrommeln, die jeden ukrainischen Angriff begleiten, räumen sogar einige westliche Experten ein, dass Kiew die Krim nicht zurückerobern kann. Drohnenangriffe sind eine Sache, aber eine Offensive zur »Befreiung« einer Region, deren Bevölkerung gar nicht befreit werden will, ist eine ganz andere. Es mag Zweifel an der Legitimität des Referendums geben, das 2014 zur Wiedervereinigung der Krim mit Russland führte. Zwar verließen nach dem Beitritt der Krim zur Russischen Föderation bis zu 50.000 Menschen die Halbinsel, doch erwiesen sich die überwiegende Mehrheit der Einwohner und die später hinzugezogenen Russen zwölf Jahre lang als loyale Bürger, die kaum Interesse daran haben, in die Ukraine zurückzukehren.
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