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Philosoph auf Abwegen
Sari Nusseibeh mahnt die Palästinenser in seinem neuen Buch zum Dialog – nur mit wem?
Sari Nusseibeh hofft, den Palästinensern durch philosophische Ansätze einen Weg aus ihrer gegenwärtigen Tragödie zu zeigen. In seinem letzten Buch »Pfadfinder. Wir und die Philosophie« versucht er, Philosophie in den Alltag der Palästinenser zu bringen, als ersten Schritt in Richtung Freiheit. Das Buch ist 2025 in Beirut erschienen. Am Mittwoch wurde es endlich im besetzten Palästina vorgestellt und diskutiert.
Der Ort der Präsentation ist einzigartig: Tantur, auf einem Hügel zwischen Jerusalem und Bethlehem gelegen, mit einer atemberaubenden Aussicht. Das Land wurde 1869 vom Malteserorden erworben. 1964, beim Besuch von Papst Paul VI. in Palästina, entstand die Idee für ein ökumenisches Institut, das Katholiken, Orthodoxe, Protestanten und Anglikaner zusammenbringen sollte. Der Vatikan kaufte das Land Anfang Juni 1967. Die Universität von Notre Dame – eine alte katholische Privatuniversität, 1842 in Indiana in den USA gegründet – wurde beauftragt, das Institut zu leiten und die Gründungsidee zu realisieren. Der Grundstein wurde nur Tage vor dem Junikrieg gelegt. Seitdem steht Tantur, wie die gesamte Westbank und Ostjerusalem und natürlich Gaza, unter israelischer Besatzung. Diese neue Situation führte dazu, dass der Anbau für das Institut erst 1972 fertiggestellt wurde.
Der Educational Bookshop aus Ostjerusalem brachte das Buch ins Land. Von Imad Muna, seinem Gründer und Eigentümer, erhielt ich die neuesten Informationen zur »Affäre« des Buchladens. Im Februar 2025 hatte die israelische Polizei den Buchladen gestürmt, den Bruder und den Sohn von Imad verhaftet und sämtliche Bücher konfisziert. Die Anklage: Aufhetzung. Inzwischen hob ein Gericht die Anklage auf. Auch die letzten konfiszierten Bücher wurden zurückgegeben, zum Beispiel das »anstößige« Bilderbuch zum Ausmalen mit dem Titel »From the River to the Sea« oder ein Verdacht erregendes Buch auf deutsch über die Hamas. Jedenfalls konnte Imad Muna nun das Buch von Sari Nusseibeh problemlos von Jordanien nach Jerusalem einführen.
Nusseibeh argumentiert im Buch, philosophisch untermauert, dass die Palästinenser unter der Besatzung zuerst und vor allem ihre privaten und gesellschaftlichen Probleme und Konflikte lösen müssten. Denn ohne »zu Hause« aufgeräumt zu haben, könnten sie nichts gegen die Besatzung unternehmen. Entscheidend für Nusseibeh sind dabei Selbstrespekt, Moralität und Bereitschaft zum Dialog. Kindergärten, Schulen und Universitäten sollten dies »lehren«, einüben und praktizieren.
Das warf sehr viele kritische Fragen auf. An welchen Dialog denkt Nusseibeh? Dialog zwischen Individuen, innerhalb von Großfamilien, zwischen Bewohnern verschiedener Regionen der besetzten Gebiete, zwischen den verschiedenen politischen Parteien oder gar mit der sogenannten Regierung in Ramallah unter Mahmud Abbas, ausgewiesenen Kollaborateuren mit der Besatzung? Haben die Palästinenser überhaupt die Freiheit dazu, unter einer rassistisch-gewaltförmigen Besatzung, die nur ein Ziel hat, nämlich die Palästinenser zu vertreiben, »ethnisch zu säubern« oder sie gleich zu eliminieren wie in Gaza seit Oktober 2023? Sind Selbstrespekt und Moralität möglich, wenn Kinder und Jugendliche Tag für Tag zusammengeschlagen oder gezielt ermordet werden, seit 2023 fast 250 allein in der Westbank, wie die Menschenrechtsorganisation B’tselem in ihrem neuen Bericht schreibt?
Die Osloer Verträge, seit der vernichtenden Kritik durch Edward Said im Herbst 1993 als die schlimmste Katastrophe für die Palästinenser seit 1948 angesehen, nehmen bei Nusseibeh einen schwer nachvollziehbaren Stellenwert ein. Er sieht darin zuerst und vor allem eine Verlagerung der Entscheidungen über die Zukunft der Palästinenser aus der Diaspora hinein in die besetzten Gebiete. Für ihn sind es seitdem die Palästinenser unter der Besatzung, die für alle Palästinenser weltweit die Verantwortung tragen.
Für Palästinenser vor Ort, wie zum Beispiel den linken Aktivisten Omar Assaf aus Ramallah, oder für die 1948 Vertriebenen in der Diaspora, wie Salman Abu Sitta, und schließlich für die Palästinenser in Israel, bis dato noch geduldet innerhalb der Grenzen vor 1967, sind derartige Vorstellungen schlicht Anathema und strikt abzulehnen. Sie argumentieren sicher mit Recht, dass nur alle Palästinenser, egal, wohin sie das Schicksal oder die Mächte vor Ort verschlagen haben, gemeinsam über ihre Zukunft entscheiden können und müssen. Das gilt gerade heute, nach 1.000 Tagen des Völkermordes in Gaza.
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