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Umgekehrte Konversion

Potentiell kriegstauglich

Von der Zivil- zur Rüstungsproduktion: Studie sieht Dual-Use-Potenzial bei fast jedem zweiten Arbeitsplatz in Deutschland

Von Michael König
Foto: Christophe Gateau/dpa

Beinahe jeder zweite industrielle Arbeitsplatz in Deutschland kann auf Rüstungsproduktion umgestellt werden. Das ergeben Daten aus dem »Dual-Use-Atlas« des Baseler Forschungsinstituts Prognos, über den das Handelsblatt am Dienstag zuerst berichtete. Demnach sind 3,5 Millionen Beschäftigte in Branchen tätig, die in der Lage sind, Dual-Use-Güter herzustellen. Gemeint sind Produkte, die sowohl zivil als auch militärisch verwendet werden können. Fast 700 Milliarden Euro Umsatz oder 43 Prozent der Industrieproduktion entfallen bereits jetzt auf solche Güter, und damit 45 Prozent der Jobs. Tatsächlich gehe es bei der Aufrüstung Deutschlands »um fast die Hälfte seiner industriellen und digitalen Wertschöpfungsbasis.«

Die Prognos-Forscher aus der Schweiz identifizierten in ihrer Studie drei Schlüsselindustrien für die Herstellung von rüstungsfähigen Gütern: die Autoindustrie, den Maschinenbau und die Elektrotechnik (inklusive Informationstechnologie und künstlicher Intelligenz). Hierbei handelt es sich um traditionelle Stärken der deutschen Industrie, mit denen sie in den letzten Jahren auf dem zivilen Markt ins Hintertreffen geraten sind. »Die deutsche Industrie wächst nicht mehr«, konstatierte das Handelsblatt am Dienstag. Und das bereits seit 2018.

Prognos sieht in militärisch nutzbaren Produkten deshalb einen Zukunftsmarkt. Die milliardenschweren Militärinvestitionen der CDU-SPD-Bundesregierung bereiten hierfür den Boden. So setzen die Baseler Forscher darauf, dass zivile Innovationen in militärische umgewandelt werden könnten, exemplarisch etwa Drohnentechnik, Robotik oder autonome Fahrzeuge. Anders als reine Rüstungsunternehmen könnten Dual-Use-Unternehmen technische Neuerungen aus der zivilen Technik schneller in die militärische Produktion integrieren.

Es gehe nicht nur um »Metall, Maschinen und Munition« sondern zunehmend um »softwaregetriebene Sicherheitstechnologien«. Deshalb verlagere sich der Schwerpunkt in »Regionen mit starkem IKT-Sektor«. IKT steht hier für Informations- und Kommunikationstechnologie. Solche Regionen seien etwa Südhessen und das Rhein-Main-Gebiet, Karlsruhe, Leipzig oder Nord- und Ostwestfalen.

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Das Potenzial für Dual-Use-Produktion in der BRD sei »groß, aber fragmentiert«, so die schweizer Forscher. Entsprechend bildeten sie auf Basis der Beschäftigtenzahlen verschiedene Indizes für alle Industrie- und Handelskammer-Bezirke in Deutschland. Ein regionaler Index gibt den Anteil der zivil-militärischen Produktion an der Wertschöpfung im jeweiligen IHK-Bezirk an, ein Deutschland-Anteil die Bedeutung der regionalen Produktion für die Gesamtproduktion und ein Gesamtindex setzt beide in Beziehung. Demnach stechen die Millionenstädte Berlin, Hamburg, München und Köln hervor. Unter den Top ten finden sich außerdem Stuttgart, Nürnberg, Karlsruhe, Heilbronn, der Rhein-Neckar-Raum und Ostwürttemberg. Während die Metropolen und Süddeutschland insgesamt am bedeutendsten für die Militarisierung der Produktion sind, spielen andere Gegenden bei bestimmten Technologienischen eine entscheidende Rolle.

So etwa Dresden als Mikroelektronikstandort und Jena bei der Produktion optischer Systeme. Dresdner Mikrochips werden in Drohnen, Lenkwaffen und Satelliten verbaut, wie das Handelsblatt berichtete. Teleskope, Zielerfassungssysteme und Laser aus Jena kommen demnach in Panzern und Schiffen sowie in Lenkwaffen und Satelliten zum Einsatz.

Am Bodensee sind der Stromaggregathersteller Rolls-Royce Power Systems (ehemals MTU) und der Autozulieferer ZF angesiedelt. Während die Dual-Use Produktion bei Rolls-Royce explodiert, will ZF mit jetzt nur 0,5 Prozent Rüstungsanteil an der Gesamtproduktion deutlich nachziehen. »Wir sind dabei, unsere Aktivitäten dort zu intensivieren«, sagte ZF-Chef Mathias Miedreich im Handelsblatt.

Doch nicht alle wollen dabei mitmachen: IG Metall und der Betriebsrat im ZF-Werk Hannover forderten bereits im März das Gegenteil der Kapitalpläne, nämlich Konversionskonzepte, »um bestehende rüstungsnahe Bereiche in zivile Sparten zu überführen, ohne Arbeitsplatzverluste«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.07.2026, Seite 5, Inland

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