Mitleid reicht nicht: Die 75. Bad Hersfelder Festspiele inszenieren »Parzival«
Plötzlich Dunkelheit, und die Band, die doch gerade noch zu einem letzten Song anzusetzen schien, verstummt. Als das Licht wieder angeht, sieht es für einen Augenblick so aus, als würden die Kulissen auf der weitläufigen Bühne schon abgeräumt. Dann der erste begeisterte Applaus. Der »Parzival«, mit dem die Bad Hersfelder Festspiele am Freitag ihr diesjähriges Programm eröffneten, endet so abrupt wie überraschend. Zu seinem 75. Jubiläum hatte das Theaterfestival das Stück in Auftrag gegeben, und es erwies sich als gelungener Auftakt für die neue Intendantin Elke Hesse: Der mittelalterliche Stoff, frei nach Wolfram von Eschenbachs Versepos bearbeitet von Michael Schachermeier und dargeboten in der Freiluftkulisse der Stiftsruine in dem nordhessischen Kurort, erweist sich als erstaunlich aktuell.
Der rätselhafte Wendepunkt der Geschichte vom naiven, abgeschieden vom Unheil der Welt aufgewachsenen Parzival ist dessen seltsames Versagen, als er endlich die Gralsburg findet. Weil ihm zuvor vom »Ritter der Tafelrunde« Gurnemanz eingebläut wurde, dass es sich nicht gehöre, einem König Fragen zu stellen, unterlässt er es, sich bei Anfortas nach dem Grund seines Leidens zu erkundigen. Statt dessen ekelt sich Parzival vor dessen klaffender Wunde. »Krank vor Selbstsucht«, wie die Seherin Kundry sagt, bittet er ausgerechnet in dieser Situation darum, ihn zum Ritter zu schlagen. Als sich darauf das Ziel seiner Reise gewissermaßen in Luft auflöst, begreift Parzival seinen Fehler, und er lässt Schwert und Rüstung fallen: »So werde ich keinen Frieden finden.«
Es wird nicht ausdrücklich angesprochen, doch es lässt sich kaum vermeiden, politische Parallelen zu ziehen. Selbstsucht auf der einen, verweigerte Empathie auf der anderen Seite – das ist zum Beispiel nicht nur aus dem Nahostkonflikt zur Genüge bekannt. Eine historisch begründete Verantwortung verhindert gebotene Solidarität, Menschlichkeit gerät in eine Aporie, die sie zu zerreißen droht. Parzival fragt nicht nach dem Leid des Anfortas, weil er in seiner Ideologie, seinem Klassendünkel gefangen ist, der es ihm verwehrt, die Verhältnisse zu hinterfragen. Erst als er sich, angeleitet vom Einsiedler Trevrizent, jenseits der herrschenden Normen begibt, wird er zum Mitleid fähig und erhält eine zweite Chance. Der Gral, er ist »überall und nirgends«.
Thieß Brammer (»Volksbühne«) verkörpert den Antihelden Parzival, der Abschied vom »tumben Toren« nimmt, mit Spielwitz. Die Bühnenmusik ist hervorragend besetzt mit den Dark Knights von Paul Wallfisch, Martin Wenk und dem Drummer Budgie (»Siouxsie and the Banshees«). Überhaupt fehlt es auf dem Festival nicht an Musik. Am Sonnabend wurde das Musical »Something Rotten« erstaufgeführt – erneut bei Rekordhitze auch in der sonst so schattigen Burgruine. Diesen Freitag wird zudem die Komödie »Lysistrata« von Aristophanes erstaufgeführt. Für Kinder gibt es zum Beispiel »Pippi Langstrumpf«. Die Bad Hersfelder Festspiele sind bekannt dafür, Ernstes leicht und Leichtes ernst zu präsentieren.
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