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Waffendeals

Indiens Blockfreiheit bröckelt

Neu-Delhi verhandelt mit den VAE über Waffendeals und riskiert seine enge Bindung mit Iran

Foto: B Mathur/REUTERS
Diese indischen Überschallraketen sollen vielleicht bald die Emirate erhalten

Indien verhandelt mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) über den Verkauf seiner modernsten Waffen. Im Zentrum steht der überschallschnelle Marschflugkörper Brahmos, daneben auch das Luftverteidigungssystem Akashteer. Die Gespräche befänden sich in einem frühen, aber rasch fortschreitenden Stadium, heißt es von offizieller Seite. Auslöser für das verstärkte Interesse der Emirate an Rüstungsgütern waren die iranischen Luftschläge gegen US-Stützpunkte in der Region – darunter auch in den VAE.

Für Indien bleibt Iran unverzichtbar. Der Nord-Süd-Verkehrskorridor INSTC führt über iranisches Territorium und verbindet Neu-Delhi mit Russland und Zentralasien. Gerade dieser Korridor steht durch den Konflikt unter Druck. Warum liefert Indien nun, mitten im Krieg, seine modernsten Waffen an einen Golfstaat, der US-Angriffe gegen Teheran unterstützt?

Unter Premierminister Narendra Modi hat sich die Indiens Politik der Blockfreiheit verändert. Aus der Zurückhaltung des Kalten Kriegs wurde eine aktive Blockfreiheit: Neu-Delhi greift gezielt in mehrere regionale Ordnungen ein, ohne sich dauerhaft an ein Lager zu binden. Nicht Bündnisse strukturieren diese Politik, sondern Korridore. Blockpolitik wird zunehmend durch Korridorpolitik ersetzt.

Sichtbar wird das an zwei Achsen, die Indien gleichzeitig verfolgt. Die erste führt über das iranische Tschabahar nach Norden: Indien hat mehr als 120 Millionen US-Dollar in den Hafen der Küstenstadt investiert, der den Subkontinent an den Nord-Süd-Verkehrskorridor INSTC anschließt. Die zweite führt nach Westen: der India-Middle-East-Europe-Korridor IMEC, der Neu-Delhi zunächst mit den VAE verbindet und von dort über Saudi-Arabien und Jordanien nach Israel sowie weiter nach Europa führen soll.

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In diese westliche Achse fügt sich nun auch der mögliche Brahmos-Verkauf: Sollte Indien tatsächlich an die VAE liefern, wäre das nämlich nicht nur ein Rüstungsgeschäft, sondern eine erste militärische Flankierung dieser Korridorlinie. Russland, das Brahmos gemeinsam mit Indien entwickelt und gleichzeitig enge Beziehungen zu Iran unterhält, müsste einem Verkauf an die VAE jedoch noch zustimmen – das Einverständnis aus Moskau ist keineswegs sicher.

Aus Teheran selbst kommt bislang kaum Kritik. Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA berichtete über die Brahmos-Gespräche rein deskriptiv, ohne eigene Bewertung. Das lässt sich als Kalkül lesen: Eine offene Verstimmung würde Indiens Engagement in Tschabahar und beim INSTC riskieren – auch Teheran ist auf den Korridor wirtschaftlich angewiesen.

Dass Indien dabei keine pauschal antiiranische Linie verfolgt, zeigt der Südkaukasus. Seit 2020 hat Armenien Rüstungsverträge mit Neu-Delhi im Wert von knapp zwei Milliarden US-Dollar unterzeichnet, unter anderem für Luftverteidigungssysteme und Raketenwerfer. Der Hintergrund: Indiens Erzfeind Pakistan bildet eine Achse mit der Türkei und Aserbaidschan, die Neu-Delhi durch die Unterstützung Armeniens – dem wichtigsten Kontrahenten Aserbaidschans – schwächen will. Das liegt wierderum auch in Irans Interesse. Die Waffenlieferungen an Armenien zeigen deshalb Neu-Delhis regionale Beweglichkeit: Am Golf rückt das Land näher an die VAE-Israel-Achse; im Südkaukasus stärkt es mit Armenien dagegen eine Ordnung, die Teheran im Südkaukasus eher entgegenkommt.

Gerade darin liegt das Risiko der neuen indischen Außenpolitik. Solange Neu-Delhi zwischen den Machtzentren balanciert, verschafft ihm die aktive Blockfreiheit außenpolitischen Spielraum. Doch je stärker der Staat seine Korridorpolitik militärisch unterfüttert, desto schwieriger wird es, die unterschiedlichen Partner zugleich zufriedenzustellen. Der mögliche Brahmos-Verkauf an die VAE könnte nicht nur das Verhältnis zu Iran belasten, sondern auch Spannungen innerhalb der BRICS vertiefen, deren Mitgliedstaaten oftmals gegensätzliche regionale Interessen verfolgen. Damit verliert Indiens Blockfreiheit zunehmend den Charakter der Distanz. Je stärker Neu-Delhi konkurrierende Lager mit Waffen, Korridoren und Sicherheitskooperationen bespielt, desto mehr wird das Land selbst Teil der Konfliktordnungen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.06.2026, Seite 6, Ausland

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