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21.06.2026, 16:14:54
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Bratwurst und Prothesen
Der zweite Nationale Veteranentag in Berlin: Ein Fest für Kinder und Versehrte
Donnergrollen, Blitze und sintflutartige Regengüsse heißen die Besucher des zweiten Nationalen Veteranentags im Berliner Regierungsviertel am Sonntag vormittag willkommen. Wie begossene Pudel tropfen die Interessierten an der Einlasskontrolle, um sich und ihre Taschen durchleuchten zu lassen.
Der Nationale Veteranentag steht 2026 unter dem Motto »Veterans, Family und Friends«. Damit werde der Blick nicht nur auf die Veteraninnen und Veteranen der Bundeswehr gerichtet, sondern auch auf ihre Familienangehörigen und Wegbegleiter», ist der Website der Bundeswehr zu entnehmen. Die Angehörigen würden den Soldatinnen und Soldaten außerhalb der Streitkräfte Halt geben und in vielen Fällen den «engagierten Dienst ihrer Liebsten in der Bundeswehr» ermöglichen.
Schon seit Wochen verunstalten Plakate zum Event die Stadt. Besonders voll ist es jedoch nicht. Unter den kriegsbegeisterten Besuchern sind viele Familien mit Kindern. «Frauen und Männer in Uniform sind Mütter und Töchter, Väter und Söhne», erklärt der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) auf der Bühne als Grußwort. Verhaltener Applaus. Auch die anschließende Vergabe der Veteranenabzeichen löst keine Begeisterungsstürme beim noch feuchten Publikum aus. Anders der nächste Programmpunkt: die Kinderband «Heavy Saurus». Die Musiker springen von frenetischem Klatschen begleitet in grünen Dinosaurierkostümen auf die Bühne. Die Familien strömen vor die Bühne und tanzen. Ganz im Sinne der Kriegstüchtigkeit fotografieren stolze Mütter in Blumenkleidern das kleine zukünftige Kanonenfutter.
Am Bratwurststand steht Sportschütze Michael Schilling und piekt in seine Currywurst mit Pommes und rohen Zwiebelstückchen. Seine Partnerin hat die Bratwurst fast schon auf. «Heute geht es nicht in erster Linie um Wehrhaftigkeit oder Waffen, sondern eher um die ehemaligen Bedienten, die uns bislang verteidigt haben. Durch den Sportschützenverein habe ich da Berührungspunkte», erzählt er freimütig. Ein sichtbar versehrter Soldat in Uniform läuft vorbei und grüßt mit seinem Armstumpf. Verteidigung sei immer wichtig, weil «das ist unsere Demokratie». Kein Soldat wolle in den Krieg ziehen, weder von der einen Seite noch von der anderen. Eine weitere Pommes verschwindet in Schillings Mund: «Nur ohne wird es nicht gehen. Man sieht es ja, wie mit Waffen gewaltsam Grenzen verschoben werden, damit auch die Demokratie. Ohne Verteidigung wird man überrannt, und dann ist mit der Demokratie auch vorbei», so seine scharfsinnige Analyse.
Zwischen Wurststand und Bierzelt wird die Fotoausstellung «Verwundet» gezeigt. Überlebensgroße Fotos von Soldaten, die mit schweren Verletzungen aus den Kriegen der BRD zurückgekehrt sind. Ein entstelltes Gesicht neben Beinen mit Prothese. Besonders auskunftsfreudig zeigen sich die meisten anwesenden Soldaten nicht: «Wir und die Veteranen sind ein Teil der Öffentlichkeit. Die haben ihren Dienst geleistet für das Land», Stabsunteroffizier Christian Prassler spricht mit junge Welt. Es sei wichtig, dass sie Respekt von allen Seiten kriegen. «In den letzten Jahren war das so ein bisschen runtergespielt worden, und jetzt wird das wieder präsenter durch diese Veranstaltung.» Nicht nur durch den bundesweit gefeierten Veteranentag – das Sondervermögen, die Autoindustrie zur Kriegsindustrie umgewandelt, Krankenhäuser für einen Kriegsfall aufgerüstet, die Wehrpflicht wieder eingeführt – Kriegsvorbereitungen haben Konjunktur.
Nicht alle feiern diesen Tag: Am 22. Juni jährt sich der deutsche Übergriff auf die Sowjetunion zum 85. Mal. «Ein Menschenleben später mit einem Veteranentag wieder die soldatische Heldenverehrung aufleben zu lassen, zeigt, dass deutsche Verbrechen vergessen sind – oder nur dann zählen, wenn man sie instrumentell gegen palästinensisches Leben einsetzen kann», sagt Milla Mallikas, Sprecherin des Berliner Bündnisses gegen Waffenproduktion, am Sonntag gegenüber junge Welt. Das Bündnis hat eine Demonstration gegen den Veteranentag organisiert, die am Sonntag mittag stattfand. Erst Mitte Juni haben Berlin und Brandenburg eine Kooperationsvereinbarung der Bundeswehr mit Schulen unterschrieben, damit Jugendoffiziere dort Minderjährige rekrutieren können. «Kinder sind leicht zu manipulieren und für ›pfadfinderische Abenteuer‹ im Ausland zu begeistern, so wohl die Hoffnung», kritisiert Mallikas. Im Gegensatz zu Behauptungen der Bundeswehr sei Soldat aber kein Beruf wie jeder andere, und Auslandseinsätze sind echte imperialistische Kriege, in denen getötet, verwundet und gestorben werde. Der Veteranentag – kein Spaß für die ganze Familie.
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