Atomreaktoren bei Hitze unbrauchbar
Frankreich: Wegen hoher Temperaturen ist die Stromversorgung teilweise beeinträchtigt
Dieser Dienstag war der heißeste Tag seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Frankreich. Und es wird wohl so bleiben. In der Hauptstadt Paris werden für Donnerstag erneut 41 Grad Celsius vorausgesagt. Die durchschnittliche Temperatur landesweit lag am Dienstag zur wärmsten Tageszeit bei 29,8 Grad und damit oberhalb der bislang verzeichneten Rekordhöhen in den Hitzewellen 2019 und 2003. Spitzenwerte erreichte am Dienstag Pissos nahe dem Atlantik, wo 44,3 Grad gemessen wurden.
Darauf ist die Gesellschaft offensichtlich nicht eingerichtet, auch wenn etwa die Stadt Paris unter der seit 2001 auf Kommunalebene regierenden Koalition aus Sozialdemokraten, Grünen und französischer KP zahlreiche Baumpflanzungen vorgenommen hat, den Autoverkehr reduzierte und versuchte, die Bodenversiegelung zu verringern. Doch insgesamt sind weder Schulen, Pflegeheime und andere soziale Einrichtungen noch kritische Infrastruktur auf solche Extremwetterereignisse vorbereitet.
»Wir wickeln die Bewohner in feuchte Handtücher ein«, mit diesen Worten zitiert etwa die französische Regionalzeitung Sud-Ouest an diesem Mittwoch eine Mitarbeiterin in einem Pflegeheim in der Nähe der südwestfranzösischen Stadt Villeneuve-sur-Lot, deren Zimmer weder eine Klimaanlage noch andere, möglicherweise natürliche oder bauliche Kühlungsmechanismen aufweisen. An den französischen Schulen wachsen seit Wochenbeginn die Elternproteste, da auch hier so gut wie nichts vorbereitet scheint. »Wir können nicht 40.000 Schulen auf einmal klimatisieren«, hieß es dazu von Regierungsseite gegenüber dem Privatfernsehsender BFM TV.
Zu Beginn dieser Woche blieben 1.300 Grund- und Mittelstufenschulen gänzlich oder teilweise geschlossen. An Pariser Grundschulen wurde die Teilnahme am Unterricht freigestellt, in manchen Klassen war nur ein Drittel der Schülerschaft anwesend. Am Freitag sollen die geplanten Abschlussprüfungen für die Mittelstufe dennoch stattfinden, das Bildungsministerium will zusätzliche Pausen zulassen.
An Grenzen kommt offensichtlich auch die Stromversorgung. Mittwoch vormittag waren 68.000 Haushalte im westfranzösischen Bezirk Finistère in der Bretagne von der Stromversorgung abgeschnitten, weil ein Generator überhitzt war. Im südwestfranzösischen Golfech wurde das dort angesiedelte Atomkraftwerk abgeschaltet, weil sonst der Fluss Garonne durch Einleitung gebrauchten Kühlwassers überhitzt worden wäre; an zwei weiteren Reaktorstandorten wurde die Energieproduktion gedrosselt.
Eine scheinbare Patentlösung haben einmal mehr Rechte aller Couleur parat. Die Konservativen gingen in den vergangenen Tagen vor allem auf Umweltschützer und Grüne los, weil diese den Ausbau der Atomkraft angeblich blockiert hätten. Das konservative Magazin Atlantico schrieb, dem Netz drohe aufgrund der Befürwortung der Nutzung erneuerbarer Energieträger statt Atomkraft eine Überlastung, da die Einspeisung von Sonnenergie durch ihre Unregelmäßigkeit zu Kapazitätsproblemen bei Stromleitungen führe.
Wie schon vor ziemlich genau einem Jahr, hat auch die extreme Rechte ihre Wunderlösung parat – es müssten einfach überall Klimaanlagen her. So einfach klingt das. Das ist nicht nur eine Kostenfrage, sondern hat auch einen Haken. Das Prinzip einer Klimaanlage besteht darin, dass ein Kältemittel die Wärme der Raumluft aufnimmt und außerhalb des Raums wieder abgibt. Im klimatisierten Raum wird es also nur dadurch kühler, dass die Klimaanlage ständig Wärme nach außen pumpt.
Werden in einer Stadt nur einzelne Gebäude durch Klimaanlagen gekühlt, hat das kaum problematische Konsequenzen. Doch wird eine ganze Stadt mehr oder minder umfassend mit Klimaanlagen ausgestattet, hat das Auswirkungen. Einer 2020 veröffentlichten Studie zufolge könnten allseits arbeitende Klimaanlagen in einer Großstadt wie Paris die Luft während einer Hitzewelle um bis zu 2,4 Grad Celsius zusätzlich aufheizen.
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