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Proletarische Einkäufe
Ladendiebstahlrekord: Überwachen und Strafen werden das Problem nicht lösen – Hauptursache ist Armut
Rund 4,3 Milliarden Euro Warenwert sind 2025 laut dem EHI Retail Institut im Einzelhandel gemopst worden: 3,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Gespart hätten mit drei Milliarden Euro vor allem die Kunden, dann die Beschäftigten (0,9) und zuletzt die Servicekräfte sowie Lieferanten (0,4), mutmaßten 88 befragte Konzerne. Obwohl die Branche schätzungsweise 3,3 Milliarden Euro für Präventionsmaßnahmen ausgegeben habe, hieß es in der Pressemitteilung zur jährlichen Auswertung von »Inventurdifferenzen« am Dienstag, würden mehr als 98 Prozent der Fälle nicht angezeigt. Größte Herausforderungen bleiben der »organisierte und gewerbsmäßige Diebstahl«, der etwa eine Milliarde Euro umfasse, »aber auch die Zunahme des ›normalen‹ Kundendiebstahls« aufgrund steigender Lebenshaltungskosten.
Der Branchenverband HDE bedauerte den »traurigen Rekord« gleichentags. Sein Geschäftsführer Stefan Genth nahm ihn zum Anlass für die Forderungen, Täter zwecks Abschreckung »schärfer zu bestrafen« und »KI-unterstützte Videoüberwachung« endlich »generell möglich« zu machen. Studiert und gefordert hatte letzteres im April auch die DIHK: »Handelsunternehmen sehen Potential, verdächtige Muster früher zu erkennen und Wiederholungstäterinnen und -täter besser zu identifizieren, ohne flächendeckende Überwachung zu etablieren.« Datenschützer warnen davor seit Jahren.
Die Rufe nach drakonischen Strafen und lückenloser Bespitzelung fußen auf der Annahme, dass Gelegenheit Diebe macht. Falsch ist das nicht; nur fragt sich, wer oder was die Gelegenheiten macht. Das wissen die Herren freilich selbst: »Viele Händler sind der Ansicht, dass die aktuelle politische Lage und die wirtschaftlichen Aussichten viele Verbraucher und Beschäftigte unter finanziellen Druck setzen, wodurch es zu mehr Gelegenheitsdiebstählen kommt«, ist in der EHI-Studie zu lesen. So zählten im Lebensmittelhandel zu den »Diebesrennern« neben Spirituosen und Tabakwaren auch absolute Notwendigkeiten wie Kaffee, Rasierklingen, Schreibwaren sowie Wurst und Käse. Das alles wird man sich auch beschaffen, wenn die Verkäufer Mondpreise verlangen – dann eben illegal. Nicht Gelegenheit macht Diebe, sondern Armut.
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