- → Thema
Blick von ganz unten
Spuren lesen, Spuren legen. 190 Jahre »Woyzeck« von Georg Büchner. Zur Aktualität eines Werkfragments
Das Jahr 1836 war Georg Büchners letztes vollständiges Lebensjahr. Am 17. Oktober des Jahres wurde er 23 Jahre alt. Am 3. Februar 1837 erkrankte er an Typhus, wurde bettlägerig und starb am 19. Februar. Die für Büchners Lebensplanung wichtige Entscheidung fiel bereits im Herbst 1835. Er gab das Berufsziel Arzt auf und konzentrierte sich auf die Laufbahn eines Hochschullehrers entweder der Naturwissenschaft oder der Philosophie an der erst 1833 gegründeten Universität Zürich. Im Winter präparierte er Fische und hielt im April 1836 vor der Strasbourger Gesellschaft für Naturgeschichte einen mehrteiligen Vortrag über das Nervensystem der Flussbarben. Daraus entstand eine Dissertation, mit der ihn die Universität Zürich am 3. September promovierte. Gleich danach bewarb er sich in Zürich darum, eine Probevorlesung halten zu dürfen. Sie war Bedingung für die »Habilitation«, das heißt für die Lehrberechtigung an einer Hochschule. Am 18. Oktober verließ Büchner Strasbourg, eine Woche später bezog er eine Wohnung in Zürich in der Spiegelgasse 12 und wurde noch am Tag der Probevorlesung am 5. November zum Privatdozenten ernannt, verbunden mit der Aussicht auf eine Professur.
Künstler aus Geldnot
Nach Abschluss der Arbeit an der Dissertation und neben der Vorbereitung auf die Schweizer Professur widmete Büchner seine Arbeitskraft drei literarischen Projekten, die er zusammen als Buch veröffentlichen wollte. Priorität hatte dabei die Arbeit am Lustspiel »Leonce und Lena«. Die J. G. Cottasche Buchhandlung hatte im Februar eine »Preisaufgabe« für die beste Komödie ausgeschrieben. Der Preis war mit 300 Gulden dotiert. »Leonce und Lena« war nach »Dantons Tod« das zweite Theaterstück, das Büchner vollendet hat. Es erreichte zwei Tage nach Einreichungsschluss die Jury, die es nicht berücksichtigte und ungeöffnet an Büchner zurückschickte.
Zudem hat Büchner an einem Stück gearbeitet, dessen Ausarbeitungsstufen keinen Titel tragen. Es wird von der Büchner-Forschung seit dem 20. Jahrhundert »Woyzeck« genannt. Von einem Drama über Pietro Aretino ist auch die Rede, aber Aufzeichnungen dazu waren nicht auffindbar. Als einschlägiger Hinweis auf diese Projekte gilt eine Bemerkung in einem Brief an den jüngeren Bruder Wilhelm vom 2. September 1836. Ich bin »gerade daran, sich einige Menschen auf dem Papier totschlagen oder verheiraten zu lassen«. Wichtiger als diese vagen und nicht eindeutig auf »Woyzeck« beziehbaren Äußerungen ist die Offenbarung seiner wirtschaftlichen Verhältnisse gegenüber dem Freund Eugen Boeckel im Brief vom 1. Juni 1836: »(W)enn ich meinen Doktor bezahlt habe, so bleibt mir kein Heller mehr und schreiben habe ich die Zeit nichts können. Ich muss eine Zeitlang vom lieben Kredit leben und sehen, wie ich in den nächsten 6–8 Wochen Rock und Hosen aus meinen großen weißen Papierbogen, die ich vollschmieren soll, schneiden werde.« Wie schon »Dantons Tod« Flucht und die erste Zeit des französischen Exils finanzieren sollte, sind es auch hier wieder finanzielle Nöte, die die schriftstellerische Produktion antreiben, nicht so sehr der Schöpferdrang des Genies und schon gar nicht Langeweile.
Obwohl »Woyzeck« ein Fragment blieb, weisen die durch Tinten- und Papieranalysen unterscheidbaren Stufen der Ausarbeitung eine klare Tendenz auf. Büchner geht von historisch vorgefundenen Fällen aus, vor allem vom Fall des am 27. August 1824 in Leipzig hingerichteten Johann Christian Woyzeck. Dieser ehemalige Soldat und zur Tatzeit arbeitslose Friseur und Perückenmacher hatte im Juni 1821 eine Witwe, mit der er ein Verhältnis unterhielt, ermordet. Stimmen, von einer Psychose herrührend, hatten ihm befohlen, sie totzustechen. Vorausgegangen waren Beziehungen der Frau zu anderen Männern, die seine Eifersucht geweckt hatten. Als Material für sein Stück dienten Büchner Detailangaben aus den beiden psychiatrischen Gutachten des Leipziger Mediziners Johann Christian August Clarus, der die Zurechnungsfähigkeit des Delinquenten begutachten sollte. Clarus bejahte sie. Büchners Bearbeitung wendet sich gegen die gesamte Anlage dieser Gutachten, insbesondere gegen Clarus’ selbstgefällige Warnung vor Arbeitsscheu, Spielsucht, Trunkenheit, schlechter Gesellschaft und vor der »ungesetzmäßigen Befriedigung der Geschlechtslust«.
Die erste Bearbeitungsstufe greift das Stimmenhören und den Mord aus Eifersucht auf. Aber Büchner stellt dies zunehmend in den sozialen Kontext von Arbeit und Ausbeutung, als deren Folgen Wahnsinn und Mordtat erscheinen. Durchaus in Einklang mit aufklärerischer Verbrechensprosa, etwa Schillers »Verbrecher aus verlorener Ehre« (1786), kommt es durch diese Kontextualisierung zu einer Verschiebung auf das Davor der Tat: auf die gesellschaftliche Zerstörung des Protagonisten und auf die mit dieser Zurichtung erfolgende Produktion des Täters. Büchner hat diesen Aspekt in der letzten Bearbeitungsstufe, mit der er in Zürich begann und die er bis zu seinem Lebensende fortsetzte, so weit entfaltet, dass die dramatische »Grundsubstanz« der Manuskripte und die Entwicklungslinie des dramatischen Konflikts deutlich werden. Zu Recht spricht Henri Poschmann vom »Material eines vollständigen Dramas«, das die Erstellung einer Bühnen- und Lesefassung und schließlich die Aufführung des Stückes ermöglichte.
Soziales Drama
Allein schon die Umarbeitung einer Eifersuchtstragödie in ein soziales Drama macht die interpretatorische Auflösung materieller Armut zu einer Existenzialie religiöser oder profaner Manier indiskutabel. Arm sind wir angeblich alle, weil wir ungefragt in die Welt geworfen wurden und nicht über unser Leben verfügen können. Woyzecks Schicksal wird zum »Sinnbild der furchtbaren Beschaffenheit des Lebens« (Karl Viëtor). Ungenau ist aber auch, die Qualität des Stückes darin zu erkennen, dass es zum ersten Mal den »armen Mann« in einer ernsthaften und tragenden Rolle auf die (deutsche) Bühne gebracht habe. Diese Etikettierung macht aus der Armut ein statisches und isoliertes Merkmal des einzelnen und verfehlt ihre (Re-)Produktion in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen. Büchner hat die »gebildete und wohlhabende Minorität« stets als im »spitzen« Verhältnis zur »großen Klasse« gesehen, deren Arbeit den Reichtum der Oberen schafft und deren Unterdrückung die Macht dieser Minderheit sichert. In »Woyzeck« stehen sich Repräsentanten und Büttel dieser Minorität, die nur nach ihrer Funktion »Hauptmann« oder »Doktor« heißen, und der Protagonist gegenüber.
Woyzeck bezieht als Füsilier Sold und gehört damit durchaus nicht zur untersten Stufe der sozialen Rangordnung, zu den Arbeitslosen. Allerdings reicht der Sold von sieben Kreuzern und zwei Pfund Brot täglich nur für den eigenen Unterhalt. Er schläft in der Kaserne und wird in der Kantine verpflegt. Wegen dieser materiellen Not wird ihm wie vielen anderen die Eheerlaubnis verwehrt. Da diese Restriktion die Armen einem Zwangszölibat unterwarf, wozu nur wenige Betroffene, aus nachvollziehbaren Gründen, bereit waren, wuchs die Zahl der »Konsensehen« als »Ventilsitte«, mit der die Armen das Eheverbot und dessen kirchliche Befürwortung unterliefen. In der Folge kam es zur Zunahme außerehelicher Geburten. Je nach Staat lag die Quote der nichtehelichen Kinder im Vormärz zwischen zehn und 25 Prozent der Geburten. Woyzecks außereheliche Beziehung mit Marie, die beim Beginn der dargestellten Zeit schon zwei Jahre andauert, ist also im zeitgenössischen Bewusstsein keineswegs der Skandal, als den ihn der Hauptmann im Stück gegenüber Woyzeck darstellt.
Meinte der Mediziner Clarus am realen Woyzeck das »gleichgültige, kalte, raue und verwilderte Wesen« konstatieren zu können, präsentiert sich der Woyzeck des Stücks als das gerade Gegenteil dessen. Er zeigt ein ausgeprägtes Gefühl der Verantwortung für Marie und das Kind Christian, was schließlich die kleine Familie in die Katastrophe führt.
Um die Familie zu erhalten, zerreibt sich Woyzeck zwischen verschiedenen Tätigkeiten, zwischen denen er hin- und herhetzt. Als er dem Hauptmann in Eile auf der Straße begegnet, ermahnt dieser ihn zum langsamen Gehen. Laufen macht verdächtig. Woyzeck laufe »wie ein offnes Rasiermesser durch die Welt, man schneidet sich an ihm«. Von seinen dienstlichen Tätigkeiten nennt das Stück das Stöckeschneiden, vermutlich zur Befestigung von Laufgräben (»Schanzwerken«), und die Anwesenheit bei Appellen, an außerdienstlichen bezahlten Arbeiten zur Soldaufbesserung das Rasieren des Hauptmanns und das Einkaufen für ihn. Am schwersten aber wiegt, dass er dem Doktor, vertraglich geregelt, als Proband für dessen Ernährungsexperiment dienen muss. Woyzeck steht kurz vor dem Ende einer dreimonatigen Erbsendiät, die mit einer Hammelfleischdiät fortgesetzt werden soll.
Da durch die ausschließliche Einnahme dieser vom Doktor zur Verfügung gestellten Lebensmittel von Woyzecks Sold nichts für das Kantinenessen einbehalten wird und er vom Doktor täglich noch zwei Groschen (in einer früheren Entwurfsstufe: drei) bekommt, kann er dieses Geld, das seinem eigenen Sold gleichkommt, also den Wert von sieben Kreuzern hat, an Marie weitergeben: »Das Geld für die Menage kriegt die Frau.«
Den Erfolg des Experiments überprüft der Doktor durch Untersuchung des gesammelten Urins, durch Pulsmessung und durch Beobachtung von Woyzecks körperlichem und geistigem Zustand. Deshalb ist er auch so aufgebracht, als er Woyzeck beim Beiseiteschaffen des Untersuchungsmaterials erwischt, nämlich beim Urinieren an eine Hauswand. Trotz der grotesken Züge der Doktorfigur ist das Experiment nicht nur eine Ausgeburt akademischen Größenwahns. Es geht um die Bestimmung eines Grenzwertes der Konzentration von Harnstoff im Urin, jenseits dessen es zu physischen und psychischen Ausfallserscheinungen kommt, während es in der nicht mehr stattfindenden Fortsetzung mit einer Hammelfleischernährung um den Grenzwert für die Harnsäure gegangen wäre.
Die ruinösen Folgen dieser einseitigen, »fehlerhaften Diät« sind der zeitgenössischen Medizin durchaus bekannt. Der Medizinprofessor Johann Christian Reil meinte 1805, dass einseitiger und übermäßiger Genuss von Hülsenfrüchten und fettem Fleisch zur Erkrankung der Unterleibsnerven führe und über die spätere Affizierung des Gehirns in Zerrüttung des Geistes übergehen könne. Den praktischen Zweck des Experiments sieht der Marburger Büchner-Forscher Alfons Glück in der Suche nach der Ökonomisierung der Soldatenernährung, um »das Fleisch, den kostenintensiven Bestandteil der Armeeverpflegung, durch das billige Surrogat Hülsenfrüchte zu verdrängen«. Die Freude des Doktors über die Zeichen des Wahnes wirkt spontan, ist aber letztlich die Freude über den erwarteten Verlauf eines Experiments, das an einem zunächst gesunden Probanden durchgeführt wurde. Die eingetretene Verwirrung gehört zur Voraussetzung des Stücks.
Überschnappende Gedanken
Motor der »sozialen Tragödie« (Glück) ist ein Widerspruch mit tragischer Dynamik: Je mehr sich Woyzeck abmüht, die ökonomische Existenz der kleinen Familie zu sichern, desto mehr entfernt er sich von ihr. Sein physischer und psychischer Verfall bringt ihn im Wortsinn zum Verschwinden: Er magert ab und verliert die Haare, der 30jährige wird zum Schatten seiner selbst. Wenn es noch im Verlauf der dreitägigen Dramenhandlung zu einer kurzen Begegnung mit Marie kommt, wirkt er gehetzt. Sie ängstigt sich vor ihm, nennt ihn »vergeistert« (einer Spukgestalt ähnelnd) und »hirnwütig« (irre).
Diese sozialen Bedingungen und die durch sie ausgelöste Psychose führen in die Eifersuchtstragödie: Marie beginnt eine Affäre mit einem »Tambourmajor«, einem protzigen Trommler, der kein wirklicher Major ist, sondern als Unteroffizier den gleichen Sold erhält wie Woyzeck. Als Woyzeck von der Affäre erfährt, redet er sich ein, dass er »sonst nichts auf der Welt« habe als diese Beziehung, wird von dem Rivalen, der ihm körperlich haushoch überlegen ist, niedergeschlagen (»Ich will ihm die Nas ins Arschloch prügeln.«), als er ihn zur Rede stellen will, und plant schließlich, was manche euphemistisch »erweiterten Selbstmord« nennen. Wenn er selbst schon aus objektiven Gründen nicht glücklich werden kann, weil seine Anstrengungen, den Lebensunterhalt für seine Familie zu sichern, sein eigenes Leben und damit die Möglichkeit, glücklich zu sein, untergraben, kann er seiner Gefährtin Marie noch nicht einmal das schäbige, kurze und falsche Glück mit einem in jeder Hinsicht abgestumpften Kerl gönnen. Nicht der Lump, sondern sie muss sterben, weil sie – wie verquer auch immer – aus der Reihe tanzt. Ihre Tötung ist eine Ersatzhandlung.
Die unterschiedlichen Äußerungen der Psychose Woyzecks (apokalyptische Visionen, die Verfolgung durch die Freimaurer, ein in den Volksaberglauben abgesunkenes Feindbild der Reaktion und die akustischen Halluzinationen von Trommelgeräuschen bis zur dämonischen Stimme, die ihm befiehlt, Marie zu morden) verrücken seine realen Erfahrungen der Ausbeutung, Arbeitshetze und Demütigung ins Wahnhafte. Eine kognitive Form des Wahns ist das, was man seit etwa 35 Jahren in der Psychiatrie »störungsübergreifend« pathologische Grübelei nennt. Grübeln entsteht, wenn man irreale Gegenstände erkennen und unlösbare Probleme lösen will, aber auch, wenn einem zur Erkenntnis und Problemlösung die erforderlichen Erkenntnismittel fehlen; Grübeln ist eben nicht nur ein pathologisches Phänomen. Das denkende Subjekt verfällt in Denkschleifen, über deren Beginn und Ende es kaum verfügen kann. Ein barockes Sinnbild des Grüblers ist der schlafende Hund. Im Stück zeigt sich Woyzecks Grübeln in der Außenwahrnehmung. Der Hauptmann wirft ihm vor, zuviel zu denken, Marie konstatiert: »Er schnappt noch über mit den Gedanken.« Er selbst beschreibt sich, allerdings in bezug auf Maries Affäre, als einer, der sehen muss, der sehr vielem auf der Spur ist. Bei dieser Spurensuche geht er durchaus systematisch und logisch vor.
Indizienforschung
Dass sich sein Erkenntnisstreben auf beiden Feldern, dem Wahn und der Suche nach Gewissheit über Maries Affäre, bewegt, bestätigt die Diagnose des Doktors, Woyzeck leide an einer »fixen Idee, mit allgemein vernünftigem Zustand«, also am partiellen Wahnsinn oder an Monomanie. Der Doktor überprüft seine Theorie, indem er Woyzeck Fragen zur störungsfreien Verrichtung seiner alltäglichen Pflichten stellt, die Woyzeck alle bejaht: Er leistet unbeanstandet seinen Dienst, er rasiert immer noch seinen Hauptmann, er hält sich an die vertragliche Verpflichtung, nur Erbsen zu essen, und er gibt das Geld dafür Marie.
Als Suchender zeigt Woyzeck sich nirgends deutlicher als in dem kurzen Verhör Maries, als er sie mit den Ohrringen überrascht, die ihr der Rivale geschenkt hat, nicht aus Gold, wie Marie glaubt, sondern Talmi. Die Spur wird zum Indiz. Woyzeck wird für einen Moment Untersuchender, der »Indizienforschung« in nuce betreibt, während Marie alle Ungeschicklichkeiten begeht, die einer Ertappten und Überrumpelten passieren können. Woyzeck fragt, noch zur Tür hereinkommend und hinter ihr stehend, was sie in der Hand habe, und sie antwortet »nix«. Er jedoch sieht: »Unter deinen Fingern glänzt’s ja.« Marie macht weitere Fehler, spricht von nur einem »Ohrringlein« und behauptet, es gefunden zu haben. Woyzecks Replik korrigiert die Zahl der Ohrringe und bezweifelt Maries unwahrscheinliche Geschichte: »Ich hab so noch nix gefunden. Zwei auf einmal.« Seine analytischen Fähigkeiten stoßen ihn auf einen ganz anderen Ereigniszusammenhang. Marie versucht eine Gegenoffensive und fragt Woyzeck: »Bin ich ein Mensch?« »Das Mensch« kann manchmal, nicht immer im Hessischen eine abfällige Bezeichnung für eine Frau sein. Maries Frage bedeutet also, ob Woyzeck sie für eine schlechte, verworfene Frau hält. Daraufhin lenkt er ein: »’s gut«. Er spricht nunmehr über den schlafenden »Bub« und gibt Marie Geld vom Sold und für die Dienste, die er für seinen Hauptmann verrichtet. Schließlich geht er, weil er »fort« muss.
Man kann dieses Einlenken durchaus unterschiedlich interpretieren. Woyzeck muss wirklich fort und weiß genug, oder, so sieht es Henri Poschmann, er ist noch »versöhnungsbereit«, er subsumiert noch nicht Marie unter ihre Affäre. Das leistet erst die hämische und demütigende Anspielung des Hauptmanns, die zugleich den Tambourmajor als den Rivalen namhaft macht. Dieser Wink findet auf der Straße statt. Woyzeck merkt, dass das, was er gerade entdeckt hat, schon alle wissen. So gehen das Gefühl des Verlassenwerdens und die Scham dessen, der sich öffentlich als Gehörnter blamiert sieht, jene Verbindung ein, die für Marie tödlich endet.
Der »einfache Mensch«
Wenige Jahre vor der Karriere des neuen Genres Kriminalliteratur demonstriert »Woyzeck«, in Alltagswissen und -handeln eingebunden, etwas von der Bedeutung des investigativ-identifizierenden Bewusstseins, das, weiterentwickelt und professionalisiert, den Detektiv zur literarischen Heldenfigur machen wird. Das 19. Jahrhundert wird nicht nur zum Jahrhundert der proletarischen Massen, es ist zugleich auch das Jahrhundert, das in der Methode der Aufdeckung der Kunstfälschung (Giovanni Morelli), in den Indizien (Sherlock Holmes), der Verwendung des Fingerabdrucks (1892) und im Symptom (Sigmund Freud) die Bedeutung von Details und Nebensächlichkeiten erkennt, wie der italienische Kulturwissenschaftler Carlo Ginzburg in seinem Buch »Spurensicherungen« (1983) ausgeführt hat.
Urteile, die Woyzeck und den anderen Dramenfiguren aus der »großen Klasse« »Primitivität«, »Dumpfheit«, »Triebhaftigkeit« oder »Sprachlosigkeit« attestieren, widersprechen so sehr dem Text, dass ihre hartnäckige Wiederkehr in der wissenschaftlichen Literatur nur mit der Kraft des Vorurteils zu erklären ist, das sich als Klischee vom »einfachen Menschen«, dem Zwilling des »armen Mannes«, artikuliert. Die hohe Warte, von der der Blick auf die angebliche Simplizität der Unteren fällt, ist die der nuancierten bürgerlichen Individualität. Walter Benjamin hat die so beschworene »Subtilität des Bürgers« taub genannt. Die Rede vom Simplex Woyzeck ist schon deshalb falsch, weil ihr dieser Gegenpol fehlt: Nichts wirkt eindimensionaler und dumpfer als die gebildeten Büttel dieses Stückes. Und auch die konstatierte »Sprachohnmacht« ist nicht schlechter als die elaborierte Explizitheit der Figuren des bürgerlichen Dramas und Romans. Unter Woyzecks Schweigen und unter den gebildeten Gesprächen der Anna Karenina aus Tolstois gleichnamigem Roman, der unter Angehörigen des russischen Hochadels spielt, liegt gleichermaßen der Eisberg des Verdrängten, Nichtgesagten und Unsagbaren. Ungebildet zu sein ist eine Folge des Bildungsprivilegs in Ungleichheitsgesellschaften und nicht identisch mit Dummheit und Gefühlsarmut.
Kurz bevor Büchner mit seiner Arbeit am »Woyzeck«-Material begann, schrieb er am 1. Juni 1836 einen Brief an Karl Gutzkow, in dem er das Konzept einer »Bewusstseinsreform«, das die Schriftsteller des »Jungen Deutschland« propagierten, kritisierte. Er hielt ihm entgegen, dass man die »Bildung eines neuen geistigen Lebens im Volk suchen« müsse. Hans Mayer meint, darin »seltsam neue Klänge« zu hören, weil er Büchner »Resignation« unterstellt und im »Woyzeck« »bloß Mitleid und Liebe zur leidenden Kreatur« erblicken kann.
Ein neues geistiges Leben
Die Zeichen einer neuen geistigen Bildung sind in der Tat schwer zu finden. Das neue geistige Leben existiert einstweilen in schwachen Anzeichen einer besseren Zukunft im Handeln der Unterdrückten. Da Büchner kein Sozialwissenschaftler ist, muss er diese Anzeichen in seinen Werken, im Handeln seiner Figuren aus der »großen Klasse« plausibel machen, also einen starken Realitätsanspruch erheben. Die Frage wäre demnach, ob Woyzeck nicht nur Spuren sucht, sondern auch Spuren legt. Gibt es auch im Handeln dieses Wahnsinnigen und Mörders Spuren eines neuen geistigen Lebens, Verweise auf eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung des »Volkes«?
In den Werken Büchners gibt es diese Spuren in zwei Formen. Sie existieren einmal in den Anzeichen der Solidarität der Unteren. Diese sind im »Woyzeck« nur schwach angedeutet. Woyzecks Kamerad Andres, mit dem er die Schlafstube teilt, sorgt sich um dessen Gesundheit. Woyzeck vererbt Andres in der Testamentsszene das einzige Kleidungsstück in seinem Privatbesitz: ein Unterhemd.
Stärker ausgeprägt ist der Keim des neuen geistigen Lebens im Interessenbewusstsein Woyzecks, wenn er die Zumutungen von oben, die Versuche, disziplinierend in sein Leben einzugreifen, abwehrt, weil er sie als unverträglich mit den eigenen Interessen erkennt. Als ihm der Hauptmann vorwirft, unmoralisch zu sein, weil er ein Kind »ohne den Segen der Kirche« hat, greift er zu einem altbewährten Mittel der Subalternen und konfrontiert die Kirchenmoral mit einem gegenläufigen Bibelzitat, also mit der gerade für die Kirche bindenden höchsten Autorität: »Herr Hauptmann, der liebe Gott wird den armen Wurm nicht drum ansehn, ob das Amen drüber gesagt ist, eh’ er gemacht wurde. Der Herr sprach: lasset die Kindlein zu mir kommen.« Diese Schlagfertigkeit macht den Hauptmann sprachlos. Er kapituliert, der »Diskurs« habe ihn ganz »konfus« gemacht. Das sind die kleinen Siege im Alltag der Unteren.
Eine andere Form der Widerständigkeit zeigt sich in Woyzecks List, den Zorn des Doktors über den vertragswidrig abgeschlagenen Urin subversiv ins Leere laufen zu lassen und ihn zu seinem Vorteil zu wenden. Als Woyzeck sich un- oder halbverstandener Bruchstücke aus der Sprache der Gebildeten bedient, von »so ’nem Charakter, so ’ner Struktur« redet, merkt er, wie die Stimmung des Doktors in enthusiastisches Interesse an den Anzeichen seines Wahns umschlägt, intensiviert daraufhin dieses Wirrsprechen und »philosophiert« über die Lesbarkeit der Natur, bis ihm schließlich der Doktor begeistert eine »Zulage« gibt. Wer in Woyzecks Sprechen nur den peinlich scheiternden Versuch sieht, sich der Sprache der Gebildeten anzupassen, verkennt als »Sprachohnmacht«, was tatsächlich Sprachlist ist.
Woyzeck ist nicht nur das determinierte, hilflose Objekt der Umstände und der abgerichtete Hund der Herren. Er könnte beinahe mit dem Rasiermesser am Hals des Hauptmanns Subjekt werden, nicht mehr der ewige Untertan bleiben. In den Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit und (Alters-)Armut sowie prekärer Beschäftigung, die die Menschen in die Mühle der Minijobs treibt, um über die Runden zu kommen, gibt es kein Stück Büchners, das uns Heutigen gegenwärtiger und trotz seiner Komplexität unmittelbar verständlicher ist.
Alle Texte Büchners sind auf dem Editionsstand der Marburger Büchner-Ausgabe (MBA) digital zugänglich bei: http://buechnerportal.de
→ Hans Otto Rößer schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. und 8. Dezember 2025 über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr: »Illusion des Erfolgs« (Teil 1) und »Wir bleiben« (Teil 2).
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
