Zum Inhalt der Seite
Gewerkschaft und Aufrüstung

Konsens über Militarisierung

Die IG Metall übernimmt militaristische Logik und schadet damit ihren Mitgliedern

Von Tom Biebl
Foto: Pia Bayer/dpa
Manches rote Banner der Arbeit wird dieser Tage auf Panzer gepflanzt

Dass die Industriegewerkschaft Metall (IGM) ihren Auftritt am 1. Mai in München organisiert hat und dort ihre Vorsitzende Christiane Benner sprechen ließ, ist kein Zufall, sondern ein politisches Signal. München ist einer der zentralen Standorte der deutschen Rüstungs- und Sicherheitsindustrie. Konzerne wie Airbus Defence and Space oder Hensoldt stehen dort beispielhaft für eine Industrie und für Standorte, die sich längst auf die Logik der Militarisierung eingelassen und den Krieg implizit zu ihrem Geschäftsmodell gemacht haben. Wer hier am 1. Mai spricht und zur Aufrüstung keine klare Gegenposition formuliert, stellt sich faktisch auf die Seite dieser Entwicklung.

In den gewerkschaftlichen Reden dominieren Begriffe wie »Transformation«, »Innovation« und »industrielle Zukunft«. Allesamt sind diese Begriffe keine neutrale Beschreibung, sondern Instrumente der ideologischen Begleitmusik. Die Umstrukturierung der Industrie wird als Fortschritt verkauft, ihr wachsender militärischer Charakter ausgeblendet – oder gar unterschlagen. Von sicherheitspolitischen Prioritäten dominierte staatliche Programme, etwa die Entwicklung von Dual-Use-Technologien, treiben diese Entwicklung voran. Die entscheidende Frage, für welchen Zweck und für wessen Interessen produziert wird, stellen nur noch wenige.

Die Debatten um den Einsatz von Software wie die von Palantir Technologies zeigen, wohin die Reise auch hierzulande geht: mehr Überwachung, mehr Kontrolle, mehr Eingriffsmöglichkeiten – alles möglichst automatisiert vermittels künstlicher Intelligenz. Wer nach außen aufrüstet, rüstet immer auch nach innen auf. Nicht nur technisch, sondern auch rechtlich, etwa mit Repressionsmaßnahmen. Aufrüstung ist kein isolierter Vorgang, sondern Teil eines umfassenden Umbaus von Staat und Gesellschaft. Eindeutig zeigt sich das in der Rückkehr der Wehrpflicht. Mag noch auf Freiwilligkeit gesetzt werden, sind doch alle Ansagen gemacht: Der Staat behält sich vor, die Jugend zum Dienst an der Waffe zu zwingen. Die gleiche Generation, die heute allenthalben als Fachkraft gebraucht wird, könnte sehr bald in Kasernen gepfercht und dort gedrillt, statt gescheit ausgebildet werden. Genau hier verdichtet sich der Widerspruch: Die arbeitende Klasse produziert nicht nur ihre Mittel, sie soll im Zweifel auch selbst in den Krieg ziehen.

Anzeige

Bei einer Gewerkschaft, die die Interessen dieser Klasse ernsthaft vertritt, müsste genau dieser Zusammenhang im Zentrum stehen. Sie müsste klarmachen, dass es in einer aufrüstenden Ökonomie keinen neutralen Standort gibt, dass Arbeitsplätze nicht losgelöst von ihrer gesellschaftlichen Funktion existieren und dass Aufrüstung nicht Sicherheit bedeutet, sondern Eskalation. Die IGM tut das nicht. Sie bleibt im Rahmen der Sozialpartnerschaft und begünstigt damit, dass Wirtschaftswachstum, sofern es sich überhaupt einstellen sollte, zusehends militärisch gekapert wird. Sie stabilisiert so genau die Entwicklung, die sie eigentlich bekämpfen müsste.

München zeigt das exemplarisch: industrielle Stärke, technologische Spitzenstellung und enge Verzahnung mit militärischen Interessen. Die Gewerkschaft bewegt sich in diesem Umfeld nicht als Gegenmacht, sondern als Mitverwalterin. Konflikte werden moderiert, nicht zugespitzt. Widersprüche werden überdeckt, nicht benannt. Währenddessen gehen Schülerinnen und Schüler auf die Straße. Sie streiken gegen Aufrüstung, gegen Wehrpflicht und gegen Militarisierung. Sie stellen die einfache Frage, die im gewerkschaftlichen Diskurs kaum vorkommt: Wer trägt die Folgen?

Diese Frage trifft ins Zentrum. Und die Antwort ist so einfach wie brutal: Menschen, die heute produzieren, sollen morgen als Drohnenfutter enden. Und eine Gewerkschaft, die das nicht angreift, sondern sich auf »Standortsicherung« zurückzieht, macht sich zum Anhängsel dieser Logik. Das ist keine Vermittlung mehr. Es ist Anpassung an eine reaktionäre Politik, die Militarisierung, Entdemokratisierung respektive Entrechtung und wirtschaftliche Interessen auf halsbrecherische Art und Weise miteinander verschränkt. Oder deutlicher: Es ist ein Verrat an den eigenen Mitgliedern.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 5, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in André M. aus B. 11. Mai 2026 um 14:36 Uhr
    Es ist wahrlich nichts neues, dass Gewerkschaften zutiefst opportunistisch sind. Das ist ihnen in die Wiege gelegt und ist vielleicht auch unausweichlich. In sozialen Fragen mögen sie etwas bewirken können, in Fragen staatspolitischer Art (Krieg und Frieden, Freund oder Feind) sind sie handlungsunfähig oder sie müssen hart auf hart die Machtfrage stellen (Generalstreik). Ein Dazwischen gibt es dann nicht. Die quasi staatshörigen BRD-Gewerkschaften werden einen Teufel tun, irgendeine Machtfrage zu stellen. Die Hotspots der deutschen Rüstungsproduktion sind erste Ziele einer russischen Reaktion oder Prävention. Da gibt es kein Vertun.
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!