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Rote Armee Fraktion

Kritik und Waffen

Vom Journalismus zur Stadtguerilla. Vor fünfzig Jahren wurde die RAF-Militante Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim aufgefunden

Foto: ullstein bild/picture alliance
Ulrike Meinhof in den Redaktionsräumen der Zeitschrift Konkret (Hamburg, vermutlich um 1960)

Am 9. Mai 1976 endet im Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim das Leben von Ulrike Meinhof. Es ist ein Tod, der lange nachhallt, nicht nur wegen der bis heute ungeklärten Umstände. Der Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza formulierte in seiner Kolumne »Meinhof 2006« zum dreißigjährigen Jubiläum treffend: »Wer in einem Hochsicherheitstrakt eingesperrt ist, lebt und stirbt in den Armen des Staates. Einen Freitod, wie der Selbstmord von seinen Philosophen genannt wird, kann er schwerlich wählen.« Dennoch bestand der »staatsbürgerliche Katechismus« der Bundesrepublik Deutschland darin, auf dem Selbstmord dieses Mitglieds der Roten Armee Fraktion (RAF) – wie später nach der Todesnacht vom 18. Oktober 1977, als Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe tot in ihren Zellen aufgefunden wurden – zu beharren.

Meinhof war eine Intellektuelle, die das Wort zur Waffe machte – und schließlich die Waffe der Kritik durch die Kritik der Waffen zu erweitern versuchte. In der Redaktion der Zeitschrift Konkret schrieb sie sich in den 1960er Jahren in das moralische Selbstverständnis der westdeutschen Linken ein. Ihre Kolumnen zielten auf Aufklärung, waren Spiegelbild linker Debatten und Erkenntnisprozesse über die bundesrepublikanische Gesellschaft und globale Zusammenhänge.

Noch gut bestellt

In dem lange unveröffentlichten Text von 1962 »Aufklärung über eigenes Denken« bekannte Meinhof, sie wolle schon alt werden in Deutschland und solange das Land geteilt sei, in der Bundesrepublik. Nicht, weil sie diese für den besseren Teil halte, sondern weil sie hier einige Veränderungen miterleben möchte, »die so sicher kommen werden wie das Jahr 45 nach dem Jahr 33«. Bereits hier der Verweis auf den Faschismus, den sie als noch fortlebend ansah in einer Gesellschaft, deren »Öffentlichkeit so wenig teil an ihrer eigenen Geschichte« nehme. Nirgends – außer vielleicht noch in den USA – lebe eine Gesellschaft so sehr an sich selbst und ihrer Geschichte vorbei wie die Bundesrepublik, schrieb sie.

Dazu trete der Provinzialismus: Wirkliche Berichterstattung »über Ausbeutung in Brasilien, Betrug in Hongkong, Armut in Italien, Rassismus in den USA und Südafrika und Bauernlegen in Persien« suche man vergebens. »Was bedeutet zum Beispiel im Leben einer deutschen Hausfrau die Kenntnis des revolutionären Bauernführers Julioño? Gar nichts, solange ihr wahrheitsgemäße Aufklärung über Gesundheitsschäden durch Akkordarbeit, die Ursachen von Preissteigerungen, über Rüstungszweck und Luftschutzsinn vorenthalten wird.« Das formulierte Meinhof lange vor der APO.

Bereits in diesen frühen Reflexionen treten Antifaschismus, Internationalismus und Klassenanalyse gepaart auf. Aber sie sind noch eingefasst in eine optimistische Zukunftsperspektive: Änderung ist erfahrbar, der Bruch mit diesen Verhältnissen wird kommen. Also kann man in einer solchen Gesellschaft alt werden, am Fortschritt teilhaben, die Verhältnisse verändern. Eine Kolumne in Konkret zu den Osterspaziergängen 1963 endete dem Prinzip Hoffnung folgend: »Um ein Land, in dem sich jährlich Tausende und Abertausende finden, die das Mittel des Gewaltmarsches nicht scheuen, um sich Gehör zu verschaffen, ist es noch gut bestellt.«

Von der KPD zu »Bambule«

Ulrike Meinhof schaffte es, als einzige Frau einer siebenköpfigen Redaktion aus der Studentenzeitung Konkret eine Publikumszeitschrift zu machen, die die wichtigsten Stimmen der Linken repräsentierte. Gastbeiträge von Erich Kuby, Simone de Beauvoir oder Pablo Neruda wurden von ihr redaktionell betreut. Meinhof entstammte der seit 1956 illegalisierten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und war der Deutschen Friedensunion (DFU) verbunden, zu deren Wahl sie anlässlich der Bundestagswahl 1965 aufrief.

Der Kontakt der Zeitschriftenredaktion mit der KPD, deren Mitglied Meinhof bis 1964 war, verlief indes nicht reibungslos. Das Blatt erhielt einige Finanzmittel aus der DDR. Kritische Artikel zu militaristischen Aspekten der DDR-Gesellschaft konnten von seiten Ostberlins nur als »Hetze« wahrgenommen werden. Man verbot sich Kritik. Als souveräne Autorin forcierte Meinhof die Ablösung vom fordernden Geldgeber. Ab 1964/1965 war Konkret eine unabhängige, frei finanzierte linke Zeitschrift. Meinhof sprach sich weiterhin gegen die Nichtanerkennung der DDR durch die BRD aus – auch in dem Wissen, dass die Anerkennung der DDR das Ende der antikommunistischen Einheitsfront bedeuten würde und die Notstandsgesetze dann für alle erkennbar überflüssig wären.

Später sezierte sie in Konkret die Beschränktheit der Proteste und Kampagnen: »Wir haben die politische Demokratie verteidigt, anstatt die gesellschaftlichen Mächte, die Unternehmerverbände samt ihren Dependancen in Staat und Gesellschaft selbst anzugreifen. Wir haben das Grundgesetz hochgehalten, anstatt dafür zu sorgen, dass die sozial-ökonomischen Voraussetzungen zur Erhaltung und Ausweitung dieser Demokratie geschaffen würden. Wir haben gegen die Notstandsgesetze argumentiert, anstatt gegen die Macht der Konzerne zu kämpfen, gegen die Ausdehnung des Springerkonzerns, wenigstens für eine radikale, umfassende Mitbestimmung.«

Im April 1968 legten antiautoritäre Linksradikale in Frankfurter Kaufhäusern Feuer – ein Protest gegen den Völkermord mittels Napalm und anderer Waffen durch die USA in Vietnam, ein Protest gegen die Gleichgültigkeit der satten westlichen Konsumgesellschaften. Meinhof kommentierte kühl in Konkret: Das Prinzip der Akkumulation werde mit einer solchen Aktion nicht durchbrochen, und die Versicherung zahle den Schaden. Sie bemerkte auch, dass bei der Tat Menschen hätten zu Schaden kommen können.

Durch die gemeinsame Praxis der sogenannten Heimkampagne der APO kam es zu einem vertieften Kontakt zu Andreas Baader und Gudrun Ensslin, die sich gegen das Erziehungsheim Staffelberg engagierten. Sie versuchten, die autoritären und unterdrückerischen Zustände in der Fürsorgeerziehung der Bundesrepublik bekanntzumachen und im Rahmen der »Randgruppenstrategie« bei Unangepassten und Außenseitern ein sozialrevolutionäres Bewusstsein zu wecken. Ulrike Meinhof forschte seit Herbst 1968 vor allem zu den Zuständen in Westberliner Mädchenheimen, darunter dem Eichenhof in Tegel. Übergriffe der Heimleitung auf dort untergebrachte Mädchen waren an der Tagesordnung. Diese wehrten sich mit unterschiedlichen Mitteln, entwickelten Eigensinn und Verweigerungsstrategien. Aus Gesprächen mit ihnen entstand Meinhofs Drehbuch für den Fernsehfilm »Bambule«. Der sollte am 24. Mai 1970 gesendet werden, doch zehn Tage davor nahm die Journalistin an der Befreiung von Andreas Baader teil. Der Film wurde trotz Protest von 122 Südwestfunk-Mitarbeitern von einem ängstlichen CDU-Intendanten abgesetzt. Erst 1994 wurde er erstmals ausgestrahlt.

Kein freies Geleit

Der Schritt zur Tat erfolgt 1970 mit der Befreiung von Andreas Baader. Es war ein Sprung aus dem Fenster des Lesesaals des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in Berlin, der Ulrike Meinhofs Leben beträchtlich veränderte. Der inhaftierte Baader wurde dort zum Quellenstudium ausgeführt und sollte Meinhof treffen, mit der er angeblich zusammen ein Buch plane. Meinhof floh mit vier anderen Aktivisten und bestieg ein bereitstehendes Fluchtauto, ein 62jähriger Institutsangestellter wurde durch einen Schuss schwer verwundet. Meinhof hatte ihre Handtasche vor Ort vergessen, in der sich ein Hypothekenbrief, aber keine Waffe fand. Vermutet wird, sie habe sich eventuell erst nach den Schüssen zur Flucht entschlossen – in einem kürzlich erschienenen Interviewband bestreitet das Monika Berberich, eine andere Beteiligte an der Aktion.

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Die Polizei stellte Meinhof mit einem Steckbrief, der nur ihr Portraitfoto zeigte, als wegen Mordversuchs gesuchte Haupttäterin dar. Die Fahnder gingen also noch vor genaueren Ermittlungsergebnissen von ihrer Führungsrolle und Übereinstimmung mit Baader und Ensslin aus. Bereits der Schriftsteller Heinrich Böll schrieb in seinem vielbeachteten Text »Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?«: »Gewiß war die Befreiung Baaders eben doch nicht der so ganz überzeugende (weder für Beobachter noch für Mitwirkende überzeugende) Sprung von der Theorie in die Aktion« (Der Spiegel 3/1972).

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie überzeugt Ulrike Meinhof von diesem Schritt in die Illegalität war. Als Mitglied der Roten Armee Fraktion ließ sie keinen Zweifel aufkommen, die richtige Strategie gewählt zu haben. Ihr werden beispielsweise diese Worte aus dem RAF-Text »Das Konzept Stadtguerilla« von April 1971 zugeschrieben: »Ob es richtig ist, den bewaffneten Widerstand jetzt zu organisieren, hängt davon ab, ob es möglich ist. Ob es möglich ist, ist nur praktisch zu ermitteln.«

Heinrich Böll versuchte in seinem Spiegel-Essay einen Rest politischer Rationalität zu retten, indem er Meinhofs Taten nicht zustimmte, sondern sie mit Argumenten, die von Meinhof aus ihrer frühen Konkret-Zeit hätten stammen können, zu widerlegen versucht: »Ich halte es für psychologisch aussichtslos, Kleinbürgern, Arbeitern, Angestellten, Beamten (auch Polizeibeamte), die vom Erlebnis zweier totaler Inflationen geschreckt sind, ihren relativen Wohlstand ausreden zu wollen, wenn man ihnen nicht erst einmal ausführlich und nationalökonomisch exakt darlegt, wie fürchterlich ›gleich‹ die Chancen bei der Währungsreform waren.« Und er verwies auf die nazidurchtränkte Polizei- und Rechtsgeschichte der Bundesrepublik, um zu resümieren: »Für so einen abscheulichen Satrapen wie Baldur von Schirach« – 1966 aus dem Gefängnis entlassener ehemaliger Reichsjugendführer der NSDAP –, »der einige Millionen junger Deutscher in die verschiedensten Todesarten trieb und zu den verschiedensten Mordarten ermutigte, sogar für ihn gab es Gnade. Ulrike Meinhof muss damit rechnen, sich einer totalen Gnadenlosigkeit ausgeliefert zu sehen.«

Bölls Text endete mit der Aufforderung: »Ulrike Meinhof will womöglich keine Gnade, wahrscheinlich erwartet sie von dieser Gesellschaft kein Recht. Trotzdem sollte man ihr freies Geleit bieten, einen öffentlichen Prozess, und man sollte auch Herrn Springer öffentlich den Prozess machen, wegen Volksverhetzung.« Doch die Forderung, auch die Radikalen rechtsstaatlich zu behandeln, war für die postfaschistische BRD-Gesellschaft der idealistisch-humanistischen Rechtschaffenheit zuviel.

Verrat und Radikalität

Meinhofs Verhaftung 1972 wurde durch einen Hinweis ermöglicht – er kam von einem Lehrer, SPD- und GEW-Mitglied. Er begab sich nach seinem Verrat in Therapie und wurde schließlich selbst Psychoanalytiker. Als ihm der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen werden sollte, lehnte er ab.

Sein Anruf bei der Polizei verweist auf die Erosion jener Solidarität, auf die revolutionäre Praxis angewiesen ist. Sie erodierte in einigen linken Kreisen, wie auch Gremliza in einem seltenen Moment der Selbstkritik in seiner oben erwähnten Kolumne feststellen musste. Er habe damals ebenfalls »dazu aufgefordert, Mitglieder der RAF bei der Polizei zu denunzieren. Dass seine Befolgung das Leben nicht nur manchen Opfers, sondern auch manchen Kämpfers gerettet hätte, macht meinen Rat nicht weniger beschämend und auch nicht weniger dumm. Warum ich ihn gab? Ach, es waren die Zeiten der systemüberwindenden Reformen, wir Jungsozialisten (und) Kommunisten (…) waren gerade dabei, den demokratischen Sozialismus einzuführen – da kamen diese Chaoten und machten uns das ganze schöne Projekt kaputt.« Diese Erinnerung verweist in der Tat auf eine tiefe Spaltung, die die gesamte Linke durchzog.

Den westdeutschen Kommunisten saßen noch das KPD-Verbot und die Adenauer-Knäste im Nacken. Sie hatten 1968 die DKP inmitten der Revolte gegründet – mit deutlich moderatem Zungenschlag. Darauf hatte niemand Geringeres als Ulrike Meinhof in ihrer Kolumne »Sozialdemokratismus und DKP« hingewiesen. Meinhof schloss sich Rudi Dutschkes Urteil über die DKP an, dass deren Funktion lediglich systemstabilisierend und integrierend sei. Im damaligen Programm der Kommunisten sah Meinhof eine Neuauflage des Godesberger Programms der SPD. Die DKP kämpfe lediglich »für diesen ganzen systemerhaltenden Gewerkschaftsplunder, mit dem den Arbeitern das Leben im Kapitalismus versüßt, nicht aber als menschenunwürdig und unerträglich zum Bewusstsein gebracht werden kann«.

Folgerichtig hatte sich Meinhof mit anderen Aktivisten der antiautoritären Bewegung zu den Rändern der Gesellschaft aufgemacht; dort, bei Heimkindern und anderen Marginalisierten, vermutete man ein nicht integriertes und nicht integrierbares Proletariat. Der Aufruf »Die Rote Armee aufbauen«, der am 6. Juni 1970 in der linken Berliner Szenezeitschrift Agit 883 erschien, plädierte in existentialistisch anmutender Sprache dafür, die linken Genossen mögen den randständigen Teilen der Bevölkerung die Ziele der Gruppe klarmachen.

Auf die internationale Politik bezogen rezipierte Meinhof bereits in Konkret-Kolumnen den chinesischen Weg des Kommunismus unter Mao als demokratischeren Sozialismusversuch als jenen der Sowjetunion. Das »Immer rebellieren!« der chinesischen Kulturrevolution schien ihr einen rätesozialistischen Prozess einzuleiten. Wenn sie sich später – laut Spiegel-Interview mit den Stammheimern, die gefragt wurden, ob sie »Marxisten-Leninisten« seien – als Marxistin sah, dann war dieser Marxismus ein trikontinentaler Antiimperialismus maoistischer Prägung. Der anarchistische Romancier Peter Paul Zahl sprach von der RAF als »Leninisten mit Knarre«. In einem ihrer letzten Kassiber, einem Kommunikationssystem zwischen den Gefangenen, formulierte Meinhof Mitte April 1976 eine Absage an den »Klassenstandpunkt« der Sowjetunion; dieser sei eine Ideologie der Herrschaftssicherung eines sich sozialistisch behauptenden Akkumulationsmodells, »die sich genau nicht offensiv aus dem Gegensatz zum Imperialismus, sondern defensiv aus den Zwängen der Einkreisung bestimmt hat«.

Der Standpunkt der Klasse dagegen könne nur die Bewegung der Klasse im Klassenkrieg sein – und real seien die Avantgarden des bewaffnet kämpfenden Weltproletariats die Befreiungsbewegungen. Mit diesen sahen sich die Protagonisten der RAF verbunden. Die Anschläge auf US-Einrichtungen wie jene während der sogenannten Maioffensive 1972 begriffen die RAF-Aktivisten als Gegengewalt gegen den Imperialismus und den Vietnamkrieg. Die RAF sah sich als verlängerter Arm der trikontinentalen Befreiungsbewegungen, der »im Herzen der Bestie« – der bundesrepublikanischen – kämpft, trotz des Namens »Rote Armee« völlig unabhängig von der Sowjetunion. Eine Prozessstrategie war dann auch, auf völkerrechtlicher Basis den Kriegsgefangenenstatus für die Gefangenen zu beantragen, sich als Kombattant im Auftrag des Trikonts zu sehen. Damit hatte sich die RAF von der sozialen Frage, den Klassenkonflikten hierzulande, freilich weit wegbewegt.

Neuer Katechismus

Der neue deutsche staatsbürgerliche Katechismus will nun Meinhof persönlich einer »Erinnerungskultur des Schreckens« inkorporieren. Darin haben die Darstellungen ihrer nach rechts abgedrifteten Tochter Bettina Röhl einen festen Platz, die nicht nur die persönliche Dimension und die privaten zerstörerischen Folgen von Ulrike Meinhofs Entscheidungen hervorheben, sondern sie auch zur kalten, ideologiegetriebenen Rabenmutter verzeichnen. Andere spreizen sich auf und wollen in Meinhofs Denken nach 1970 einen Manichäismus ausmachen, ein »Schwarzweißdenken«, das die Wirklichkeit binär codiere. Um die RAF und Ulrike Meinhof nicht mehr im Kontext gescheiterter Befreiungsversuche, irriger Emanzipationsbemühungen und fehlgehender revolutionärer Strategien diskutieren zu müssen, werden sie jenem ideologischen Inventar zugeordnet, das sie früh selbst durchschauten und attackierten. Natürlich muss auch Meinhof »antisemitisch« sein, damit das Selbstbild der Bundesrepublik und der ihr zuarbeitenden Historiker, Soziologen, Psychologen usw. intakt bleibt.

Exponenten dieser Richtung sehen in den publizistischen Reaktion von Ulrike Meinhof auf die Aktionen des »Schwarzen September« bei den Olympischen Spielen 1972 nicht weniger als »Antisemitismus«. Im November 1972 hatte Meinhof in ihrer isolierten Haftsituation einen Text verfasst, in dem sie die versuchte Geiselnahme israelischer Sportler als beispielhafte revolutionäre Tat voller »Sensibilität für historische und politische Zusammenhänge« wertete. Sie habe einen Massenmord an Palästinensern in das Land »zurückgetragen«, das ihn historisch verursacht, nämlich die Juden verfolgt und zur Auswanderung gezwungen habe. Die deutschen Behörden hätten vorsätzlich ein Massaker verübt, das dem »Moshe-Dajan-Faschismus« gleiche. Israel habe »seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik«. Die Geiseln seien bereit gewesen, sich mit den Tätern ausfliegen zu lassen. Doch die Behörden hätten sie getäuscht und geopfert. Der Text, den Meinhof später selbst als »trostlos« wertete, provozierte auch die Kritik ihrer RAF-Genossin Gudrun Ensslin.

Selbst in den dunkelsten Stellungnahmen der RAF – auch in Meinhofs Gedankenstrom zum »Schwarzen September« – ist kein Antisemitismus im engeren Sinne zu erkennen. Mitte der 1960er Jahre hatte sich Ulrike Meinhof mit Berichten über den Prozess gegen den Holocausttäter und Waffen-SS-General Karl Wolff und eine Hörfunksendung zum Warschauer Ghetto hervorgetan. Für letztere hatte sie den Holocaustüberlebenden Marcel Reich-Ranicki befragt, der sich wiederum später in seiner Autobiographie an Ulrike Meinhof erinnerte: Sie sei die erste Deutsche gewesen, die sich ernsthaft für sein Leben im Ghetto interessiert habe.

Sicherlich ist Ulrike Meinhof ab 1972 Protagonistin eines »hochfahrenden« entgrenzten Antiimperialismus, der politische Konflikte global schematisierte und moralisch übersteigerte. Auch sind ihre Ausführungen nicht frei von problematischen Analogien – aber sie folgen primär der Logik eines radikalisierten Antiimperialismus, der keine Grautöne mehr kennt, und nicht der Logik des Antisemitismus. Natürlich hat Meinhof eigene frühere Erkenntnisse verabschiedet und revidiert – nicht immer zum Besseren, aber stets vor dem Hintergrund realer antagonistischer Verhältnisse. Die Notwendigkeit von Grautönen formulierte sie noch in ihrem bekannten Essay »Drei Freunde Israels« von 1967, in dem sie an der »Solidarität der Linken mit Israel« festhielt, »pro- und antiisraelisches Freund-Feind-Denken« ablehnte und sich für eine vernünftige, stabile Lösung des Nahostkonflikts aussprach. Allerdings stellte sie damals bereits die Frage, ob Israel leben oder siegen wolle. In den wenigen Jahren bis 1972 hatte Israel in den Augen Meinhofs und anderer Antiimperialisten die Frage in einer Art und Weise beantwortet, die die Feindschaft gegenüber dem Staat Israel für die linke Internationalistin zwingend machte. In Jordanien und andernorts fanden die RAF und weitere militant-linke Gruppen wie die Revolutionären Zellen dann vermeintliche Kampfgenossen, die allerdings ihre ganz eigene Agenda hatten, welche mit proletarischen und internationalistischen Gegenmachtstrukturen im Geiste des neulinken Aufbruchs der 1960er Jahre oft wenig bis nichts gemein hatte.

Bereits mit der Verhaftung von Meinhof begann ein Martyrium. Als sie sich gegen die Abnahme ihrer Fingerabdrücke wehrte, drohte man ihr mit einer Vollnarkose. Zudem wollte der Fahndungsleiter ihren Schädel röntgen lassen, um sie eindeutig zu identifizieren, wofür er tatsächlich eine gerichtliche Anordnung erhielt. Meinhof wurde nachts in die Röntgenstation einer Unfallklinik gebracht und weigerte sich, diese ohne Anwalt zu betreten. Daraufhin wurde sie von vier Polizeibeamten gefesselt, an Kopf und Beinen festgeschnallt, die Augen wurden ihr verbunden. Zu der körperlichen Misshandlung traten Beschimpfungen und Demütigungen. Eine Anwesende äußerte Bedauern, »dass wir keinen Hitler mehr haben«. Ihr Anwalt Heinrich Hannover erfuhr nicht, wo sie sich befand, und durfte sie erst nach vier Tagen aufsuchen, als sie schon in den »toten Trakt« nach Köln-Ossendorf verlegt worden war.

Meinhofs Haftbedingungen waren härter als bei anderen RAF-Gefangenen und sind als inhuman und folterähnlich zu bezeichnen. Sie war optisch und akustisch vom normalen Anstaltsalltag getrennt und wurde dauerhaft in Isolation gehalten. In der Haft in Stammheim wurde diese Isolation fortgesetzt. Meinhof wurde über lange Zeiträume getrennt untergebracht, abgeschirmt, kontrolliert. Dort entstand 1973 ihr Isolationsprotokoll. Es beginnt mit den Worten »Das Gefühl, es explodiert einem der Kopf« und reiht daran eine Serie körperlich gefasster Wahrnehmungen, in denen sich die Auflösung des Subjekts spiegelt – Meinhof griff zu einer Sprache, die weniger argumentiert als zerfällt.

Ihre Feinde hatten sie erfolgreich »zur Strecke gebracht« und »erledigt«. Im europäischen Ausland wurde dies – deutschlandskeptisch, wie man dort bis in liberale und konservative Kreise war – sehr wohl wahrgenommen, zuweilen skandalisiert. In Italien und Frankreich tauchten nach dem 9. Mai 1976 Parolen auf Hauswänden auf, die von einem staatlichen Mord ausgingen. Niemand Geringeres als der Philosoph Jean-Paul Sartre und die Philosophin Simone de Beauvoir klagten in großen Zeitungen die Bundesregierung in einem offenen Brief der Mittäterschaft an und verglichen den Tod Meinhofs mit den schlimmsten Zuständen unter den Nazis.

Im Oktober 1975 hatte Meinhof in einem Kassiber an ihre Genossen bilanziert, dass der Prozess der innerstaatlichen Aufrüstung zum Polizeistaat sichtbar geworden sei. Sie verwies auf den Radikalenerlass, die Erfassung und Kontrolle der gesamten Linken, Ausnahmegesetze im Verfahren gegen die Mitglieder der RAF, die Ausschlüsse ihrer Verteidiger von den Prozessen. Beim Agieren des Vorsitzenden Richters Theodor Prinzing in den Stammheimer Prozessen machte sie »Irrationalität als Methode« aus, wenn er den Rechtsbruch zur Regel machte und gegen bürgerliche Gutachter wütete, die die Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten aufgrund ihrer Haftbedingungen feststellten.

Zugleich machen diese Texte, diese mehr niedergestöhnten als niedergeschriebenen letzten Äußerungen von Ulrike Meinhof deutlich, dass die Gefangenengruppe der »6 gegen 60 Millionen« (Heinrich Böll) der Übermacht aus verpanzerter nachfaschistischer Behäbigkeit und modernen Gefängnistechniken der Separierung und weißen Folter nicht vollständig gewachsen war. Konflikte verlagerten sich ins Stammheimer Kleinstkollektiv. Am 19. März 1976 schrieb Meinhof in der üblichen Kleinschreibung der Kassiber:

»worüber wir hier am meisten nachdenken, ist, wie wir die zum teil grauenhaften erfahrungen, die wir in der isolation gemacht haben, für die die begriffe sind: verrat, kapitulation, selbstzerstörung, entpolitisierung so vermitteln können, dass ihr sie nicht noch mal machen müsst. also wenn es richtig ist, dass in der guerilla jeder von jedem lernen kann, muss es möglich sein, die erfahrungen zu vermitteln – bedingung dazu ist nur, kollektivität als prozess zu begreifen – dazu sind autoritätskisten, in denen personen institutionalisiert werden, ein antagonismus.«

→ Gerhard Hanloser schrieb an dieser Stelle ­zuletzt am 2. März 2026 über Günther Anders: »Erst einmal die Welt bewahren«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 12, Thema

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→Leserbriefe
  • Christian Zwettler aus Sankt Augustin 11. Mai 2026 um 14:04 Uhr
    Ulrike Meinhof hat euch lieb. Vor 50 Jahren, am 9. Mai 1976, starb Ulrike im Hochsicherheitstrakt Stuttgart-Stammheim. Ob man ihre Taten korrekt und nachvollziehbar oder vollkommen daneben und bescheuert fand, sei mal für einen Moment dahingestellt. Ich würde gerne mal über ihre Standhaftigkeit und ihren konsequenten Lebensstil reden. Mit einem Millionär verheiratet, dicke Villa, fettes Gehalt … Auch erfolgreiche und berühmte Journalistin, gern gesehener Gast in TV‑Talkshows und eigene Kolumne … Sie hatte alles, wovon viele nur träumen können, aber sie gab das alles auf, ging in den Untergrund, riskierte ihr Leben und war bereit, anderen ihres zu nehmen. Warum? Damit es allen gut geht und nicht nur wenigen Privilegierten, wie es leider immer noch der Fall ist. Das nannte man früher in den Kreisen, wo Ulrike abhing, dem Volk dienen und sich nicht bedienen lassen. Als sie dann dafür verhaftet wurde und von mehreren Justizvollzugsbeamten der Presse wie ein Tier vorgeführt wurde, blieb sie standhaft und konsequent, als man sie der Isolationshaft unterzog blieb sie standhaft und konsequent, als man sie im Prozess des mehrfachen Mordes zu lebenslänglich verurteilen wollte, blieb sie standhaft und konsequent. Bis zu ihrem Tod, als man sie in ihrer Zelle erhängt auffand, blieb sie standhaft und konsequent. Irgendwie fehlen solche Menschen heute, mit genau diesen Eigenschaften: Standhaft und konsequent. Aber schon Ulrike wusste: Keine Revolution auf nüchternen Magen. Deshalb das Ulrike-Meinhof-Butterbrot: Eine einfaches Mettbrötchen, eines der wohl proletarischsten Butterbrote mit Zwiebeln, Salz und Pfeffer. Mahlzeit!
  • Onlineabonnent*in Ralph D. aus G. 10. Mai 2026 um 14:25 Uhr
    Ulrike Meinhof hat ihrer Überzeugung letztlich alles geopfert: ihre Kinder, ihr bürgerliches Leben als Journalistin und letztlich ihr Leben. Jedoch musste der Weg nach ihrer Radikalisierung in den Abgrund führen. Es war der kurze Weg der Ungeduld, der leider nichts mit marxistischer Lehre zu tun hat. Ralph Dobrawa, Gotha
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