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Aus: Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Union Busting Monitor

Willkür und Rache: Lufthansa Cityline wegen Streik geschlossen

Jessica Reisner und Elmar Wigand kommentieren die Behinderung von Gewerkschaftsarbeit
Von Jessica Reisner und Elmar Wigand
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Wir Lohnabhängigen sind derzeit unter Dauerbeschuss. Durch Preisanstieg und »Reformen«. Als würde das Imperium das Bombardement des Iran und Libanons nicht nur ausnutzen, um im Schatten der Aufmerksamkeit die Landnahme in der Westbank voranzutreiben, sondern auch an der sozialen Front im Inland zu roden und zu brandschatzen. Anders als der US-Armee im Golf geht unseren Schreibtischtätern die Munition wohl nie aus. Vom Kanzler, dem Wirtschafts- und Gesundheitsministerium, von den sogenannten Wirtschaftsweisen und sowieso von den Unternehmerverbänden hagelt es nichts als »Reformvorschläge«, die tiefe Einschnitte und existentielle Bedrohungen für alle Lohnabhängigen bedeuten. (Abgesehen von zaghaften Anmerkungen, die Beitragsbemessungsgrenze anzuheben, den Wildwuchs der Krankenkassen auf zehn zu begrenzen oder vielleicht auch von den Superreichen zu nehmen.)

In diesem Szenario zündet die Lufthansa ein Union-Busting-Fanal. Mitten in einem Streik von Piloten und Flugbegleitern der Gewerkschaften VC und UFO stellte das Management am 16. April den Betrieb der Lufthansa-Tochter Cityline ein. Einen Tag nach ihrem 100jährigen Geburtstag stellte die Lufthansa die gesamte Cityline-Belegschaft kurzerhand frei. 2.200 Angestellte. Schließung binnen zwei Wochen.

Das ist brutal. Offener Krieg gegen die eigenen Leute, wie Harry Jäger von der Unabhängigen Flugbegleiter-Organisation (UFO) selbentags in den 20-Uhr-Nachrichten sagte. Aber auch eine offene Kampfansage an alle Lohnabhängigen im Lande durch einen Konzern, der mal staatlich war und wegen seiner strategischen Bedeutung per Gesetz in deutschem Streubesitz bleiben muss. (Größter Aktionär ist der Hamburger Steuerflüchtling Klaus-Michael Kühne, der seine Milliarden in die Schweiz geschafft hat.)

Die Hasardeurstat der Lufthansa erinnert an den Tag, an dem laut dem Filmemacher Michael Moore das Abrutschen der US-Arbeiterklasse begann: Am 3. August 1981 erklärte US-Präsident Ronald Reagan einen Streik der renitenten Fluglotsengewerkschaft PATCO (Professional Air Traffic Controllers Organization) für illegal. 13.000 der 17.000 US-Fluglotsen waren am selben Tag in den Streik getreten. Reagan berief sich auf das vergessene Taft-Hartley-Gesetz von 1947. Da Streiks von Bundesangestellten demnach illegal wären, weil sie die nationale Sicherheit im Kalten Krieg bedrohten, so das fadenscheinige Konstrukt, hatten die Lotsen die Wahl zwischen Entlassung und Rückkehr zur Arbeit. Reagan stellte ein Ultimatum von 48 Stunden. 11.000 Fluglotsen blieben standhaft und wurden am 5. August 1981 gefeuert. Die Gewerkschaftsbosse wurden strafrechtlich verfolgt – manche landeten gar im Knast –, PATCO wurde zerschlagen, die Streikenden wurden auf schwarze Listen gesetzt. Der Anfang vom Ende der einst stolzen US-Gewerkschaftsbewegung und der US-Arbeiterklasse, wie man sie kannte. Auch, weil der Dachverband AFL-CIO dem Vorgehen nichts entgegensetzte und die Demokraten Reagans Schockstrategie stillschweigend billigten.

Was Reagan der Kalte Krieg war, ist der Lufthansa der Iran-Krieg. Angeblich sei das Kerosin knapp geworden – so die lächerliche Begründung. Die Lufthansa plante längst, die Cityline durch ein fast gleichnamiges Konstrukt namens City Airlines zu ersetzen. Hier können sich die Geschassten jetzt zu schlechteren Konditionen bewerben. Ein Vorgang, der so oder so ähnlich in Deutschland häufig und ohne viel Gegenwehr stattfindet. Das Möbelhaus XXL-Lutz, der Baumarkt Obi oder der Lieferdienst Flink gingen ähnlich vor, um Betriebsräte zu entsorgen. Deren Filiale wurde kurzerhand geschlossen, angeblich aus wirtschaftlichen Gründen. Ryanair schloss Standorte, die streikten. Es riecht nach Nötigung und Betrug. Wir diagnostizieren unternehmerische Willkür und Rachsucht.

Die herrschende Elite wird so weitermachen, bis sich der schlafende Riese namens Proletariat wieder regt. Aber wo bleibt eine Protestbewegung gegen den sozialen Kahlschlag und gegen die fatale Militarisierung?

Unsere Autoren gehören zur »Aktion gegen Arbeitsunrecht« und moderieren den Podcast »Arbeitsunrecht FM«

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