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Die Ordnung der Dinge

Jagd nach dem Weltwissen oder Freiwilligenarbeit im Netz: Seit 25 Jahren existiert die Wikipedia

Foto: wikipedia.de

Ende des 19. Jahrhunderts exzerpierten, kopierten und ordneten Gustave Flauberts Romanfiguren Bouvard und Pécuchet wahllos das bis dahin sich angesammelt habende Wissen. Sie kamen schnell an ihre Grenzen: Je mehr Stoff, desto dringlicher die Frage, nach welchen Prinzipien dieser organisiert werden kann. Im Lexikon fanden Flauberts unverzagte Helden der enzyklopädischen Anstrengung ihr Ideal. Wikipedia hat daraus eine virtuelle Baustelle gemacht, auf der es keinen Feierabend gibt. Das von Entdeckerlust getriebene Wandern durch das in Texten organisierte Weltwissen kennt dort keine geraden Wege. Man spaziert nicht mehr, wie der Bildungsbürger einst im Brockhaus, durch Spalten und Register, sondern klickt von einem Link zum nächsten. Das unermüdliche Suchen findet unter beschleunigten Bedingungen statt. Aus der stillen Blätterbewegung ist ein permanenter Seitenwechsel geworden. Wer im Internet sucht, liest nicht mehr entlang einer vorgegebenen Ordnung, sondern hangelt sich von Verweis zu Verweis. Diese Bewegung ist integraler Bestandteil der Struktur von Wikipedia. Die Schlichtheit des dazugehörigen Interface erweist sich keineswegs als Designfehler, in ihm spiegelt sich ein Weltbild. Der typische Artikel – Einleitung, Zwischenüberschriften, Literatur, Einzelnachweise und Kategorien – folgt der Form nach den Vorgaben des Open-Source-Pakets »Mediawiki«. Seine Entwickler setzten auf Versionenfolge statt Endfassung, Diskussionsseite statt autoritärer Setzung, Link statt linearer Belehrung, Datenbank statt Bibliothek. Erst dadurch nimmt kollektiv geteilte Information Gestalt an. Das Denken sitzt nie nur im Kopf, es steckt auch in den Werkzeugen.

Entstanden ist Wikipedia zu einer Zeit, in der das Netz schon groß, aber noch nicht vollends kommerzialisiert war. Jimmy ­Wales und Larry Sanger wollten mehr daraus machen. Mit dem Portal Nupedia, einer akademischen Enzyklopädie mit strikten Reviewverfahren, fingen sie bescheiden an. Der Umfang beschränkte sich jedoch auf nur wenige Artikel. Der Durchbruch kam erst später: Mit einem lakonischen »Hello World« ging (die englischsprachige) Wikipedia am 15. Januar 2001 online. Nach einem Monat gab es bereits mehr als zweihundert Beiträge, nach einem Jahr über 18.000. Nach zwei Jahren hatte das ambitionierte Onlineprojekt den Umfang der Encyclopædia Britannica bereits übertroffen.

Der Erfolg von Wikipedia ist auch eine Frage der Struktur. Hinter der Oberfläche steckt ein sich stetig verändernder Datenkörper. Jede Änderung erzeugt einen neuen Zustand, jeder Artikel weitere Artikel – modular, verlinkbar, reversierbar, kategorisierbar, diskussionsfähig. Der Brockhaus wollte vollständig sein, Wikipedia hingegen will Anschlussfähigkeit. Googles »Pagerank« belohnt, was oft verlinkt wird, und so erscheint das, was in Folge des Wiki-Prinzips über viele interne und externe Verknüpfungen verfügt, unter den angezeigten Einträgen der Suchmaschine oft ganz weit oben.

Während andere Portale ihre Nutzer möglichst lange festhalten wollen, lässt Wikipedia sich zügig finden, rasch lesen und ebenso rasch wieder verlassen. Gerade deshalb wird die Seite erneut aufgesucht. Nach und nach wurde aus einer einzigen großen Seite das Standardziel der Suche. Aus einem Experiment hat sich eine eigenständige Infrastruktur entwickelt: Ende 2025 umfasste Wikipedia bereits über 66 Millionen Artikel in mehr als 300 Sprachversionen, die englische Ausgabe allein verfügt über mehr als sieben Millionen Artikel. Wikipedia.org gehört laut Similarweb.com weltweit zu den zehn meistbesuchten Websites und rangierte zuletzt auf Platz acht. Zugleich verzeichnet Wikistats für alle Wikimedia-Projekte insgesamt 22 Milliarden Zugriffe pro Monat. Gelesen wird die Enzyklopädie ohnehin längst auch dort, wo ihr Name gar nicht mehr fällt – in Suchmaschinenkästen, bei Sprachassistenten, Wissenspanels und automatisch generierten KI-Antworten. Hinter Wikipedia steht seit 2003 die Wikimedia Foundation, eine gemeinnützige US-amerikanische Stiftung. Sie betreibt Server, verwaltet Markenrechte, finanziert Technik, Recht, Produktentwicklung und Maschinenräume. Aus dem improvisierten Projekt, so scheint es, ist eine Institution geworden. Im Geschäftsjahr 2024/25 nahm die Wikimedia Foundation laut Prüfbericht über 200 Millionen US-Dollar ein, davon knapp 190 Millionen aus Spenden. Das ist sehr viel Geld für eine Einrichtung, die vom Bild des unbestechlichen Ehrenamts lebt, und zugleich erstaunlich wenig für eine globale Wissensinfrastruktur. Die Stiftung kennt das Problem jeder Universalbibliothek: Unendliches Wissen gibt es nur unter endlichen Bedingungen. Server kosten, Juristen kosten, Entwickler kosten, und selbst das schönste Ideal muss offene Rechnungen bezahlen.

Anlässlich ihres 25. Geburtstags am 15. Januar feierte die Wikipedia sich als unabhängiges Prestigeprodukt eines Netzes, dessen Erfolgsgeschichten heute auf Überwachung, Werbung und Verhaltenslenkung basieren. Hier arbeiten Hunderttausende freiwillig und dezentral an einem öffentlichen Gut, das von Suchmaschinen, Techkonzernen und inzwischen auch KI-Firmen bedingungslos ausgeschlachtet wird. Das Projekt steht damit nicht außerhalb der Verwertungslogik des digitalen Kapitalismus, es ist eher ein Sonderfall davon: kollaborative Leistung ohne Lohn, aber mit enormem gesellschaftlichem Gebrauchswert. Jimmy Wales sprach dahingehend von »Volunteerism«, von Freiwilligeneinsatz und Transparenz. Man könnte nüchterner sagen: Wikipedia lebt von moralisch hochgerüsteter Gratisarbeit, die gerade deshalb als vorbildlich gilt, weil sie dem ökonomischen Normalfall widerspricht.

Lange Zeit hat der Mythos einer Schwarmintelligenz an Wikipedia mitgeschrieben. Als sei das Wissen einfach da, sobald nur ausreichend Menschen gleichzeitig daran arbeiten. Tatsächlich funktioniert das Wikipedia-Prinzip nur dank eines ganz bestimmten Typus von Beteiligten: Menschen mit Spezialinteressen, hoher Frustrationstoleranz, Konfliktlust, Freude an Listen, Sinn für Korrektur und einem Ego, das nur ausnahmsweise stark genug für Rechthaberei ist. Laut neueren Wikimedia-Angaben handelt es sich dabei um rund 250.000 Freiwillige, die laufend editieren, belegen, diskutieren und aufräumen. Für ein »Weltprojekt« sind das nicht viele.

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Pavel Richter, Autor von »Die Wikipedia-Story. Biographie eines Weltwunders«, hat die Motivation der Autorinnen und Autoren auf Wikipedia mit dem Wunsch nach »stiller Wirkung« begründet: »In vielen anderen sozialen Medien wie Twitter, Facebook oder Instagram steht der Produzent im Mittelpunkt – oder will dies zumindest. Bunter, lauter, schneller – so generiert man Likes, Aufmerksamkeit, Klicks. Doch in Wikipedia tritt der Autor zurück hinter sein Werk, wird unsichtbar (außer für den geübten Nutzer, der die Versionsgeschichte zu bedienen weiß). So laut auch manchmal der interne Schaffensprozess mit seinen ewigen Diskussionen und Editierkriegen ist – nach außen hin ist Wikipedia eigenartig statisch, und die Wikipedianer sind kaum sichtbar. Das scheint für bestimmte Menschen höchst attraktiv zu sein – eben nicht als identifizierbare Person, sondern als unsichtbarer Diener einer größeren Sache zu wirken.«

Wikipedia ist keineswegs autorlos, autorisiert sich aber anders. Mit Michel Foucault ließe sich sagen: Die »Funktion Autor« entfaltet dort eine um so größere Wirkung, je weniger sie personalisiert ist. Wer Teil der kollektiven Autorschaft sein will, muss allerdings erst einmal durchs digitale Vorzimmer. »Jeder kann mitmachen« ist einer der beliebtesten Wikipedia-Mythen. Realiter vergeben Software und Community Rollen und Rechte. Intern gibt es Administratoren, Redaktionen, Schiedsinstanzen, Löschhöllen, Diskussionsseiten, Vandalismusmeldungen und eine Vielzahl an ungeschriebenen Regeln. In der deutschsprachigen Wikipedia erlangt man den Status eines aktiven Sichters, der die neue Version eines Artikels als gesichtet markieren und damit für die Leser freischalten darf, beispielsweise erst nach einer gewissen Aktivitätsdauer und einer Mindestzahl an akzeptierten Bearbeitungen. Wer auf Wikipedia die »Versionsgeschichte« eines Artikels abruft, bekommt Einblicke in das Geschehen unterhalb der Oberfläche. Alte Fassungen werden sichtbar, Zeitstempel, Bearbeitungskommentare, Benutzernamen oder IP-Adressen, Rücksetzungen ebenso wie akzeptierte Änderungen. Man kann vergleichen, wer welches Wort hineingeschoben, gestrichen oder entschärft hat. Diese Offenlegung ist eine kleine Sensation. Frühere Lexika verbargen ihre Werkstatt, Wikipedia stellt die Arbeit, die dort stattfindet, aus und macht den Prozess kollaborativen Schreibens damit für alle nachvollziehbar. Wer ohne Anmeldung im Interface bearbeitet, hinterlässt auf Wikipedia eine öffentlich sichtbare IP-Adresse, die Ort und Adresse des Computers preisgibt. Das scheinbar anonyme Schreiben ist somit personenbezogener als das Schreiben unter Nickname. Den IP-Beiträgen misstraut die Wikipedia-Community besonders – nicht ohne Grund. Über sie lässt sich nachweisen, dass viele Bearbeitungen einschlägiger Artikel von Ministerien, Parteien und Unternehmen ausgehen. Der Twitter-Account »Bundesedit« machte daraus jahrelang politisches Kabarett. Der Twitter-Bot dokumentiert Änderungen an Wikipedia-Artikeln, die von IP-Adressen aus dem deutschen Bundestag vorgenommen werden. Direkt von dort kamen viele der aufgehübschten Lebensläufe, weichgespülten Formulierungen oder verschwundenen Peinlichkeiten in diversen Politikerbiographien. Ein Edit-War ist ein Zustand, bei dem verschiedene Bearbeiter dieselbe Streitfrage nicht mehr auf der Diskussionsseite, sondern durch wiederholtes gegenseitiges Überschreiben direkt im Artikel austragen. Der Text wird zum Schlachtfeld, die Form des Konsenses äußert sich in der Rücksetzung. Solche Kämpfe gehörten von Anfang an zu Wikipedia. Bereits in den ersten Monaten stritt man über Begriffe und Deutungen. Legendär wurde später etwa die Donauturmkontroverse, bei der sich ein erbitterter Disput darüber entspann, ob der Wiener Turm ein Fernseh- und Aussichtsturm sei oder eben bloß ein Aussichtsturm. Die Diskussion dazu umfasst Hunderttausende Zeichen. Eine andere Zäsur war der Essayskandal im März 2007. Ein prominenter Autor der englischsprachigen Wikipedia hatte sich als Professor mit Theologieabschluss ausgegeben und diese vorgebliche Autorität in inhaltlichen Auseinandersetzungen ausgespielt. Tatsächlich war er ein junger Mann ohne Meriten. Der Fall beschädigte nicht nur das Vertrauen in, sondern auch die Grundfesten von Wikipedia. In der Folge wurden Regeln verschärft und die Belegpflicht für Quellen eingeführt.

Zu den ältesten Grabenkämpfen bei Wikipedia gehört die Frage, was überhaupt in die Enzyklopädie hineindarf. Inklusionisten wollen möglichst vieles behalten, Exklusionisten möglichst viel wieder loswerden. Dahinter steckt das Grundproblem jeder Wissensordnung: Ist Relevanz eine Eigenschaft der Sache oder eine ihrer Dokumentierbarkeit? Heute wird pragmatischer von »darstellbarer Relevanz« gesprochen. Über Löschanträge wegen mangelnder Relevanz wird in der Regel sieben Tage lang diskutiert. Ein solcher Antrag zieht nicht zwangsläufig ein Verschwinden nach sich. Oft werden Texte infolgedessen ausgebaut, mit Quellen versehen und dadurch gerettet. Vandalismus ist ein Nebeneffekt der Edit-Wars. Gemeint sind damit absichtliche Beschädigungen wie Beschimpfungen, Falschbehauptungen, Witzbilder, politisches Anschmieren und biographische Verleumdungen. PR-Agenturen polieren die Wikipedia-Seite von Unternehmen auf, Fans erhöhen die Bedeutsamkeit ihres Fußballklubs, Parteiapparate justieren Biographien neu und gelegentlich arbeitet sogar der Staat mit. 2016 ging das Onlineportal Kressreporter Bearbeitungen von Wikipedia-Artikeln nach, die von IP-Adressen ausgingen. Über die »Whois«-Suche konnten diese mit dem Verfassungsschutz in Verbindung gebracht werden. Von dieser Seite wurden unter anderem Änderungen im Artikel über den entlassenen Generalbundesanwalt Harald Range vorgenommen, auch kritische Verlinkungen im Eintrag über das Bundesinstitut für Risikobewertung verschwanden zeitweise.

Dass politische und institutionelle Macht in Wikipedia-Artikel einsickert, geht aus den Logbüchern des Projekts hervor. Eingriffe in Artikel können reale Rufschäden erzeugen. Pavel Richter erwähnt dahingehend den Fall eines Physikers, in dessen Artikel die Behauptung auftauchte, er sei inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen, gestützt auf eine Fußnote in einer älteren Dissertation, ihrerseits ohne belastbare Nachweise im Artikel. Der Mann litt real darunter, wurde befragt und gemieden. Wikipedia hat dies in Kauf genommen, ohne die Glaubwürdigkeit der Quelle vorab zu bestätigen. Was im Netz steht, hat ein anderes Gewicht als eine verstaubte Hochschulschrift. Gerade darin liegt die Gefahr des wahllosen Sammelns: Eine Onlineenzyklopädie wie Wikipedia erreicht sofort die digitale Öffentlichkeit.

Ein besonders drastischer Faktenfehler war der Fall eines angeblichen »Vernichtungslagers Warschau« in der englischen Wikipedia. Jahrelang stand dort die Behauptung, in einem real existierenden Lager in Warschau seien Hunderttausende nichtjüdische Polen in Gaskammern ermordet worden – eine geschichtspolitische Fälschung, die sich in nationalistische Narrative einpasste. Die fehlende Klarnamenpflicht bei Wikipedia erleichtert dies. So etwa bearbeitete ein langjähriger Wikipedianer unter dem Pseudonym »Feliks« Beiträge, die in mehreren Verfahren als »ehrverletzend« beanstandet wurden. Im Urteil des Landgerichts Koblenz vom 14. Januar 2021 wurde der Beklagte wegen Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts zu Schadenersatz und Kostenerstattung verurteilt, in den Tatbestandsausführungen ist ausdrücklich von tendenziösen Bearbeitungen die Rede.

Die naivste Vorstellung von Wikipedia war lange die von einem körperlosen Raum, in dem nur Argumente gelten. Doch auch die Onlineenzyklopädie existiert nicht außerhalb der Gesellschaft, in ihr verdichten sich Machtverhältnisse in verschobener Form. Rund neunzig Prozent der aktiven Wikipedianer sind Männer. »Women Edit«-Gruppen und ähnliche Initiativen haben es sich deshalb zum Ziel gesetzt, gegen die geringe Präsenz von Frauen und nichtbinären Personen auf Wikipedia anzugehen. Ton, Regeln und Zeitökonomie der Wikipedia sind auf einen bestimmten Habitus zugeschnitten, der geschlechtlich konnotiert ist. Die Belegpflicht verstärkt soziale Asymmetrien: Ein Großteil des historischen Wissens über Frauen und andere Geschlechter ist bis heute nicht adäquat aufgearbeitet und auch im Netz unsichtbar. In der Wikipedia-Logik heißt das zunächst nur: Es fehlen Belege. Tatsächlich heißt es: Die Ausschlüsse werden digital verdoppelt. Frauenbiographien enthalten häufig Angaben zu Familienstand und Kinderzahl, während bei Männern Ausbildung, Werk und öffentliche Funktionen dominieren. Die Erzählmuster des Patriarchats wandern mit der Quellenlage in die Datenstruktur ein. Eine derartige Enzyklopädie gilt dann nicht nur als objektiv, sondern auch als ordentlich.

Am epistemischen Bias ändern auch die Schwesterprojekte von Wikipedia nur wenig. Wikidata, Wikinews, Wikiversity: alles nützliche Erweiterungen, aber kein Mittel gegen soziale Asymmetrien. Selbst ein gut belegter Artikel über Science-Fiction-Autorinnen kann an Relevanzhürden, Routinen oder schlicht an Desinteresse der männlich dominierten Community scheitern. Das bereits Dokumentierte ist stets leichter nachweisbar als das Marginalisierte. Wer schon im gedruckten Archiv randständig war, wird auch im digitalen Nachschlagewerk nicht zur Hauptfigur. Das Netz schafft keine zweite Welt, es dupliziert lediglich die erste unter veränderten Bedingungen.

Dieser Tage überspringen immer mehr Nutzer die Wikipedia-Seiten und befragen statt dessen direkt Chatbots und generative KI. Ihre Informationen beziehen diese wiederum aus der Onlineenzyklopädie und ihren Derivaten. Wikimedia selbst reagiert darauf ambivalent. Einerseits wurden bezahlte »Enterprise«-Zugänge für KI-Firmen ausgebaut, andererseits kämpft die Community mit KI-generierten Einfügungen, halluzinierten Quellen und dem Problem, das alles überhaupt erst einmal zu erkennen. Schon war vom »großen KI-Frühjahrsputz« die Rede. Aktiv sind dabei nicht nur klassische Bots, die Vandalismus rückgängig machen oder Daten pflegen, sondern zunehmend auch Werkzeuge, mit denen KI-verdächtige Texte gefunden, Vergleichsstellen identifiziert oder Widersprüche aufgespürt werden können. Wikimedia beschreibt dieses Spannungsfeld selbst als Konflikt zwischen kollektiver und künstlicher Intelligenz. Die Frage kollektiver Autorschaft stellt sich neu.

Vor 25 Jahren hat Wikipedia damit begonnen, die »Funktion Autor« zu entmystifizieren: Kein vereinzeltes Genie, sondern ein Prozess der vielen ist es, der irgendwann zu einer vorläufig stabilen Version eines Artikels führt. Ausgerechnet in dem Moment, da dieses Modell gesellschaftlich etabliert ist, droht die Gegenbewegung: Was bei Wikipedia als kollaborative Geschichte nachvollziehbar blieb, wird zur Aufgabe automatisierter Bots. Wer ist also der Urheber von Wikipedia, dem angeblich größten Informationsgesamtkunstwerk im Netz? Nicht Jimmy Wales, nicht die Wikimedia-Stiftung, nicht die Administratoren und auch nicht die Autorencommunity. Ihr Urheber ist ein sozialer Zusammenhang, basierend auf Freiwilligenarbeit, Softwarelogik, Quellenordnung, Geldmangel, Regelwut, Eitelkeitsverzicht und sehr viel Zeit. Wikipedia ist zu einer Onlineenzyklopädie geworden, durch die eine Gesellschaft Wissen über sich selbst nachschlägt und währenddessen darüber streitet, was davon noch relevant ist. Bouvard und Pécuchet wären in ihr vermutlich versunken. Nicht weil sie endlich alles Wissenswerte gefunden und geordnet hätten. Sondern weil sie begriffen hätten, dass die Bibliothek von Babel unendlich ist.

Barbara Eder ist freie Journalistin. Zuletzt erschien von ihr an dieser Stelle in der Ausgabe vom 31.1./1.2.2026 ihr Essay »Der letzte Reggae« über den Schriftsteller Peter-Paul Zahl

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.04.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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  • Doris Prato 20. Apr. 2026 um 11:33 Uhr
    Wikipedia ist eine Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten, Nichtwahrheiten und des Verschweigens von Tatsachen. Zwei Beispiele von Unzähligen: Zur Rolle der CIA und ihrer italienischen Komplizen bei der Entführung des christdemokratischen Parteivorsitzenden Aldo Moro am 16. März 1978 durch die Roten Brigaden veröffentlichte La Repubblica bereits am 18. März 1978 die ihr von einem Geheimdienstoffizier übermittelte Information, dass die Entführung Moros und die Ermordung seines Begleitkommandos „eine militärische Aktion“ war, ein „Glanzstück an Perfektion“, die nur „von Militärs mit ausgetüfftelter Spezialausbildung oder von Zivilisten, die in für Kommandounternehmen spezialisierten Militärstützpunkten einem langen Training unterzogen wurden, durchgeführt werden konnte“. Die Ausbildung dieser Spezialisten erfolgte, wie der Chefredakteur der römischen Wochenschrift Tempo, Livio Januzzi, bereits am 14.Juni 1975 auf einer Pressekonferenz in Rom enthüllt hatte, für Rotbrigadisten in einem geheimen NATO-Stützpunkt auf Sardinien. Unverdrossen behauptet Wikipedia dagegen bis heute, das seien „Verschwörungstheorien“ und die „Hintergründe der Tat sind bis heute umstritten“.
    Eine typische Mischung von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten bzw. das Verschweigen von Tatsachen ist die Darstellung der Ermordung des Präsidenten des Energiekonzerns ENI, Enrico Mattei, am 27. Oktober 1962 durch den Absturz seines Privatflugzeuges bei Pavia durch die CIA und ihre geheime NATO-Truppe Gladio. Sie erfolgte, weil Mattei sich weigerte, die ENI der Herrschaft der US-amerikanischen Standard Oil unterzuordnen. Außerdem trat er für eine sozialverträgliche Lösung der „kommunistischen Frage“ durch deren Einbeziehung in die Regierung ein. Nach der Aufdeckung der geheimen NATO-Truppe Gladio (siehe Gerardo Serravalle, ehemaliger Gladio-Kommandeur, in Gladio, Rom 1991) und in den Mafia-Prozessen der 90er Jahre wurde bekannt, dass ein Offizier der Leibwache Matteis, der das Flugzeug vor dem Start inspizierte, zu Gladio gehörte. Drahtzieher waren Leute der Standard Oil und der CIA, die sich auf Sizilien der Hilfe der Mafia bedienten. Brisantes Detail: Zur Zeit des Attentats war John McCone, langjähriger Chef der CIA-Station in Rom, mit einer Million Dollar Aktienbesitzer und Teilhaber an der Standard Oil. Tunlichst verschwiegen wird von Wikipedia auch, dass die New York Times bereits am nächsten Tag von Umständen schrieb, „durch die der Tod eines einzelnen eine Bedeutung für die ganze Welt bekommen kann“. Für Washington war der Befürworter einer sozialverträglichen Lösung der „kommunistischen Frage“ ausgeschaltet. In Rom wurde postwendend ein ENI-Nachfolger ernannt, der ganz nach dem Geschmack der Standard Oil war: Eugenio Cefis, der als Finanzier der Faschisten im Geflecht der von der CIA zur Ausschaltung der Kommunisten betriebenen Spannungsstrategie und der Verwicklung in rechtsextreme Putschversuche sowie Mafia-Aktivitäten unrühmlich bekannt wurde. Cefis unterzeichnete bereits im März 1963 ein neues langfristiges Abkommen, welche die italienische Ölversorgung ganz unter die Kontrolle der Standard Oil stellte. Wikipedia räumt zwar Zweifel an der These des Unfalls ein, erwähnt, dass ein Journalist der La Repubblica 1970 vermutlich von der Mafia ermordete wurde, weil er dem Komplott auf der Spur war, bleibt aber letztendlich bei ihrer an die Spitze gestellten Einschätzung, dass Mattei „bei einem Unfall ums Leben kam“.
    • Onlineabonnent*in Margot M. aus F. 21. Apr. 2026 um 08:44 Uhr
      Eine linke bzw. marxistische Enzyklopädie wäre schön und wünschenswert. Z. B. mit einer chronologischen Auflistung aller Regimeumstürze und Übergriffe des US-Imperialismus.
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