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13.04.20261 Leserbrief
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Im Osten nur Randale
Nachbetrachtung: Zwischen Anhängern von Dynamo Dresden und Hertha BSC kam es am 4. April zu Ausschreitungen und einer Spielunterbrechung
Die Republik ist erzürnt: Von links wie rechts drischt der deutsche Spießbürger auf die scheinbar wild gewordenen Fußballfans ein. Der sächsische Innenminister spricht von »Gewaltfolklore« und scheint am liebsten die Tribünen aus dem Spiel verbannen zu wollen. Nur wenige Monate nach einer bundesweiten Fandemonstration unter dem Motto »Der Fußball ist sicher« haben sich ordnungsliebende Teilnehmer dieser bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft zusammengerottet, um mit dem Finger auf die alkoholdünstenden Fußballfans zu zeigen, die sich und den Sport zu ernst nähmen.
Der Ablauf des Zweitligatopspiels am Karsamstag (4. April) versprach genau das. Die Sportgemeinschaft Dynamo aus Dresden empfing die alte Dame aus dem Westen der Hauptstadt. Erst zum fünften Mal maßen sich die Vereine: auf dem Platz und auf den Rängen. Nachdem es bereits im Hinspiel – nebst Ponchoverbot für die Dresdner Auswärtsmeute – im Oberrang des Berliner Olympiastadions zwischen Fans gerappelt hatte, waren wohl einige Anhänger um eine Fortsetzung der Rivalität bemüht.
Bekanntermaßen entwendeten Dresdner an diesem Abend eine kleine Ostkurvenfahne, die am oberen Ende des Auswärtsblocks befestigt war. Wenige Minuten später knallte der K-Block mit der melodisch vorgetragenen Frage »Wo ist eure Fahne hin?« dem ganzen Rund um die Ohren, was zuvor passiert war. Eine subkulturell vorgetragene Schmach des gegnerischen Fanlagers, die es nicht nur zum vorzeitigen Verlassen des Stadions brachte, sondern vorab einige Auswärtsfahrer motivierte, den Innenraum zu betreten und den Frust nach außen zu zelebrieren.
Fackeln flogen hin und her – zwischenzeitlich waren rund 50 Dresdner Fans aus dem K-Block über den Platz geeilt, um den wütenden Hauptstadtanhang persönlich hinaus begleiten zu können. Dabei waren noch keine 20 Spielminuten vergangen. Was für die Sportliebhaber zu einer halbstündigen Unterbrechung führte, war für die Sicherheitsbehörden offensichtlich eine Schmach.
So betraten Einsatzhundertschaften aus Sachsen und Thüringen sowie die berühmt-berüchtigten Einheiten des Bayrischen Unterstützungskommandos (USK) den heiligen Rasen, um die Elbflorenzverliebten schleunigst in den für sie vorgesehenen Bereich zurückzuscheuchen. Nebenbei wurde auch noch eine kritische Rückfrage aus dem Bereich der Gegengerade des Rudolf-Harbig-Stadions durch einen USKler mit Reizgaseinsatz beantwortet.
Was die Law-and-Order-Fraktion der bürgerlichen Innenpolitik à la Armin Schuster (CDU) als gewaltiges, weil medienwirksames Ereignis ausnutzt, um zum wiederholten Male den Empörungsterrorismus gegen organisierte Fußballfans anzuschieben, wird auch auf progressiver Seite als Eigentor gewertet. Zu oft sprachen Fanbündnisse wie »Unsere Kurve« oder der deutschlandweite Ultraverbund »Fanszenen Deutschlands« im Rahmen der durch die Innenministerkonferenz angekündigten Repressalien davon, dass der Fußball sicher sei. Daraus folgt: So dürfe man sich – gerade in der aktuell politisch angespannten Phase – einfach nicht präsentieren.
Das Fußballmagazin 11 Freunde erklärte die Ausschreitung kurzerhand zum Männlichkeitsproblem. Ein Vorwurf, der als Dauerbrenner herhalten muss, wenn es um einen problematischen Sachverhalt geht, zu dessen Klärung die Nennung der Geschlechterverhältnisse ausreichen soll, um angeblich solide moralische Kritik vorgebracht zu haben.
Nun könnte man ketzerisch die Frage stellen, ob für die Deutschen eine Debatte bereits dann erledigt ist, wenn der moralische Kompass medial und politisch verfügbar gemacht, kanalisiert und ein Werturteil gefällt wurde. Anders lässt es sich kaum erklären, dass eine verschmerzbare Unterbrechung des Fußballspiels ohne eine einzige durch Fans verletzte Person zu einer Schreckensnacht des deutschen Fußballs gemacht wurde. Der polizeiliche Reizgaseinsatz hingegen dürfte sehr wohl einige Dresdner am Verfolgen des Spitzenspiels gehindert haben.
Zwischen solcherlei Sicherheits- und Männlichkeitsbegriffen findet sich eine deutsche Fanlandschaft wieder, die den 4. April besser als Exempel der zu exekutierenden Stadionsicherheit betrachten sollte, als Mahnmal bürgerlichen Empörungsterrorismus. Anstatt die Debatte zu führen, wie stark die Dresdner der deutschen Fanlandschaft geschadet hätten, bräuchte es einen Ausweg aus der faneigenen Strategielosigkeit. Sicherheit definieren weder Staat noch Kapital, die Stimmung ohnehin nur im marktkonformen Zustand wollen. Sicherheit im Namen der fußballerischen Massen bedeutet hingegen: Gemeinschaft. Nur ein selbstbestimmter Fußball kann diese Form von Sicherheit versprechen.
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Joachim Seider aus Berlin 13. Apr. 2026 um 09:08 UhrGewalt in Stadien ist kein isoliertes Phänomen, sie ist lediglich eine der vielen Facetten einer Gesellschaft, die ständig mehr auf Gewalttätigkeit setzt. Trump terrorisiert die Welt, die Republik ihre Bürger, der Chef den Mitarbeiter. Was wohl geschieht in den Köpfen der Menschen, denen man Kriegstüchtigkeit verordnet und Hass predigt? Und dann klagt das Bürgertum lauthals darüber, dass sich die Geister auch einmal ausprobieren wollen, nach denen man selbst ständig ruft. Es sind die, die ständig Gewalt in die Welt bringen, die man für die Gewalt in den Stadien anklagen muss. Die Randalierer sind lediglich ihre tumben Werkzeuge.
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