Der schöne Verlierer
Von Thomas Grossman
»I Ain’t Marching Anymore« lautet der Titel der wohl bekanntesten Antikriegshymne des Protestsängers Phil Ochs. Das gleichnamige Album erschien 1965 (die Single 1966). Ab Februar 1965 wurde Nordvietnam von den USA direkt bombardiert. Aus der Perspektive eines kriegsmüden Soldaten zählt das Lied diverse Kriege der USA und einige signifikante Schlachten auf, zu denen der (archetypische) Soldat eingezogen wurde: gegen die Briten 1812–1814 (»Schlacht von New Orleans«, Januar 1815), »Schlacht am Little Bighorn« (Juni 1876), Krieg gegen Mexiko (1846–1848), der Sezessionskrieg (1861–1865), gegen die Deutschen im Ersten Weltkrieg und schließlich die Atombombenabwürfe auf Japan im Zweiten. Es sind immer die Alten, die uns in den Krieg schicken, und immer die Jungen, die fallen, heißt es in dem Song.
Von der britischen Musikzeitschrift Melody Maker wurde Phil Ochs einmal die »Stimme des Protests« genannt, aber auch der »exemplarische Verlierer«. Beides trifft zu. Am 9. April 1976 ist Ochs freiwillig aus dem Leben geschieden.
Geboren wird er als Sohn eines jüdischen Arztes und einer schottischen Mutter am 19. Dezember 1940 in El Paso, Texas. Seine Helden als Jugendlicher sind Johnny Cash und Elvis Presley, später auch Fidel Castro und Che Guevara. Durch eine Wette gewinnt er eine Gitarre, sobald er sie spielen kann, gibt er sein Journalismusstudium an der Ohio State University 1962 auf und zieht in den Folkmusik-Schmelztiegel New York. Die Ideen für seine Texte nimmt er sich aus Newsweek, sagt er (und die Melodien von Mozart, fügt er hinzu). Sein Debütalbum trägt 1964 den treffenden Titel »All The News That’s Fit To Sing«.
Der Nestor des Folk in den USA, Pete Seeger, meinte zu Ochs: »Ich wünschte, ich hätte ein Zehntel deines Songwritertalents.« Und Bob Dylan erklärte einmal freundlich: »Ich kann mit Phil einfach nicht mithalten. Und er wird besser und besser.« Später wird Dylan nicht mehr ganz so zuvorkommend zu Ochs sein, aber sowohl Ochs als auch Dylan ist klar, dass ein wirklich gutes Lied die Massen mehr bewegen kann als manche Kundgebung.
Bei den wichtigen Newport-Folkfestivals 1963, 1964 und 1966 wird Ochs gefeiert, auch bei Kundgebungen ist er einer der gefragtesten Sänger. Als Bob Dylan ab 1964 keine eindeutig politischen Songs mehr schreibt, kürt das renommierte Folkmagazin Sing Out! Ochs zum »König des Protestsongs«.
Jahre später ist er überzeugt, dass eine Revolution in den USA nur eine Chance hat, wenn ein Elvis Presley, der ja die Arbeiter erreicht, zu einem Che Guevara wird. 1970 tritt er in der Carnegie Hall in New York im Elvis-Goldlaméanzug auf und singt Rock ’n’ Roll, was allenthalben für Verwirrung sorgt. Der Auftritt ist auf dem 1974 erschienenen Livealbum »Gunfight at Carnegie Hall« dokumentiert. Den goldenen Elvis-Anzug kann man auch auf dem Cover seines von keinem Geringeren als Van Dyke Parks produzierten 1970er Album »Greatest Hits« bewundern. Auf der Rückseite steht in goldenen Lettern seine Antwort auf Elvis: »50 Phil Ochs Fans Can’t Be Wrong«.
Die 70er meinen es dennoch nicht gut mit Ochs. Immer öfter leidet er an Depressionen, kann, auch weil die Friedensbewegung langsam abebbt, keine Lieder mehr schreiben (er thematisiert das in dem Lied »No More Songs«). Radio und TV boykottieren ihn sowieso. Auf einer Afrikatournee wird er 1973 in Tansania an einem Strand bei Daressalam von drei Unbekannten überfallen und schwer verletzt, auch seine Stimmbänder nehmen von dem Versuch, ihn zu erwürgen, erheblichen Schaden. In den USA läuft er später – ziemlich paranoid davon überzeugt, die CIA verfolge ihn – mit Hämmern und Messern bewaffnet herum, selbst seine alten Freunde haben Angst vor ihm. Mehrmals wird er betrunken verhaftet. Bob Dylan nimmt ihn 1975 nicht mit auf seine große Rolling-Thunder-Revue. Schließlich erhängt sich der erst 35jährige im Hause seiner Schwester in Far Rockaway, New York. Er hinterlässt keine Abschiedsnotiz. Seine Asche wird in seiner Wahlheimat Schottland zerstreut. Zum Gedächtniskonzert am 28. Mai im Madison Square Garden kommen 5.000 Trauernde.
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