Ärzte in England streiken wieder
Von Dieter Reinisch
Kaum waren die Tarifverhandlungen im britischen Gesundheitswesen NHS erneut gescheitert, kündigte die britische Ärztegewerkschaft British Medical Association (BMA) am Mittwoch abend an, nach Ostern für sechs Tage flächendeckend in den Ausstand zu treten. Die BMA erklärte, sie ergreife Maßnahmen, da die Labour-Regierung nicht ihren Gehaltsforderungen und Bedenken hinsichtlich des Stellenmangels Rechnung trage. Seit 2010 ist ihr Reallohn laut BMA-Daten im Schnitt um über 20 Prozent gefallen. Der Streik folgt auf mehr als zwei Monate währende Verhandlungen seit Neujahr.
Seit März 2023 waren die britischen Ärzte in 14 flächendeckende Streiks getreten, jeweils für mehrere Tage. Die kommende Arbeitsniederlegung wird am 7. April mit der Frühschicht beginnen und der 15. Arbeitskampf in den aktuellen Verhandlungen sein. Die Verhandlungen scheiterten, als das Regierungsangebot kam, das für 2026/27 eine Gehaltserhöhung um 3,5 Prozent vorsah, berichtet die BBC. Die Erhöhung wurde von der unabhängigen Gehaltsprüfungskommission des britischen Parlaments empfohlen und von der Regierung akzeptiert. Darüber hinaus hatte die Regierung angeboten, einen Teil der Auslagen von Assistenzärzten zu übernehmen, darunter Prüfungsgebühren. Außerdem wollte sie die Anzahl der Ausbildungsplätze erhöhen, um dem von der BMA kritisierten Mangel an Fachkräften zu Beginn des dritten Ausbildungsjahres entgegenzuwirken, berichtet das European Medical Journal.
Assistenzärzte sollten außerdem die Möglichkeit erhalten, schneller in höhere Gehaltsstufen aufzusteigen. Im NHS gibt es für Ärzte fünf Gehaltsstufen, die bei jährlich 39.000 Pfund Sterling (45.000 Euro) beginnen und bis zu 74.000 Pfund Sterling (85.500 Euro) reichen. Die BMA bezeichnete das Angebot jedoch als »vernichtenden Schlag« für die Ärzte. Die rollierende Inflation für die zwölf Monate bis 2026 liegt bei 3,6 Prozent, doch warnen OSZE und britische Ökonomen vor einem rapiden weiteren Anstieg aufgrund des Angriffs auf den Iran, der langfristige Auswirkungen auf die Teuerungen haben wird.
Der BMA-Vorsitzende Tom Dolphin sagte, die Ankündigung werde »viele dazu veranlassen, darüber nachzudenken, warum sie weiterhin alles für ein System geben sollten, das sich weigert, sie wertzuschätzen«. BMA-Sprecher Jack Fletcher erklärte der BBC, das vorliegende Angebot würde angesichts der aufgrund globaler Ereignisse zu erwartenden steigenden Inflation zu weiteren Reallohnkürzungen führen: »Wir werden den Ärzten schlichtweg kein Angebot unterbreiten, das weitere Gehaltskürzungen riskiert, gerade jetzt, wo Ärzte weiterhin Großbritannien verlassen, um im Ausland zu arbeiten.«
Labour-Gesundheitsminister Wes Streeting bezeichnete die Erwartungen der BMA als »unangemessen und unrealistisch«. Es sei enorm enttäuschend für die Patienten und NHS-Mitarbeiter, dass die BMA dieses Angebot abgelehnt habe, sagte er. Streeting meint, die Regierung »hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ein großzügiges Paket vorzulegen, das das Arbeitsleben und die Karrierechancen der Assistenzärzte grundlegend verbessert hätte«. Die BMA widerspricht: Die Gehälter von Assistenzärzten würden trotz der Gehaltserhöhungen in den vergangenen Jahren, wenn sie durch Inflation korrigiert würden, immer noch ein Fünftel niedriger sein als 2008.
Neben der Streikankündigung in England kritisierten auch die Gewerkschaften in Nordirland und Wales die Empfehlung von 3,5 Prozent und warnten davor, dass Gehaltserhöhungen unterhalb der Inflationsrate die Moral untergrüben und Ärzte dazu veranlassen würden, Arbeitskampfmaßnahmen in Erwägung zu ziehen, berichtet Reuters. Eine Entscheidung über Kampfmaßnahmen wurde noch nicht getroffen. Die BMA vertritt rund 55.000 der Assistenzärzte in England, die laut eigenen Angaben knapp zwei Drittel der medizinischen Fachkräfte ausmachen. Der kommende Streik wird der längste in diesem Konflikt sein – nur einmal zuvor hatten Assistenzärzte an einem sechstägigen Streik teilgenommen.
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