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17.03.2026
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Hirse (5)
Ich kannte Hirse immer nur als Vogelfutter. Meine Eltern hatten in ihrer Wohnung ein großes Beet mit Pflanzen. Als ich mit zwölf ein Paar Webervögel in einem kleinen Käfig geschenkt bekam, ließen wir die beiden Vögel frei und hängten mehrere Kugelnester für sie zwischen die Pflanzen, die von ihnen angenommen wurden. Zu fressen bekamen sie Kolbenhirse und gelegentlich Kräuter. Die beiden Webervögel, Afrikanische Silberschnäbel, vermehrten sich schon bald. Einmal fing ich einen alten Spatz in unserer Straße, der Atemprobleme hatte, vielleicht Asthma, und nur noch kurze Strecken fliegen konnte. Ich ließ ihn in unserer Wohnung frei, er gesellte sich sofort zu den inzwischen elf Webervögeln und ernährte sich ebenfalls von der Hirse, die ihm anscheinend guttat, denn er lebte noch einige Jahre und hatte irgendwann auch keine Atemprobleme mehr. Für die Kugelnester war er zu groß, deswegen schlief er auf ihnen. Irgendwann taten es ihm einige junge Webervögel nach.
Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow berichtet in seiner Erzählung »Der Staatsbewohner« (1927/2025) von einem russischen Dorf namens Kosma, wo ein gewisser Pjotr Jewesejewitsch sich fragte: »Sind womöglich Vögel an der Hirse? Die werden die jungen Körner picken, und wovon soll sich dann die Bevölkerung ernähren?« Eilig ging er zum Hirsefeld, »und ertappte dort tatsächlich fressende Vögel«: Spatzen, die er vertrieb. Zu Beginn der Nacht ging er in seine Wohnung zurück. »Auch die Spatzen waren jetzt ruhig, sie werden nicht Hirse futtern kommen; über Nacht werden die Körnchen an den Rispen weiter reifen und erstarken – und morgen wird das Auspicken schon schwerer sein.« Damit beruhigte er sich. Und wenn sie die Körner doch auspicken? Sollen sie doch, sagte er sich.
Auf vogelwunderland.de heißt es, dass neben dem Sperling auch Kanarienvögel, Wellensittiche und Zebrafinken Hirse als Nahrung bevorzugten. Das Forum wirfuerstier.de gibt jedoch zu bedenken: »Obwohl sie vergleichsweise fettarm ist, kann Hirse bei Heimvögeln zu Übergewicht führen. Der Grund dafür ist, dass viele Tiere sie häufig in sehr großen Mengen verzehren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Kolbenhirse und Rispenhirse sollten deswegen nur in kleinen Mengen und als gelegentliche Leckerbissen gereicht werden.« Weil wir das damals nicht wussten, gaben wir ihnen so viele Hirsekolben, wie sie wollten. Es schadete ihnen nicht.
In dem Buch des US-amerikanischen Forschungsreisenden Peter Matthiessen »Die Könige der Lüfte. Reisen mit Kranichen« (2001) berichtet der Autor über seine Besuche der Brut-, Rast- und Überwinterungsplätze der 15 damals noch lebenden Kranicharten in Russland, Asien, Europa, Australien und Nordamerika. Zusammen mit dem Gründer der »International Crane Foundation« (ICF), George Archibald, fuhr Matthiessen nach Rajasthan und dort in das Dorf Khichan, wo sich jainistische und hinduistische Händler zusammengetan haben, um für Hunderte überwinternder Jungfernkraniche zu sorgen. Diese sind zwar im Gegensatz zu den Saruskranichen argwöhnischer, aber an Khichan haben sie sich gewöhnt, schreibt er. Sie fliegen zweimal täglich über das Dorf und lassen sich dann auf einem »60 mal 90 Meter großen Gehege nieder, das mit Stacheldraht eingezäunt ist, um Schweine, Hunde und Kinder fernzuhalten«. Dort werden die etwa 5.500 Vögel gefüttert: 6.800 Kilogramm feine weiße Hirse täglich. »Mit Hilfe einheimischer Stiftungen wird dieses Opfer seit 20 Jahren dargebracht.«
In Australien beobachtete Matthiessen ebenfalls zwei Kranicharten. Die Brolgakraniche, auch Wüstenkraniche genannt, halten sich auf Farmland im Outback Nordwestaustraliens auf, wo Hirse und Baumwolle angebaut wird, die man aus Reservoirs bewässert. Die großen Vögel, mit einer Flügelspannweite von zweieinhalb Metern, pickten nicht nur an den jungen Hirsepflanzen, »sondern stachen auch tief in den Boden und holten diese komplett mit den Wurzeln heraus«. Die Farmer schossen oder vergifteten sie deswegen. Aber als dies zunehmend kritisiert wurde, hörten sie damit auf.
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